Alle Artikel in: Geschichte

Wirtschaftsgeschichte & Co.

Ein Produkt unter vielen Rechnern mit ganz unterschiedlichen Architekturen: Hier der PC K8915 von Robotron mit externen Disk-Laufwerken. Foto. Heiko Weckbrodt

Krolikowski wollte Robotron im Königsschloss

Vom Hochtechnologie-Dreieck der DDR bis zum „Silicon Saxony“ Dresden, 21. Februar 2019. Die ostdeutsche Wirtschaftsführung hatte im Süden der DDR ab Ende der 1960er Jahre ein Hochtechnologie-Dreieck geschaffen, das bis heute nachwirkt. Das hat Rechentechnik-Kustos Dr. Ralf Pulla von den Technischen Sammlungen Dresden (TSD) beim Lingnerpodium „50 Jahre Robotron“ in Dresden eingeschätzt. In diesem Dreieck stellte Carl Zeiss Jena die anspruchsvollen Anlagen für die Chipproduktion her. Das Kombinat Mikroelektronik mit Hauptsitz in Erfurt und dem Entwicklungszentrum ZMD in Dresden entwickelte und stellte die Prozessoren und Speicherchips her. Und das Kombinat Robotron konstruierte daraus die Computer, die zumindest im Ostblock reißenden Absatz fanden. „Der Umstand, dass wesentliche Teile dieses Dreiecks im Raum Dresden konzentriert waren, spielte später eine wichtige Rolle dafür, dass sich hier das heutige Silicon Saxony entwickeln konnte“, meint Dr. Pulla.

Die Dresdner Tanzsinfoniker 1955 im Dresdner Schillergarten. Foto: Richard Peter jun. SLUB, Deutsche Fotothek, Titelabbildung aus: S. Bretschneider: Tanzmusik in der DDR

Buch „Tanzmusik in der DDR“: Warum die Kulturfunktionäre in Dresden zunächst scheiterten

Kulturwissenschaftler Bretschneider beleuchtet in seinem Buch, wie sozialistische Kulturpolitik funktionierte – oder eben auch nicht Für die kommunistischen Kulturpolitiker waren Jazz und ähnliche westliche Tanzmusik-Stile, die in der deutschen Nachkriegsjugend in Ost wie West zu populär waren, ein einziger Graus. „Die politischen Hintergründe sind klar“, ereiferte sich beispielsweise DDR-Musikjournalist Reginald Rudorf in der Zeitschrift „Musik und Gesellschaft“ im Jahr 1954 über die Jazzer: „Der sich entwickelnde amerikanische Faschismus will die einfachen Menschen durch chaotische Machwerke für die Verwirklichung seiner Weltherrschaftspläne reif machen.“ Überschrieben hatte er seine Kampfschrift übrigens mit dem Titel „Die Tanzmusik muss neue Wege gehen.“ Tatsächlich aber brauchten die kommunistischen Kulturpolitiker nach dem Zweiten Weltkrieg noch mindestens 20 Jahre, bis sie ihre „neuen Wege“ schrittweise durchgesetzt und eine „eigene“, eine „sozialistische“ Tanzmusik-Tradition in der DDR etabliert hatten.

Das Archivbild zeigt einen Taxtifahrer, der das Taxameter Botax 80 aus dem WTZK Dresden testet. Foto: WTZK / VEB Taxi Dresden, Repro: Heiko Weckbrodt

WTZK Dresden: Vom Militär-Fahrtrainer bis zum Taxi-Bordrechner

Ein Forschungsbrüter für den DDR-Kraftverkehr im Überblick Dresden, 29. Januar 2019. Die Forschungslandschaft der DDR war weit weniger monolithisch, als sie gelegentlich im Rückblick erscheint: Zwischen der Grundlagenforschung in den Unis und in der Akademie der Wissenschaften auf der einen Seite und den anwendungsnahen Entwicklungsabteilungen der Kombinate gab es mit den „Wissenschaftlich-technischen Zentren“ eine Zwischenschicht. Diese Zentren erledigten jeweils für eine ganze Branche der DDR-Wirtschaft Forschungsprojekte, für die die einzelnen Betriebe keine Ressourcen hatten. Zu diesen besonderen Einrichtungen gehörte auch das „Wissenschaftlich-Technisches-Zentrum des Kraftverkehrs“ (WTZK) in Dresden, das als Volkseigener Betrieb (VEB) organisiert war. Dessen Arbeit haben Andreas Kretschmer und Eberhard Treufeld inzwischen dokumentiert, auf diese Ausarbeitungen sowie Zeitzeugenberichte stützt sich auch dieses Kurzporträt.

Ausschnitt aus dem Aufzug zu einem Turnier das Paradies und des Sündenfall darstellend in sechs Teilen vor 1586. Quelle: Hofmarschallamt, Repro: Sächsisches Staatsarchiv

Sachsens Hofmarschallamt geht ins Netz

Lustschiffe und Pseudotürken: Sächsisches Staatsarchiv stellt über 600.000 weitere Digitalsate ins Netz Dresden, 20. Dezember 2018. Wer musste zu Hofe wo stehen, wenn ein verdienstvoller Sachse in den Adelsstand zu erheben war? Welches Wappen hatte der siebte Stiefgroßonkel der Kurfürstin? Welche Kostüme müssen für Augusts nächstes Turnier genäht werden und kann man in den Festzug ein paar Pseudo-Türken einbauen? Im kurfürstlich-königlichen Sachsen beschäftigte sich eine ganze Behörde jahrhundertelang nur mit solchen Herausforderungen: das Hofmarschallamt. Das sächsische Staatsarchiv in Dresden hat die Akten, Zeichnungen, Pläne und Tafeln nun digitalisiert und ins Internet gestellt – insgesamt über 600.000 Digitalsate sind nun online gegangen.

Die Ähnlichkeit mit einem Bomber ist nicht zufällig: Die Konstrukteure der 152 entwickelten vorher bei Junkers und nach dem Krieg in der SU Militärflugzeuge - daher auch der ungewöhnliche Schulterdecker-Ansatz. Foto: Lorenz

DDR-Traum vom Fliegen wirkt in Sachsen bis heute nach

60 Jahre nach dem Erstflug des Düsenfliegers „152“ wächst in und um Dresden wieder eine Luft- und Raumfahrtwirtschaft Dresden, 4. Dezember 2018. Die in Dresden ausgelebten Träume der ostdeutschen Kommunisten von einem eigenen Flugzeugbau mögen 1961 ein katastrophales Ende gefunden haben – für die sächsische Industrie wirkt das ehrgeizige Programm bis heute positiv nach. Zu dieser Einschätzung sind Wirtschaftspolitiker sowie Vertreter der sächsischen Luft- und Raumfahrtwirtschaft bei einer Jubiläumsfeier rund um diese diese 60 Jahre alten Tradition gekommen.

War als Teil eines Ensembles von acht sowjetischen Wolkenkratzern in Moskau geplant, von denen nur sieben realisiert wurden: der Neubau der Lomonossow-Universität auf den Sperlingsbergen. Abb. aus: "Paläste des Volkes", Absolut Medien

DVD „Paläste des Volkes“: Der Pomp realsozialistischer Gottkönige

Doku-Reihe beleuchtet Monnumental-Architektur im Ostblock Schon zu Stalins Lebzeiten wurde dessen Vorliebe für gigantomanische Spitztürmchen-Komplexe als Zuckerbäckerarchitektur belächelt und als minderwertig abgetan. Ähnlich abfällig waren vor allem im Westen die Urteile über die pompösen Bauwerke anderer realsozialistischer Gottkönige – von Ceaușescus persönlichem Volkspalast in Bukarest bis zu Honeckers „Lampenladen“ in Ostberlin. Mit der Doku-Reihe „Paläste des Volkes“, die nun auf DVD erschienen ist, haben Boris Missirkov und Georgi Bogdanov die Genese, die Ideen und das postsozialistische Nachleben von vier dieser steinernen Zeitzeugnisse unter die filmische Lupe genommen: Stalins Neubau für die Lomonossow-Uni in Moskau, Titos jugoslawischen Regierungspalast in Belgrad, Todor Schiwkows „Nationaler Kulturpalast“ in Sofia und Nikolae Ceaușescus „Haus der Volkes“ in Bukarest.

Tja, was wollten uns die Künstler damit sagen? Steinzeit-Monolithen alias Hinkelsteine in der Bretagne. Abb. aus: "Rätsel der Steinzeit", Absolut Medien

DVD „Rätsel der Steinzeit“: Die Krieg kamen erst mit der Bronze

Doppel-Doku beleuchtet, wie und warum die Menschen vor etwa 8000 Jahren in die Monumental-Architektur einstiegen Steinzeit-Menschen gelten uns in vielen Redensarten heute als Primitivlinge. Tatsächlich aber gelang unseren Vorfahren vor rund 8000 Jahren ein enormer Zivilisations- und Technologiesprung. Davon künden bis heute Steinkreise, Säulen, Palast- und Tempelreste quer durch Europa, deren Zweck wir oft nicht bis zum Letzten verstehen, die uns aber Respekt einflößen: Diese oft viele Tonnen schweren Monolithen und “Hinkelsteine” zu bewegen und gar übereinander zu wuchten, und das ganz ohne Kran und Traktor, war eine enorme Leistung, die ein gewachsenes Verständnis von Werkzeugen, Hebelkraft und elementarer Physik spiegelt. Auf einer nun erschienenen DVD geht die Filmemacherin Barbara Puskas in zwei Dokumentationsstreifen diesen „Rätseln der Steinzeit“ nach.

Der sächsische König Friedrich August III. um 1907 in der Uniform seines Garde-Reiterregiments. Foto (Ansichtskarte): Kunstverlag Brück & Sohn aus Meißen, Wikipedia., CC1-Lizenz

Der König hat abgedankt, es lebe der Freistaat!

Staatsarchiv in Dresden erinnert mit Internet-Ausstellung an Gründung der Republik Sachsen vor 100 Jahren Dresden, 7. November 2018. „Seine Majestät der König hat auf den Thron verzichtet…“. Mit diesem Schreiben an sämtliche Ministerien gab das Außenministerium am 13. November 1918 bekannt, dass der letzte sächsische König, Friedrich August III., abgedankt hatte. Wenige Tage zuvor, am 10. November, hatte der „Vereinigte revolutionäre Arbeiter- und Soldatenrat von Groß-Dresden“ im Zirkus Sarrasani die Republik ausgerufen. In diesen Tagen feiert der Freistaat Sachsen daher sein 100. Jubiläum. Das sächsische Hauptstaatsarchiv hat aus diesem Anlass eine Sonderausstellung im Internet eröffnet.

Ausschreitungen gegen Juden vor der Synagoge in Dresden im November 1938. Foto: Heiko Weckbrodt

Der gedemütigte Tempeldiener, der Nazi und das Kind

Datenbank über Pogrome 1938 in Sachsen freigeschaltet Dresden, 2. November 2018. Sie wurden gedemütigt, in KZs verschleppt, ihre Wohnungen und Synagogen zerstört: Die gewalttätigen Ausschreitungen gegen Juden in Sachsen jähren sich in wenigen Tagen zum 80. Mal. Damit nicht vergessen wird, wie sehr sich ein selbsternanntes Kulturvolk an seinen Mitmenschen verging, hat der Dresdner Historiker Daniel Ristau nun in der “Sächsischen Landes- und Uni-Bibliothek” (SLUB) eine Internet-Datenbank freigeschaltet. Deren „Bruch|Stücke“ beleuchten die Judenverfolgungen im November 1938 in Sachsen.

Rund zehn laufende Kilometer Stasi-Akten verwahrt die Dresdner BStU-Außenstelle. Foto: Heiko Weckbrodt

Tod im DDR-Spritzgussautomaten

Dresden/Kaufbeuren, 15. Oktober 2018. Als Monteure im bayrischen Kaufbeuren im November 1977 einen Spritzgussautomaten aus der DDR einschalten wollen, entdecken sie die Leiche eines jungen Freitalers darin: Der 28-jährige Ingenieur hatte sich ein tödliches Fluchtversteck ausgesucht.

Ingenieur Ralf-Peter Nerlich füttert einen "Botax 80"-Taxibordrechner mit einem Programm, das gerade ein Wartburg-taxi simuliert. Foto: Heiko Weckbrodt

Für DDR-Taxis begann 1985 die Digitalzeit

Dresdner Entwickler übergeben Taxi-Bordcomputer an die Technischen Sammlungen Dresden, 12. Oktober 2018. 1985 begann im DDR-Taxigewerbe das Digitalzeitalter: Die Taxifahrer bekamen nach und nach das „Botax 80“ in den Wolga, Moskwitsch oder Wartburg montiert. Dieses in Dresden entwickelte Taxameter war mit ostdeutscher Mikroelektronik bestückt, berechnete die Entgelte und machte (weitgehend) Schluss mit Fahrpreis-Manipulationen. Das damalige Entwicklerkollektiv um Dr. Eberhard Treufeld vom früheren „Wissenschaftlich-Technischen Zentrum des Kraftverkehrs“ (WTZK) hat einen dieser alten Taxi-Bordcomputer nun restauriert und den Technischen Sammlungen Dresden (TSD) gestiftet. „Ein Dresdner Produkt, das gut in unsere Sammlung passt“, betonte Kustos Dr. Ralf Pulla. „Wir werden es bald in unser Abteilung Rechentechnik ausstellen.“

Auch Cicero - hier bei der Anklage von Catilina - teilte verbal rücksichtslos aus. Öffentliche Beleidigungen gehörten im antiken Rom gewissermaßen zum "guten Ton". Abb.: Fresko in der Villa Madama in Rom, 1888, Repro: Wikipedia, Public Domain

Antike Hassreden: Schon die alten Römer waren stolz auf ihre Beleidigungen

Dresdner Historiker: Schmähungen des Gegners schweißten Anhänger zusammen Dresden, 26. August 2018. Oft beklagen Internetnutzer, wie die Sitten im Internet verrohen,. Wer aber denkt, so etwas wie „Hate Speech“ (Hassrede) und andere Schmähungen („Invektiven“) habe es früher nicht gegeben, täuscht sich: Öffentliche Beschimpfungen, auch unter der Gürtellinie, gab es schon im antiken Rom, betont der Althistoriker Dr. Martin Jehne von der TU Dresden. „Heftige Abwertungen des politischen Gegners schweißten die Unterstützergruppe zusammen und sorgten für Aufmerksamkeit, Unterhaltung und Empörung – ähnlich wie Beleidigungen, Drohungen und Hate Speech heute im Internet.“

Henry Arnhold. Foto. TU Dresden

Bankier und Dresdner TU-Ehrensenator Henry Arnhold gestorben

Uni-Rektor Müller-Steinhagen kondoliert New York/Dresden, 24. August 2018. Der Bankier Henry Arnhold ist gestern in New York gestorben. Der Mäzen und Ehrensenator der TU Dresden wurde 96 Jahre alt. „Henry Arnhold hat uns immer wieder tief beeindruckt mit seiner Weisheit, seinem Engagement, seinem großen Herzen, seiner Fröhlichkeit und vor allem seinem Verzeihen-Können“, kondolierte TUD-Rektor Prof. Hans Müller-Steinhagen. „Im Namen aller Angehörigen der TU Dresden spreche ich seiner Familie und seinen Freunden unser tief empfundenes Beileid aus.“

Auf diesem Gemälde hat sich Joseph Mallord William Turner 1802 ausgemalt, wie der karthagische Feldherr Hannibal bei einem Schneesturm die Alpen überquert haben mag. Repro: The Yorck Project / Direct Media in der Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei

„Geschichte Karthagos soll nicht verschwinden wie ihre Mauern“

Das Taschenbuch „Hannibal Minor. Die Geschichte Karthagos“ ist eine Abkehr von römischer Siegergeschichtsschreibung Ein Sensationsfund erschüttert die Welt der Geschichtsschreiber: Eine dänische Reederei entdeckt in der Seekiste des Kapitäns Stig Bastrup ein Bündel uralter Papyrusrollen. Den Text hatte augenscheinlich vor zwei Jahrtausenden ein antiker Exil-Karthager verfasst, der „kleine Hannibal“. Schlagartig verfügen die Historiker nun über eine erste originale Quelle, die das Leben in der antiken Händlerstadt in Nordafrika nicht mehr nur aus der Siegerperspektive der Römer, sondern aus dem Blickwinkel eines echten Karthagers ausbreitet. Der Berliner Historiker Olde Hansen, bekannt durch sein Sachbuch „Der Dritte Römisch-Karthagische Krieg: Die Zerstörung Karthagos 146 v. Chr.“ aus dem Jahr 2008, hat dieses faszinierende Opus nun unter dem Titel „Hannibal Minor. Die Geschichte Karthagos“ veröffentlicht und kommentiert.

Mit dem Bohnenmal gedenken Kant-Freunde des berühmten Philosophen. Foto. Barkleit

Kaliningrad zwischen Kant und Fußball-WM – Teil 4

Streit um Andenken: „Kant ist ein Trottel“ Dresden/Kaliningrad. Das frühere Königsberg und heutige Kaliningrad ist einer der Austragungsorte für die Fußball-WM 2018. Oiger-Gastautor Gerhard Barkleit hat sich vor der Weltmeisterschaft gen Russland aufgemacht, um hinter die Kulissen zu schauen. Nicht jedem passt die Rückbesinnung Ein Zeugnis der Bemühungen der Kaliningrader Gebietsregierung, auch außerhalb Königsbergs liegende wichtige Orte des Gedenkens an Kant finanziell zu fördern, ist im ehemaligen Judtschen zu besichtigen, heute Wessjolowka. Das ehemalige Pfarrhaus, in dem Kant einige Jahre als Hauslehrer lebte, soll bis 2024 „auf Hochglanz“ gebracht werden. Noch im Mai 2015 war das Haus dem Verfall preisgegeben und erste Proteste gegen eine Renovierung gab es auch. „Kant ist ein Trottel“, wurde auf Russisch an die Fassade geschmiert, von einer 17-jährigen Pädagogikstudentin, wie die Behörden ermittelten.1