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Sachsen und Frankreich sollen wirtschaftlich enger kooperieren

Die sächsisch-französischen Wirtschaftsbeziehungen sind ausbaufähig, meint die IHK Dresden. Montage: Heiko Weckbrodt

Die sächsisch-französischen Wirtschaftsbeziehungen sind ausbaufähig, meint die IHK Dresden. Montage: Heiko Weckbrodt

IHK Dresden sieht vor allem Potenzial in Technologie-Industrien und Tourismus

Inhalt

Dresden, 3. Juli 2023. Für einen Ausbau der sächsisch-französischen Wirtschaftsbeziehungen hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden heute plädiert. „Wir sehen da viel Potenzial für den sächsischen Mittelstand“, schätzt IHK-Präsident Andreas Sperl ein. Dies gelte besonders für Technologiebranchen wie Maschinenbau, Wasserstoffwirtschaft, Batteriezellfertigung und Luftfahrt, aber auch für den Tourismus, ergänzte IHK-Hauptgeschäftsführer Lukas Rohleder.

Andreas Sperl. Foto: IHK Dresden

Andreas Sperl. Foto: IHK Dresden

Frankreich auf Rang 6 der wichtigsten Exportländer

Derzeit liefern die Sachsen vor allem Autos, Industriemaschinen, Turbinen, Wechselrichter und Windkrafttechnik an die Franzosen, während die vor allem Auto-Bauteile, Chemikalien, Stahlbleche und ausgewählte Luxusgüter nach Sachsen exportieren. In der Liste der wichtigsten Export-Zielmärkte für den Freistaat liegt Frankreich derzeit – hinter China, den USA, Tschechien, Polen und Großbritannien – auf dem sechsten Platz, unter den Importländern sogar nur auf dem zehnten Platz.

Die wichtigsten Außenhandelspartner von Sachsen 2013-2022. Grafik: IHK Dresden

Die wichtigsten Außenhandelspartner von Sachsen 2013-2022. Grafik: IHK Dresden

Französischer Maschinenbedarf, Macrons Windkraft-Programm und Brexit könnten für neue Impulse sorgen

Aber dies könnte sich in den nächsten Jahren durchaus ändern. Denn zunehmend dominiert der Dienstleistungssektor – zu Lasten der Industrie die französische Wirtschaft, was dazu führt, dass das Land zunehmend von Maschinen-Importen abhängig ist. Außerdem hinkt Frankreich beim Anzapfen erneuerbarer Energiequllen hinterher. Daher hat Präsident Emmanuel Macron (Renaissance) ein ambitioniertes Windkraftprogramm aufgelegt, für das Sachsen durchaus in nennenswertem Umfang Leistungselektronik, Turbinen und andere Komponenten liefern könnte. Zudem reißen seit der Corona-Krise und den Wirtschaftskriegen der Amerikaner gegen die Chinesen die Forderungen nicht ab, die deutsche Industrie möge ihre Abhängigkeit von chinesischen Exporten mindern und sich zusätzliche Lieferquellen im nahen europäischen Ausland (neudeutsch: „Nearshoring“) erschließen. Nicht zuletzt schrumpfen seit dem Brexit die deutschen und eben auch die sächsischen Wirtschaftsbeziehungen mit Großbritannien.

Sächsische Exporte nach Frankreich (grün) und Importe aus Frankreich (blau) von 2015 bis 2022. Grafik: IHK Dresden

Sächsische Exporte nach Frankreich (grün) und Importe aus Frankreich (blau) von 2015 bis 2022. Grafik: IHK Dresden

Exporte zuletzt um 16 % gestiegen

All dies sowie weitere begünstigende Faktoren haben bereits dazu geführt, dass zuletzt der Außenhandel zwischen dem Freistaat und Frankreich gewachsen ist: Die sächsischen Exporte ins westliche Nachbarland haben 2022 um 16 Prozent auf über 2,5 Milliarden Euro zugelegt. Die Importe sind derweil leicht auf knapp 1,2 Milliarden Euro gestiegen – was eben auch bedeutet: Sachsen erwirtschaftet hier weiter einen kräftigen Exportüberschuss.

Kammer sieht Anknüpfungspunkte auch bei Akku- und Wasserstoffwirtschaft

Neben dem wohl weiter starken Bedarf der Franzosen an deutschen Autos und Maschinen könnten aber auch andere Technologiegüter aus dem Freistaat für neue Impulse sorgen. So bauen Institute und Unternehmen aus Sachsen seit geraumer Zeit eine besondere Expertise in der Zellproduktion und beim Recycling von Elektroauto-Akkus auf, außerdem bei der hochautomatisierten Fertigung von Reaktorstapeln für Elektrolyseure sowie Brennstoffzellen und dergleichen mehr. Der französische Mineralölkonzern „Total“ wiederum ist Anteilseigner beim Dresdner Elektrolyseur-Hersteller „Sunfire“. Französische Miteigentümer haben aber auch die Fahrzeugelektrik Pirna (FEP) sowie die Elbe-Flugzeugwerke (EFW) in Dresden.

Xenon und Sunfire Dresden wollen gemeinsam die Produktion von Elektrolyseuren und insbesondere deren Reaktorstapeln (Stacks) automatisieren. Foto: Xenon

Xenon und Sunfire Dresden wollen gemeinsam die Produktion von Elektrolyseuren und insbesondere deren Reaktorstapeln (Stacks) automatisieren. Foto: Xenon

Kontakte in der Mikroelektronik

Zudem gibt es Anknüpfungspunkte in der Mikroelektronik: Globalfoundries plant mit STM eine gemeinsame Chipfabrik im französischen Crolle, in die auch Know-how des Dresdner Globalfoundries-Werks einfließen dürfte. Und die Leistungselektronik aus der geplanten vierten Infineon-Fabrik in Dresden dürfte wohl auch für französische Projekte in der Energie- und Mobilitätswende wichtig werden.

Bisher nur wenige französische Touristen in Sachsen

Neben diesen Chancen im Industriesektor sehen die Dresdner IHK-Experten aber auch Potenzial im Tourismus: Im vergangenen Jahr kamen gerade mal 25.000 Besucher aus Frankreich nach Sachsen. „Da gibt es viel Ausbaupotenzial, gerade auch mit Blick auf gemeinsame Kulturthemen“, meint Sperl.

Wollte auch so eine schöne Feuerwaffen-Sammlung wie der Sonnenkönig haben: August der Starke. Foto: Peter Weckbrodt

Wollte auch so glänzen wie der Sonnenkönig: August der Starke. Foto: Peter Weckbrodt

Besondere Verbindungen seit über 300 Jahren

Kulturell wie auch wirtschaftlich haben die sächsisch-französischen Beziehungen auf jeden Fall lange Traditionen, die über 300 Jahre zurückreichen: Wie so viele deutsche Fürsten der frühen Neuzeit kopierte beispielsweise auch August der Starke die Prunkentfaltung, Architektur und Gartenbau von Ludwig XIV. in Versailles. Seine Minister wiederum guckten sich die merkantilistische Wirtschaftspolitik von Jean-Baptiste Colbert ab, dem Finanzminister des Sonnenkönigs. Die Sprache des großen Vorbilds im Westen galt damals als so chic, das am Hofe zeitweise eine ganz eigene Mischsprache aus Sächsisch und Französisch dominierte.

Gelenkwellenwerk für Sachsenring und Citroens für die DDR-Bonzen

Aber auch in DDR-Zeiten gab es eine besondere Affinität gen Frankreich: Das ostdeutsche Fernsehen zeigte seinerzeit viele französische Filme, auch die Wirtschaftsbeziehungen hatten eine besondere Qualität: Citroen lieferte unter anderem das Gelenkwellenwerk Zwickau-Mosel an sowie Autos für die Partei-Bonzen in die DDR, die wiederum machte mit ihren Werkzeugmaschinen zeitweise recht gute Geschäfte mit den Franzosen. Nach der Wende kühlte diese Frankreich-Affinität zwar etwas ab: Gemessen am Außenhandelsvolumen mit Frankreich liegen NRW, Baden-Württemberg, Bayern und andere Bundesländer weit vor Sachsen. Doch immerhin: Kein anderes ostdeutsches Flächenland hat so intensive Wirtschaftsbeziehungen zu Frankreich wie eben Sachsen. Und nicht von ungefähr gibt es in Dresden auch ein Institut français.

Andockproblem auch durch unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen

Allerdings gibt es da eben noch viel Luft nach oben. Neben sprachlicher und geographischer Distanz mag da auch durchaus eine unterschiedliche Wirtschaftsstruktur und Unternehmenskultur eine Rolle spielen, mutmaßt IHK-Sprecher Lars Fiehler: „Wir sehen durchaus noch einige Andock-Probleme“, räumt er ein. So sei der Mittelstand in Frankreich weit weniger ausgeprägt als in Deutschland – Direktinvestitionen und große Projekte im Ausland realisieren dort meist nur die großen Konzerne. Sachsens Wirtschaft wiederum gilt auch im Bundesvergleich als eher kleinteilig – und für einen zehn- oder 20-köpfigen Industriebetrieb aus dem Freistaat ist es eben weit schwieriger als für einen Branchenriesen, 1000 Kilometer weiter westwärts eine Kooperationsbeziehung aufzubauen. „Vielleicht“, so meint Fiehler, „könnten sächsische Unternehmensverbünde künftig dabei helfen, in Frankreich besser Fuß zu fassen.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: IHK Dresden, Oiger-Archiv