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Ifo: De-Globalisierung würde Deutschland 10 % Wirtschaftsleistung kosten

Containerschiff. Foto: Thomas_G, Pixabay https://pixabay.com/de/users/thomas_g-7083/?utm_source=link-attribution&utm_medium=referral&utm_campaign=image&utm_content=56569

Gestörte Lieferketten: Erst standen viele Containerschiffe vor dem blockierten Suezkanal im Stau, dann vor überlasteten oder geschlossenen chinesischen und nordamerikanischen Häfen. Foto: Thomas_G, Pixabay

Statt Produktion „zurückzuholen“, wollen viele Unternehmen nach Corona und Trump ihre Lager vergrößern und mehr internationale Lieferquellen suchen

München, 21. Januar 2022. Ifo-Wirtschaftsforscher haben davor gewarnt, in einer De-Globalisierung der Wirtschaft die Generallösung für gestörte Lieferketten zu suchen: Würde die Bundesrepublik alle Glieder seiner Wertschöpfungsketten wieder in die eigenen Grenzen zurückholen, also wieder auf völlig nationale Produktionsketten setzen, würde dies die deutsche Wirtschaftsleistung um ein Zehntel senken. Das hat die Studie „Flaschenhals-Rezession: Was hilft bei Lieferengpässen und steigenden Preisen“ ergeben.

Lisandra Flach. Foto: Ifo

Lisandra Flach. Foto: Ifo

Prof Lisandra Flach (Ifo München):

„Wenn wir ausgelagerte Teile der Wertschöpfung nach Deutschland zurückholen, führt das dazu, dass weniger wettbewerbsstarke Tätigkeiten plötzlich große Anteile im Mix der deutschen Wertschöpfung gewinnen. Die damit verbundene geringere Produktivität würde die Wirtschaftskraft schwächen.“

Strafreaktionen der Handelspartner würde Negativeffekte für Deutschland noch verschärfen

Und dabei geht die Studie sogar noch von der optimistischen Annahme aus, dass andere Länder gar nicht auf den Abzug von Auftragsvolumina und Investitionen durch Deutschland reagieren würden. In der Praxis ist allerdings damit zu rechnen, dass Länder wie China mit neuen Marktzugangsschranken, vielleicht auch Strafzöllen und anderen Vergeltungsmaßnahmen antworten dürften. Und dann würde der wirtschaftliche Schaden für Deutschland noch weiter höher ausfallen.

Zwei Seiten der Globalisierungs-Medaille: Abhängigkeit vs. Wettbewerbsvorteile

Zwar haben Donald Trumps Handelskriege, die Corona-Krise, aber auch eher zufällige Häufungen von Unfällen und Unwettern wie beispielsweise der Schiffsstau im Suezkanal, der texanische Winter und mehrere Fabrikbrände den Eindruck in der öffentlichen Wahrnehmung erzeugt, die Weltwirtschaft entflechte sich unaufhaltsam und die Globalisierung sei am Ende. Tatsächlich darf aber nicht verkannt werden, dass eben diese Globalisierung ganz besonders in Deutschland für Wohlstand und vergleichsweise niedrige Preise gesorgt sowie viele Arbeitsplätze gesichert hat.

„Erhebliche volkswirtschaftliche Effizienzgewinne“ durch globale Ketten

Die starke Einbindung deutscher Unternehmen in globale Wertschöpfungsketten habe „einen überaus positiven Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands in den letzten Jahren geleistet“, betonen auch die Studienautoren. „Die ökonomische Forschung hat in einer Vielzahl an theoretischen und empirischen Arbeiten gezeigt, dass die Möglichkeit, Vorprodukte nicht nur auf dem begrenzten nationalen Markt, sondern international beziehen zu können, im Allgemeinen zu erheblichen volkswirtschaftlichen Effizienzgewinnen führt und heimischen Firmen große Produktivitätsgewinne ermöglicht.“

Deutschland profitiert ganz besonders von Globalisierung

Und es waren im internationalen Vergleich eben gerade deutsche Unternehmen, die sich ganz besonders stark internationale Wertschöpfungsketten aufgebaut, in Ländern wie China haben eben auch investiert haben – und seither davon durch billigere Zulieferungen und bessere Marktzugänge profitieren. Daher hängt in Deutschland auch ein viel größerer Teil der Gesamtwirtschaftsleistung von ausländischen Vorleistungen ab. So basiert beispielsweise ein Fünftel der deutschen Exporte auf Wertschöpfung außerhalb der deutschen Grenzen. „Auch im Vergleich zu anderen großen Exportländern wie China oder USA ist dies ein überdurchschnittlich hoher Wert“, betonen die Studienautoren.

Ohne „Weltfabrik China“ wären viele deutsche Konsumgüter längst weg vom Fenster

Ohne die Auftragsfertiger und Zulieferungen in China beispielsweise wären viele der ohnehin vergleichsweise höherpreisigen „deutschen“ Konsumgüter, Fahrzeuge und Geräte so teuer, dass sie kaum noch absetzbar wären. Die Vorteile internationaler Arbeitsteilung völlig aufzugeben, wie in jüngster Zeit gelegentlich gefordert, hätte vermutlich desaströse Folgen für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft.

Mehr „Resilienz“ gefragt

Andererseits haben Trump, Corona und ganz besonders die daraus folgende Chiplieferkrise im Automobilbau nicht ganz zufällig „Resilienz“ zu einem der Lieblingsschlagworte in der deutschen Wirtschaftspolitik gemacht: Wer bestimmte Vorprodukte aus nur einer Lieferquelle bezieht oder sich zu sehr abhängig von einzelnen Nachschubwegen macht, den können solche Krisen völlig ausbremsen – das hat sich für viele Unternehmen sehr schmerzhaft in den vergangenen zwei, drei Jahren gezeigt.

Nur vergleichsweise wenige Unternehmen wollen nach der Corona-Krise internationale durch nationale Lieferanten ersetzen oder gar bisher zugekaufte Vorprodukte selber herstellen. Weit mehr setzen auf Diversifizierung, digitale Lieferkettenüberwachung und größere Lager. Tabelle: Ifo

Nur vergleichsweise wenige Unternehmen wollen nach der Corona-Krise internationale durch nationale Lieferanten ersetzen oder gar bisher zugekaufte Vorprodukte selber herstellen. Weit mehr setzen auf Diversifizierung, digitale Lieferkettenüberwachung und größere Lager. Tabelle: Ifo

Abkehr von der „Lean Production“?

Als Antwort wollen viele deutsche Unternehmen nun zum Beispiel wieder größere eigene Lager für Zulieferteile und Vorprodukte aufbauen. Laut Ifo plant fast ein Viertel der deutschen Industriebetriebe, die eigene Lagerhaltung zu erhöhen. Zur Erinnerung: Weil sie kurzfristig Kosten um jeden Preis senken wollten, hatten Manager wie José Ignacio López hatten in den 1990er Jahren GM, Opel und VW auf eine „lean production“ mit extrem knapper Lagerhaltung getrimmt. Diese Produktionsweise hat sich während der Corona-Krise für die deutsche Autoindustrie bitter gerächt.

30 Prozent setzen auf Diversifizierung ihrer Lieferquellen

Ebenfalls rund 25 Prozent der Unternehmer beabsichtigen nun zudem eine bessere Überwachung ihrer Lieferketten, vor allem mit digitalen Mitteln beispielsweise wie über die Automobil-Lieferkettenplattform „Catena-X“. Und fast ein Drittel der von Ifo befragten Unternehmen sehen die stärkste Stellschraube gegen Lieferengpässe eine diversifizierte Beschaffung. Sprich: Sie wollen sich mehr Quellen für benötigte Vorprodukte erschließen – vor allem international. Den von vielen Wirtschaftspolitiker präferierten Weg, Produktion nach Deutschland oder zumindest nach Europa zurückzuholen, halten dagegen nur zehn Prozent der Betriebe für eine gute Idee.

Ifo: Politiker sollten sich lieber um funktionierenden Welthandel kümmern

Daher meinen die Studienautoren auch, die Politik sollte sich besser auf eine Reform der momentan nur bedingt handlungsfähigen Welthandelsorganisation WTO, auf zuverlässige Regelwerke im Welthandel und die Ratifizierung längst ausverhandelter Freihandelsabkommen mit Kanada und den südamerikanischen „Mercosur“-Staaten konzentrieren. „Direkte staatliche Eingriffe in branchen- und unternehmensspezifische Lieferketten sollten dagegen grundsätzlich sehr restriktiv gehandhabt werden, auch um nicht protektionistischen Partikularinteressen einzelner Unternehmen und Branchen ein neues Einfallstor zu öffnen.

Gegenargument: Strategisch wichtige Produktionsketten sollten in Europa verfügbar sein

Allerdings gibt es auch gewichtige Argumente dafür, strategisch wichtige Wertschöpfungsketten wenigstens teilweise wieder nach Europa und Deutschland zurückzuholen oder zumindest wieder verfügbar zu machen. Zur Diskussion stand beispielsweise in der ersten Corona-Phase, die Produktion von medizinischen Masken, Antibiotika, Beatmungsgeräten und anderen medizinischen Gütern wieder hierzulande anzusiedeln. Inzwischen ist diese Debatte wieder etwas versandet.

Tauziehen um neue Chipfabriken für Europa

Derweil plädieren vor allem Wirtschaftspolitiker und Branchenvertreter aus Sachsen schon seit Jahren dafür, die europäische Mikroelektronik deutlich zu stärken. Ein Treiber ist hier der wachsende Chipbedarf der deutschen Autoindustrie, ein weiterer die Nachfrage nach Leistungshalbleitern im Zuge der „Energiewende“. Es gibt aber auch Forderungen nach Chipfabriken für Highend-Halbleiter der neuesten Generationen, die seit der Qimonda-Pleite und dem AMD-Rückzug aus Dresden nicht mehr massenhaft in Europa produziert werden. Da auch Intel, TSMC und Samsung „diversifizieren“ wollen, bemühen sich Sachsen und weitere Standorte in Europa derzeit sehr um die Ansiedlung von solchen Megafabs.

Und nicht zuletzt gibt es auch umweltpolitische Forderungen vor allem aus dem grünen Lager, internationale Transporte von Lebensmitteln und anderen Waren zugunsten lokaler Wertschöpfung einzuschränken, um die Umwelt zu schonen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Ifo, Oiger-Archiv,Wikipedia

Wissenschaftliche Publikation:

Andreas Baur und Lisandra Flach: Die Globalisierung als Sündenbock? Internationale Lieferketten in der Corona-Pandemie, in: ifo Schnelldienst 01/2022