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Dresdner KI erkennt in der Glaskugel den Maschinentod

Conimon-Chef Dr. Jakob Krause demonstriert an einer Beispiel-Anlage in Dresden, wie die KI aus Dresden die Vibrationen rotierender Teile analysiert und dann warnt, welches Teil wann kaputt gehen kann. Foto: Heiko Weckbrodt

Conimon-Chef Dr. Jakob Krause demonstriert an einer Beispiel-Anlage in Dresden, wie die KI die Vibrationen rotierender Teile analysiert und dann warnt, welches Teil wann kaputt gehen kann. Foto: Heiko Weckbrodt

TU-Ausgründung „Conimon“ entwickelt Diagnose-System, das Zugausfälle und Maschinenschäden prognostizieren kann

Dresden, 13. September 2018. Eine Uni-Ausgründung aus Dresden will die Züge der Deutschen Bahn pünktlicher machen und Millionen Euro Wartungskosten zu sparen. Die Firma „Conimon“ hat dafür eine spezielle Maschinen-Diagnosetechnologie entwickelt, wie sie auch in den hochautomatisierten und vernetzten Fabriken der „Industrie 4.0“ benötigt wird. Deren „Künstliche Intelligenz“ (KI) erkennt mittels Vibrationssensoren und anhand mathematischer Modelle, wenn welches Wälzlager oder anderes rotierendes Bauteil zu versagen droht, warnt vor einem nahenden Maschinentod und schlägt Reparaturen vor.

90 % Trefferquote

„Unsere Trefferquote liegt bei etwa 90 Prozent“, erklärt Dr. Jakob Krause, der an der TU Dresden Informatik studierte und dort auch als wissenschaftlicher Mitarbeiter promovierte, bevor er im Sommer 2017 mit drei Gleichgesinnten das Unternehmen „Conimon“ ausgründete. „Nur ein Beispiel: Ein Kunde von uns betreibt ein großes Logistikzentrum in Sachsen.“ Dessen Manager wissen bis auf den Cent genau, welche Kosten jede Ausfall-Stunde für das Unternehmen verursacht. „Im Jahr sind das dort vier Millionen Euro“, verrät Krause. „Wenn man 90 Prozent davon vermeiden kann, weil unser System rechtzeitig warnt, kann ein erheblicher Teil dieser Millionensumme eingespart werden.“

Bahn erprobt System, um drohende Zugausfälle zu erkennen

Diese handfesten Vorteile der Dresdner Lösung haben sich herumgesprochen: Die Deutsche Bahn hat das Start-up aus Sachsen gebeten, diese Technologie an einer vielbefahrenen Fernverkehrsstrecke bei Biblis in Hessen zu installieren – parallel zum Erkennungssystem eines großen deutschen Technologiekonzerns, der Zug-Probleme akustisch zu erlauschen versucht. Denn die Bahn wünscht sich ein zuverlässiges Diagnosesystem, das unnötige Wartungen überflüssig macht, drängende Reparaturen erkennt, Zugausfälle durch akute Defekte verhindert, Kosten spart und letztlich für mehr Pünktlichkeit im Bahnverkehr sorgt.

Wenn menschliche Diagnose-Erfahrung und KI zusammenkommen

Krause ist optimistisch, dass sich das Conimon-System durchsetzen wird: In die Dresdner Analyse-Software fließen Sensorwerte, 35 Berufsjahre eines sehr erfahrenen Maschinendiagnostikers, viel Maschinenbau-Expertise und moderne KI-Verfahren ein. „Wir können damit wie durch eine Glaskugel direkt in die Fahrzeuge hineinschauen, die über die Gleise sausen“, sagt der Conimon-Chef. Wenn das System die hochgesteckten Erwartungen im Praxiseinsatz erfüllt, könnte es an weiteren Fernverkehrs-Knoten und schließlich im ganzen Schienennetz installiert werden. „Schon mit diesen 50 Metern Messstrecke, die wir ausgerüstet haben, erfassen wir 15 Prozent des deutschen Fernverkehrs.“

Auch Einsatz in Chipfabriken geplant

Gute Perspektiven sieht Jakob Krause nicht nut im Transportwesen und in der Logistik, sondern auch im Maschinenbau und in der Fabrikplanung. Auch für die Mikroelektronik bereitet Conimon gerade ein Entwicklungsprojekt mit der TU Dresden vor: In den Chipfabriken, in denen jeder kurze Reinraum-Ausfall gleich Millionenschäden verursachen würde, soll die Analysesoftware künftig die Wartung der Vakuumpumpen organisieren – damit Reparaturen weder voreilig noch zu spät erfolgen.

Aufträge gibt es also viele, auch die Belegschaft wächst: Die vierköpfige Startmannschaft hat sich verdoppelt, auf etwa 16 Spezialisten will sich Krause im Jahr 2019 stützen. Allerdings: „Als Hightech-Start-up kommt man recht rasch an einen Punkt, an dem man stark wachsen könnte, aber nicht kann, weil Umsätze und Gewinne noch zu gering sind.“

Technologiegründerfonds steigt als halbstaatlicher Risikokapitalist ein

Daher ist nun der „Technologiegründerfonds Sachsen“ (TGFS) bei den Dresdnern mit einer halben Million Euro als Kapitalgeber und Minderheitsgesellschafter eingestiegen. „Bei Conimon ergänzen sich Kompetenzen für Software und Maschinenbau sehr gut“, begründet TGFS-Geschäftsführer Sören Schuster das Engagement. Die Uni-Ausgründung sei ein gutes Beispiel, wie neue Software-Ansätze die klassische Industrie verbessern und zur „Industrie 4.0“ führen. Letztlich erhoffe sich der TGFS einen guten Gewinn aus dieser riskanten Investition. Aber als Fonds, der von den Sparkassen und dem Freistaat Sachsen gespeist wird, habe auch ein anderes Kriterium eine Rolle gespielt, so Schuster: „Durch Conimon ist zusätzliche Wertschöpfung in Sachsen zu erwarten.“

Autor: Heiko Weckbrodt