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Glashütte war einst Hochburg der Rechenmaschinen-Industrie

Rechenmaschine Archimedes Modell D, Baujahr: nach 1920. Hersteller: Glashütter Rechenmaschinen-Fabrik Archimedes, Reinhold Pöthig, Glashütte. Foto: Christian Ruf
Rechenmaschine Archimedes Modell D, Baujahr: nach 1920. Hersteller: Glashütter Rechenmaschinen-Fabrik Archimedes, Reinhold Pöthig, Glashütte. Foto: Christian Ruf

Feinmechanik-Expertise der Uhrenindustrie begünstigte Aufstieg auch anderer Manufakturen wie „Archimedes“ und „Saxonia“

Glashütte, 3. Mai 2024. Heute ist das sächsische Glashütte vor allem für Uhrenmanufakturen bekannt. Doch einst galt die kleine Stadt Glashütte im Müglitztal unweit von Dresden auch als wichtiger Produktions-Standort für den Vorläufer heutiger Computer: für die Produktion mechanischer und elektromechanischer Rechenmaschinen. Allerdings verebbte diese Traditionslinie bereits zu DDR-Zeiten.

Diese Armbanduhr von Lange & Söhne Glashütte, Preis 380.000 Euro, steht beispielhaft für den Kauf von Luxusgütern. Foto: Peter Weckbrodt
Armbanduhr von Lange & Söhne Glashütte. Foto: Peter Weckbrodt

Aufschwung begann mit der Lange-Ansiedlung

Schaut man in die Vergangenheit von Glashütte zurück, zeigt sich gerade hier besonders deutlich, wie stark das Zusammenspiel staatlicher Wirtschaftsförderung und Traditionen in der Feinmechanik beziehungsweise Uhrenproduktion die aufkommende Rechenmaschinen-Industrie begünstigt hat. Im 15. Jahrhundert erstmals urkundlich belegt, hatte die eher kleine Ortschaft zunächst eine eher periphere Bedeutung als Standort für eine namensgebende Glashütte. Erst die Silberfunde im Erzgebirge sorgten für einen Aufschwung, das Stadtrecht und eine gewisse Nachfrage nach Hilfsmitteln für Bergbau und Erzhammer-Anlagen. Als das Silber versiegte, verlor das Städtchen wieder an Bedeutung. Das änderte sich erst, nachdem der Uhrmachermeister Ferdinand Adolph Lange – gefördert durch die königlich-sächsische Regierung – 1845 nach Glashütte zog. Lange begründete hier eine Uhrmacherausbildung, dann auch eine Fabrikation mechanischer Uhren und in der Folge letztlich eine ganze feinmechanische Zulieferindustrie.

Erfahrungen aus Uhrenfertigung halfen beim Entwurf von Rechenmaschinen

Diese Uhrenindustrie war wiederum die Voraussetzung für die Produktion von Rechenmaschinen in Glashütte. So baute 1874 der Uhrenkonstrukteur Curt Dietzschold hier eine Rechenmaschine in Anlehnung an die Konstruktionen des französischen Erfinders Charles Xavier Thomas (1785–1870). Er verwendete erstmals ein Schaltwerk mit Schaltklinken für die Paralleladdition – in Anlehnung an die Erfahrungen aus der Uhrenindustrie. Er arbeitet dann in der Firma „Strasser & Rohde“ und baut bis 1879 auch weiter Rechenmaschinen.

Arthur Burkhardt: Pionier der Rechenmaschinenfabrikation in Deutschland

Derweil gründete Dietzscholds Studienfreund Arthur Burkhardt 1878 in Glashütte die „I. Deutsche Rechenmaschinenfabrik Arthur Burkhardt“. Er stellte ab 1879 Staffelwalzenrechenmaschinen nach dem Muster und in Lizenz des Thomas-Arithmometers her. Burkhardt gelang es aber besser Dietzschold, eine echte Serienproduktion aufzubauen. Bereits 1895 übertraf seine Fabrik die jährlichen Produktionszahlen des originalen Thomas-Arithmometers. Aus dem Burkhardt-Arithmometer beziehungsweise der „Glashüttenmaschine“ entwickelte sich später die „Archimedes Euklid“. Aus heutiger Sicht gilt Arthur Burkhardt damit als Begründer der Rechenmaschinenfabrikation in Deutschland.

Rechenmaschine Saxonia, Baujahr: nach 1895. Hersteller: Rechenmaschinen-Fabrik "Saxonia" Schumann & Cie., Glashütte. Leihgabe der TU Dresden, Sammlung Historische Rechenmaschinen. Foto: Christian Ruf
Rechenmaschine Saxonia, Baujahr: nach 1895. Hersteller: Rechenmaschinen-Fabrik „Saxonia“ Schumann & Cie., Glashütte. Leihgabe der TU Dresden, Sammlung Historische Rechenmaschinen. Foto: Christian Ruf

„Saxonia“ von Burkhardts Werkmeister gegründet

Seine Initiative zog mehrere weitere Unternehmungen im Erzgebirge nach sich. Aufbauend auf dem durch Burkhardt verbesserten Staffelwalzenprinzip gründeten 1895 in Glashütte Burkhardts ehemaliger Werkmeister J. Schumann sowie Eduard Zeibig und Eugin Straßberger die Firma „Saxonia“ an der Mittelstraße. „Aus dem kleinen Betrieb wurde der erste Konkurrent für Arthur Burhardts ,Erste Glashütter Rechenmaschinefabrik’“, schätzt Martin Reese im „Rechnerlexikon“ ein. Die „Saxonia“-Maschinen waren wahrscheinlich die ersten Staffelwalzenmaschinen mit Zughebellöschung. Weitere technische Verbesserungen folgten. Dennoch ging dem Unternehmen nach dem I. Weltkrieg das Kapital aus. Die „Saxonia“ fusionierte daher 1920 mit „Burkhardt“ und den (bereits 1869 gegründeten) „Mühle & Sohn, Tachometer und Feinmechanische Werken“ zu den „Vereinigten Glashütter Rechenmaschinenfabriken“. Diese produzierten unter anderem die „Saxonia“-Maschinen weiter. Der Firmenverbund erodierte aber im Zuge von Inflation und Wirtschaftskrise und ging 1929 pleite.

„Archimedes“ entwickelte sich zum Platzhirsch

Ein weiterer renommierter Branchenakteur entstand ab 1890 in der Stadt: Damals gründete Constantin Fischer eine Werkstatt für Präzisionsuhren und Feinmechanik. Unter seinem Teilhaber und Nachfolger Reinhold Pöthig – der einst bei „Burkhardt“ gelernt hatte – entwickelte sich daraus 1904 die „Glashütter Rechenmaschinenfabrik Archimedes“. Sie errang für ihre gleichnamigen Rechenmaschinen nach dem Staffelwalzenprinzip von Burkhardt rasch überregionale Bekanntheit und bestand bis in die frühe DDR-Zeit hinein fort. Ab 1927 firmierte das Unternehmen unter dem Namen „ArchimedeS“ mit großen „S“ am Ende. Dies war ein Verweis auf den Rechenmaschinen-Pionier Hans Sabielny, der mit neuen Vertriebsmethoden und technischen Neuerungen – unter anderem mehrere Modelle mit elektrischem Antrieb – das Unternehmen nach einer Flaute wieder auf Kurs gebracht hatte. Ab 1936 sorgte dann der neue Chefkonstrukteur Wilhelm Kiel für weitere Innovationen, darunter Maschinen mit Druckwerken, verkürzter Multiplikation und Rückübertragung. Bis Kriegsbeginn wuchs die Archimedes-Belegschaft auf 400 Arbeiter.

Zerstörung, Demontage und Enteignung

Gegen Ende des II. Weltkrieg zerstörten Luftangriffe auch Teile von Glashütte. Zudem demontierte die Sowjetische Militäradministration den Anlagenpark mehrerer Industrieunternehmen in der Stadt, darunter „Archimedes“. Danach starteten mehrere Betriebe – teils schon verstaatlicht – wieder die Produktion. Dazu gehörte vor allem auch Archimedes: Das Unternehmen firmierte ab 1946 als „VEB Archimedes Rechenmaschinenfabrik Glashütte/Sachsen“. Die Produktion von Archimedes-Staffelwalzenmaschinen in Glashütte endete erst 1960.

Der Analogcomputer ENDIM 2000 wurde im sächsischen Glashütte produziert. Foto: Heiko Weckbrodt
Der Analogcomputer ENDIM 2000 wurde im sächsischen Glashütte produziert. Foto: Heiko Weckbrodt

Erst Analogcomputer und dann Plotter verdrängten zu DDR-Zeiten die Rechenmaschinen

In den 1950er Jahren entwickelte der Betrieb auch elektronische Rechenanlagen, darunter die „Elektronische Analogie-Rechenanlage 6“ (EAR 6). Dieser Analogcomputer bekam später den Namen „ENDIM2000“. Die Produktion von mechanischen Archimedes-Staffelwalzenmaschinen in Glashütte endete erst 1960. Ein Jahr später erhielt auch der Betrieb selbst einen neuen Namen. Er firmierte ab 1961 als VEB Rechenelektronik Glashütte und profilierte sich in den Folgejahren zunehmend auf Schreibmaschinen-Komponenten um, gehörte daher ab 1978 auch zum „VEB Robotron Rechen- und Schreibtechnik Dresden“. Ab 1984 produzierte der ehemalige Rechenmaschinenhersteller dann als Teil des VEB Robotron-Elektronik Dresden bis zum Ende der DDR noch Plotter.

Übergang zum elektronischen Digitalrechner nicht geschafft

An die frühere Bedeutung als Rechenmaschinen-Hochburg von deutscher und europäischer Bedeutung konnte die Stadt nach dem Krieg und während der DDR-Zeit freilich nicht mehr vollends anknüpfen. Das hing auch mit dem internationalen Aufstieg der elektronischen Rechentechnik und den Effekten der neuen Staatswirtschaftsordnung in der DDR zusammen. Und es fehlte vor Ort letztlich die kritische Masse an Betrieben, Zulieferern, Anlagentechnik und Fachkräften, der es für den den Sprung von der mechanischen zur elektronischen und digitalen Rechentechnik bedurft hätte. Die SED-Wirtschaftslenker bevorzugten für den Auf- und Ausbau der ostdeutschen Computerindustrie letztlich andere „Cluster“ wie eben Chemnitz alias Karl-Marx-Stadt, Zella-Mehlis und später vor allem auch Dresden. Auch war nach dem Krieg ein Teil der Archimedes-Ingenieure nach Nürnberg abgewandert und hatten dort bei der Firma Diehl eine neue Fabrikation mechanischer Rechenmaschinen aufgebaut – in Konkurrenz zum VEB Archimedes im Müglitztal.

Ausgangspunkt „Uhrenindustrie“ behauptete sich über alle Umbrüche hinweg

Dennoch blieb Glashütte auch zu DDR-Zeiten ein wichtiger, wenngleich etwas peripherer Standort für Spezialrechentechnik wie beispielsweise Analogcomputer, Feinmechanik und verwandte Branchen. Übrig geblieben ist bis heute der Ausgangspunkt der Glashütter Rechenmaschinen-Industrie: Die Uhren-Manufakturen erlebten nach der Wende in der DDR eine Renaissance und gehören heute samt ihrer feinmechanischen Zulieferindustrie zu den Vorzeige-Beispielen für wirtschaftliche Erfolgsgeschichten in Sachsen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: rechnerlexikon.de, Wikipedia, glashuetteuhren.de, Oiger-Archiv, M. Ludwig: Von der mechanischen Rechenmaschine zum Computer, H(elmut) Adler: Geschichte der Informatik (Vorlesungs-Skript), robotrontechnik.de, H. Weckbrodt: Innovationspolitik in der DDR, Diehl

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger