Forschung

Dresdner Organikpapst Leo will organische Elektronik auf 100-faches Tempo hochjagen

"Das ist ein Riesenfortschritt": Der Dresdner Organikpapst freut sich nach seiner Rückkehr aus Arabien schon sehr auf "das neue Physikinstitut. Foto: Heiko Weckbrodt

“Das ist ein Riesenfortschritt”: Der Dresdner Organikpapst freut sich nach seiner Rückkehr aus Arabien schon sehr auf das neue Physikinstitut. Foto: Heiko Weckbrodt

29,5 Millionen Euro teurer Instituts-Neubau für die TU-Photoniker ist nun rohbaufertig

Dresden, 22. April 2015. Organische Elektronik hat noch viel Potenzial, um deutlich schneller zu rechnen als bisher. „Derzeit erreichen unsere organischen Transistoren einige Megahertz. Da können wir noch Faktor 10, vielleicht sogar 100 herausholen“, hat der Dresdner Organik-Papst Prof. Karl Leo am Rande des Richtfestes für den Physik-Neubau der TU Dresden eingeschätzt. Damit würde die organische Elektronik dann auf einige Hundert Megahertz (Millionen Rechenzyklen je Sekunde) Takttempo kommen und würde sich der Geschwindigkeit moderner siliziumbasierter Chips zumindest annähern.

Biegsame Schaltkreise könnten für „schlaue“ Uhren und Klamotten wichtig werden

Allerdings glaubt kaum jemand noch, dass organische Computer einmal Silizium-Rechner in deren Kerndomänen ablösen werden. Vielmehr könnte Leos schnell schaltende organische Elektronik zum Beispiel für die neue Produktklasse der sogenannten „Wearables“ („intellegenter“ Armbänder, Uhren, Textilien etc.) wichtig werden. Dort kommt es weniger aufs Tempo an, sondern eher darauf, dass die organischen Schaltkreise anders als ihre Siliziumkollegen biegsam und dünn sind und nur recht wenig Strom verbrauchen. Auf diesem Gebiet arbeitet Leos TU-Institut für Angewandte Photophysik (IAPP) insbesondere auch mit den Dresdner Unternehmen Novaled und Plastic Logic zusammen.

Auch langlebigere Organik-Solarzellen sind Forschungsthema

Einen weiteren Schwerpunkt für die Grundlagenforschung der Photophysiker in ihrem Institutsneubau, der Mitte 2016 fertig sein soll, sieht Prof. Leo in der Entwicklung neuer Materialien für organische Solarzellen, Sensoren und Leuchtdioden. Der Professor selbst will sich vor allem auf Materialentwicklungen stürzen, die dafür sorgen, dass künftige Organik-Solarzellen effektiver und langlebiger und mit mehr Ausbeute arbeiten. Hier ist die ausgegründete Organiksolar-Fabrik von Heliatek Dresden ein Hauptpartner in der Wirtschaft.

König Abdullah Bin Abdulaziz Al Saud gründete die KAUST-Universität, auf deren Einladung Prof. Karl Leo zwei Jahre lang in in Saudi-Arabien forschte und lehrte. Foto: KAUST

König Abdullah Bin Abdulaziz Al Saud gründete die KAUST-Universität, auf deren Einladung Prof. Karl Leo zwei Jahre lang in in Saudi-Arabien forschte und lehrte. Foto: KAUST

Photonik-Experte aus der Wüste nach Dresden zurückgekehrt

Leo war erst kürzlich von einem zweijährigen Forschungs-Exkurs in der Wüste zurückgekehrt: Die „King Abdullah University of Science and Technology“ (KAUST) in Saudi-Arabien hatte die Koryphäe aus Sachsen angeworben, um dort wenigstens eine Weile als Gastprofessor zu lehren und zu forschen. „Das war eine sehr beeindruckende Zeit“, sagt Leo heute. „Dort konnte man einerseits sehen, was man inmitten von Sand rasch aufbauen kann, wenn man nur einen Plan und genug Geld dafür hat.“ Und an Letzterem fehlt es den Ölscheichs nun wirklich nicht – dafür aber noch an einheimischen Spitzenforschern und -Ingenieuren für die „Zeit nach dem Öl“. Dies war auch einer der Gründe, warum König und Emire solche Unis wie die KAUST fördern und regelmäßig westliche Spitzenwissenschaftler wie Leo dorthin einladen.

Dresdner Organik-Cluster europaweit einzigartig

Aber noch etwas anderes sei ihm dort in im Wüstenstaat noch klarer geworden, sagt der Photonik-Physiker: „Dort merkt man erst so richtig, was unsere Stärken hier in Dresden und Sachsen sind, wie wichtig unsere starke Forschungslandschaft und industrielle Umgebung sind, um mit den eigenen Forschungen richtig voranzukommen. Was wir hier haben, ist europaweit einzigartig.“

Organische Leuchtdioden (OLEDs) kann man auch biegsam "von der Rolle" herstellen. Foto: Fraunohfer FEP/ Comedd

Organische Elektronik ist biegsam. Foto: Fraunohfer FEP/ Comedd

30-Millionen-Bau löst Hightech-Forscher aus bröckelndem Altbau

Und um diese Stärken auszubauen, investiert eben auch die sächsische Landesregierung derzeit kräftig in universitäre Neubauten in Dresden. Der Physik-Neubau an der „Technologiemeile Nöthnitzer Straße“ soll rund 29,5 Millionen Euro kosten, einen Teil seines Strombedarfs aus einer 400 Quadratmeter großen Dach-Solaranlage decken und Mitte 2016 übergeben werden. Der Viergeschosser wird dann auf zirka 3400 Quadratmetern Nutzfläche moderne Labore, Büros, Messstationen und schwingungsfreie Reinräume bieten: 400 Quadratmater für Prof. Gerhard Fettweisens TU-Exzellenzzentrum für fortgeschrittene Elektronik (cfaed), das dort seine Mikrostrukturierungs-Labore unterbringen wird, vor allem aber rund 3000 Quadratmeter für das IAPP, das seine Hightech-Forschungen bisher bröckelnden Beyer-Bau verrichten musste. „Der Beyer-Bau ist zwar architektonisch ein schönes Gebäude“, betonte Leo. „Aber der Neubau hier an der Nöthnitzer Straße wird für unsere Forschungen ein Riesenfortschritt sein.“

Der Instituts-Neubau für die Photophysiker der TU Dresden ist an der Nöthnitzer Straße von vielen universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit den Schwerpunkten Technik, Elektronik und Physik umgeben. Heute war Richfest, Mitte 2016 soll der Neubau fertig sein. Foto: Heiko Weckbrodt

Der Instituts-Neubau für die Photophysiker der TU Dresden ist an der Nöthnitzer Straße von vielen universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit den Schwerpunkten Technik, Elektronik und Physik umgeben. Heute war Richfest, Mitte 2016 soll der Neubau fertig sein. Foto: Heiko Weckbrodt

Finanz-Unland verspricht weitere 116 Millionen € für TU Dresden

Und das neue IAAP ist garantiert nicht die letzte Investition auf dem Südcampus der TU Dresden. Denn als nächstes geht der neue Supercomputer-Komplex der Uni auf der anderen Straßenseite in Betrieb, dessen Abwärme auch gleich genutzt wird, um das Physikinstitut zu beheizen. Zudem hat der sächsische Finanzminister Georg Unland (CDU) beim Instituts-Richtfest heute weitere knapp 116 Millionen Euro für das Investitionsprogramm an der TU Dresden in den Jahren 2015/16 versprochen – wenn denn der Landtag Unlands Haushaltsentwurf demnächst absegnen sollte. Autor: Heiko Weckbrodt