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Ifo warnt vor De-Globalisierung von Deutschlands

Kaiserpalast mit Mao-Bild in Peking. Foto: Axel Buchwitz

Studie: Allein die Voll-Abkoppelung von China würde deutsche Wirtschaft sechsmal so teuer kommen wie der Brexit

München, 8. August 2022. Wenn sich Deutschland von China ökonomisch entkoppeln würde, wie in jüngster Zeit gelegentlich gefordert, würde dies insbesondere die deutsche Industrie empfindlich schaden. Das hat die Studie „Geopolitische Herausforderungen und ihre Folgen für das deutsche Wirtschaftsmodell“ des Forschungsinstituts „Ifo“ aus München im Auftrag der „Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft“ ergeben. Insbesondere, wenn dies in einen Handelskrieg zwischen der EU und China ausartetet, „käme dies Deutschland knapp sechsmal so teuer wie der Brexit“, heißt es in einer Studienzusammenfassung.

8,5 % weniger Wertschöpfung in deutscher Autoindustrie

Laut der Untersuchung würde die Wertschöpfung in der Autoindustrie rund 8,5 Prozent sinken, bei Transportausrüstern wäre ein Rückgang um 5,1 Prozent zu erwarten und im Maschinenbau um 4,3 Prozent. Denn die Wertschöpfungsketten gerade in diesen und verwandten Industriezweigen sind eng mit chinesischen Zulieferern und Abnehmern verflochten: In einer Ifo-Umfrage gaben 46 Prozent aller Industrieunternehmen in Deutschland an, derzeit auf wichtige Vorleistungen aus China angewiesen zu sein.

„De-Globalisierung macht uns ärmer“

Diese Beziehungen zu kappen, hätte erhebliche Konsequenzen für Deutschland. „De-Globalisierung macht uns ärmer“, warnte Studien-Mitautorin Lisandra Flach. „Unternehmen sollten sich nicht ohne Not von wichtigen Handelspartnern abwenden, sondern parallel auf Vorleistungen aus anderen Ländern setzen, um einseitige und kritische Abhängigkeiten von bestimmten Märkten und autoritären Regimes zu verringern.“ Statt eines Bruches mit China beziehungsweise eines harten Autarkiekurses könnte es sinnvoller sein, parallel zu China auch Lieferketten mit anderen Ländern und insbesondere befreundeten Staaten auf- und auszubauen.

Annalena Baerbock. Foto: gruene.de, https://annalena-baerbock.de/lebenslauf/

Annalena Baerbock. Foto: gruene.de

Corona, Ukraine-Krieg und Taiwan-Konflikt haben Debatte neu befeuert

Hintergrund der Diskussion: Die deutsche Industrie hatten – auch im internationalen Vergleich – besonders stark von der Globalisierung und vor allem von Zulieferungen und Verkäufen mit und in China profitiert. Und das vergleichsweise billige Erdgas aus Russland und Öllieferungen aus Arabien hatten die hohen deutschen Energiepreis-Anstiege ein Stück weit abgefedert. Diese Verflechtungen mit Diktaturen und Autokratien hatten seit jeher auch für Gegenbewegungen gesorgt – nicht nur aus moralischen Erwägungen heraus, sondern auch wegen der Verlagerung ganzer Industrieketten nach Asien. Neu entfacht wurde diese Diskussion in Deutschland durch die schweren Störungen der Lieferketten seit Donald Trumps Handelskriegen, Corona, Schifffahrtsproblemen und Fabrikausfällen weltweit. Seitdem mehren sich auch wieder Forderungen, Deutschland von Russland und China wirtschaftlich völlig zu entflechten, verlagerte Industrien nach Europa zurückzuholen – bis hin zu Wünschen nach völliger De-Globalisierung und Autarkie. Befeuert hatte diese Debatte erst kürzlich noch einmal die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Bündnisgrüne), die China im Falle eines Angriffs auf Taiwan mit Konsequenzen gedroht hatte.

Ifo: Erfolgsmodell der deutschen Wirtschaft wankt

Derweil sehen die Ifo-Forscher bisher verfolgte wirtschaftliche Pfade in Frage gestellt: „Neue geopolitische Herausforderungen haben das Erfolgsmodell der deutschen Wirtschaft mit seiner starken Außenhandelsorientierung ins Wanken gebracht“, heißt es in ihrem Studienfazit. „Bei der derzeitigen öffentlichen Debatte um Lieferketten sollte berücksichtigt werden, dass besonders diese breit angelegte Rückverlagerung der Produktion starke negative Folgen für die Wirtschaftskraft Deutschlands hätte und zu enormen Einkommensverlusten führen würde. Die De-Globalisierung könnte nicht nur zu erhöhter Arbeitslosigkeit und geringerem Wohlstand führen, sondern letztlich auch die politische Stabilität des Landes gefährden.“ Daher sei eher eine Diversifizierung – also die Erschließung von mehr Lieferquellen und Abnehmern als bisher – das Gebot der Stunde als ein Autarkiekurs. „Vor allem Handelsabkommen und strategische Partnerschaften mit Entwicklungsländern bieten die beste Möglichkeit, den Handel mit zusätzlichen Partnerländern zu fördern und Unternehmen bei der Diversifizierung ihrer Lieferketten zu unterstützen“, heißt es weiter in der Ifo-Analyse. „Aber auch ein Handelsabkommen mit den USA und weiteren westlichen Demokratien wäre ökonomisch äußerst hilfreich.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Ifo, Oiger-Archiv

Wissenschaftliche Studie:

Clemens Fuest, Lisandra Flach, Florian Dorn, Lisa Scheckenhofer: „Geopolitische Herausforderungen und ihre Folgen für das deutsche Wirtschaftsmodell“, hier im Netz abrufbar