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Holypoly: Welt braucht Plaste-Kreisläufe statt nur Verbote

Johanna Bialek von Holypoly mit einem Recyclingschwein. Foto: Holypoly

Johanna Bialek von Holypoly mit einem Recyclingschwein. Foto: Holypoly

Dresdner Jungunternehmen zeigt, wie aus alten Flaschen rosa Schweine werden

Dresden, 3. Juli 2021. Das Einwegplastik-Verbot, das heute in Kraft getreten ist, ist eine Notbremse, aber auch nur ein Schritt auf dem Weg zu einer umweltverträglichere Kunststoff-Wirtschaft. Das hat Geschäftsführer Fridolin Pflüger vom Dresdner Recycling-Beratungsunternehmen „Holypoly“ erklärt. Es reiche nicht, „einige Regeln zu ändern oder ein paar Verbote auszusprechen. Die Kunststoffbranche muss ein ganz anderes Spiel spielen. Und das heißt Kreislaufwirtschaft“.

Fridolin Pflüger ist einer der Geschäftsführer von Holypoly. Foto: Holypoly

Fridolin Pflüger ist einer der Geschäftsführer von Holypoly. Foto: Holypoly

350.000 Tonnen Plastemüll im Jahr durch Togo-Trend

Eine wachsende Plastemüll-Quelle war in den vergangenen Jahren in der Bundesrepublik unter anderem der Trend, sich Essen und Getränke zum Mitnehmen („To Go“) einpacken zu lassen. Allein durch Einweggeschirr und -besteck sowie Mitnehm-Verpackungen entstanden im Jahr 2017 fast 350.000 Tonnen Plastemüll – dies hatte die „Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung“ (GVM) für den Naturschutzbund „Nabu“ ermittelt. Im selben Jahr verbrauchten die Deutschen etwa 4,8 Milliarden Strohhalme, 2,8 Milliarden Einweg-Kaffeebecher und nutzten 9,6 Milliarden Einweg-Plasteflaschen, informierte das Statistikportal „Statista“ auf der Basis von Daten der Umweltassoziation „Seas at Risk“.

Ausgewählte Plasteartikel, die seit dem 3. Juli 2021 nicht mehr verkauft werden dürfen. Grafik: Bundesregierung

Ausgewählte Plasteartikel, die seit dem 3. Juli 2021 nicht mehr verkauft werden dürfen. Grafik: Bundesregierung

Recycling-Quote bei Kunststoff umstritten – womöglich liegt sie unter 20 Prozent

Dabei sind diese Einwegplaste-Produkte nur ein Teil des Problems: Insgesamt fielen laut Bundesumweltministerium – ebenfalls für 2017 gerechnet – rund 14,4 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle in Deutschland an. Wieviel davon stofflich wiederverwertet wird, ist umstritten. Denn vor allem der weitere Weg der exportierten Kunststoffprodukte ist oft nur schwer nachvollziehbar. Einigermaßen gesichert kann man aber wohl von einer stofflichen Recyclingquote von etwas unter 20 Prozent ausgehen, die Bundestagsfraktion der Grünen geht sogar nur von 17,3 Prozent aus.

Auch aus alten Schallplatten lässt sich Neues machen. Foto: Holypoly

Auch aus alten Schallplatten lässt sich Neues machen. Foto: Holypoly

Manuelles Ereignis-Recycling mit Fahrradzerhäcksler und Schmelzhandpresse

Das Ziel müsse aber eine Welt sein, in der neue, hochwertige Produkte zu 100 Prozent recycelt und zu 100 Prozent recyclingfähig sind, argumentierte Holypoly-Chef Pflüger. Und wie das gehen kann, machen er und seine Mitstreiter bereits seit ein paar Jahren vor: Im Dresdner Verbund „Konglomerat“ und dessen „Rosenwerk“, das Hightechbastlern, Elektroniknerds, Holzkreativen, 3D-Druckspezialisten, Umweltbewegten und anderen Aktiven ein Dach gibt, gründeten Nachwuchsakademiker der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) im Jahr 2017 die „Kunststoffschmiede“. Dort entwickelten die Studentinnen und Studenten einige praktische – wenn auch zunächst noch nicht ganz industrietaugliche – Lösungen, wie sich Kunststoffabfälle zu neuen nützlichen Produkten verarbeiten lassen: Dabei zerhäckseln beispielsweise Konsumenten mit einer muskelbetriebenen Fahrradmaschine ihre alten Plasteflaschen oder Kunststoffbecher, schmelzen sie auf, pressen per Hand die zählflüssige Masse in eine Form – und lassen sie zu neuen Zahnpasta-Quetschern, rosa Schweine, Tischtuch-Klammern, Pflanzenkästen und dergleichen mehr erstarren. Ein Vorbild war dafür war „precious plastic“-Bewegung des Niederländers Dave Hakkens.

Video: Ein erlebnisorientierter
Recyclingansatz aus Dresden
(Quelle: Kunststoffschmiede Dresden):

Holypoly aus Kunststoffschmiede ausgegründet

Mit der Zeit mehrten sich allerdings auch die Anfragen von Unternehmen, die Rat für großformatigere Lösungen bei der „Kunststoffschmiede“ einholten. Der Waschmittel-Hersteller „Ecover“ beispielsweise baute mit Hilfe der Dresdner ein Live-Recycling vor Drogeriemärkten auf. Dabei entstanden als kleine Kundenschenke Wäscheklammern aus wiederverwerteten Kunststoffen.

Statt Stunden nur noch Minuten: Die Halterung für Anti-Corona-Schilde lassen sich nun mit Spritzgussmaschinen in Großserie fertigen. Foto: Kunststoffschmiede im Konglomerat

Auch in der Corona-Krise kreierte die Dresdner Kunststoffschmiede gemeinsam mit Partner Lösungen, um die Visier-Engpässe zu entspannen: Halterung für Anti-Corona-Schilde. Foto: Kunststoffschmiede im Konglomerat

Angesichts dieses wachsenden Interesse aus der Wirtschaft gründete das umweltbewegte Kollektiv 2020 in Dresden das Unternehmen „Holypoly“. Zur Geschäftsführung gehören Johanna Bialek, Fridolin Pflüger, Matthias Röder und Pascal Haaf. Das Team umfasst derzeit 13 Designer, Ingenieure, Vermarkter und andere Spezialisten. Bis zum Jahresende soll die Belegschaft auf 21 Köpfe wachsen. Das junge Unternehmen berät nun Kunden wie den Spielzeughersteller „Mattel“ dabei, „eine echte Kreislaufwirtschaft in Gang zu setzen“. Dabei denkt das Team in Schritt-für-Schritt-Lösungen: „Der Lebensstandard der Weltgesellschaft basiert auf industrieller Massenproduktion“, erklärt Fridolin Pflüger. „Dahinter stehen Hersteller, die Fertigungen in Auftrag geben. Das machen sie produktweise. Deshalb setzen wir unsere Vision Produkt für Produkt um.”

Stoffliches Recycling schon beim Produktdesign bedenken

Generell müsse sich aber schon bei der Herstellung von Kunststoff-Produkten etwas ändern, meint Pflüger: „Plastik wird mit viel Aufwand aus Erdöl gewonnen, nur um dann im Verbrennungsofen und somit in der Atmosphäre zu landen“, argumentiert er. „Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft ist möglich, auch wenn dafür viele Dinge neu gedacht werden müssen. Das heißt zum Beispiel, dass ein Waschmittel-Hersteller seine Verpackung nicht mehr komplett bedruckt, sondern möglichst transparent gestaltet und nur noch ein kleines Etikett aus demselben Material darauf klebt. So kann die Sortiermaschine das später leichter erkennen.“ Ein weiteres Problem umreißt Johanna Bialek: „Schon beim Design läuft vieles falsch: In einem Produkt sind oft verschiedene Arten von Plastik so verbaut, dass sinnvolles Recycling unmöglich ist.“ Daher sei es wichtig, bereits bei der Produktentwicklung an das spätere Recycling zu denken.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Holypoly, Kunststoffschmiede, Konglomerat/Rosenwerk, BMU, Nabu, Statista, TUD, Bündnisgrüne, Oiger-Archiv

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