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Im Wohnzimmer-Sessel ab nach Tokio

Virtuelle Reisen mit exostischen Fresspaketen sind in Corona-Zeiten ein Trend geworden. Foto: (bearbeitet, freigestellt) Heiko Weckbrodt

Virtuelle Reisen mit exostischen Fresspaketen sind in Corona-Zeiten ein Trend geworden. Foto: (bearbeitet, freigestellt) Heiko Weckbrodt

Reisebüros bieten in Corona-Zeiten virtuelle Urlaube rund um den Globus an – und das Konzept kommt an

Dresden, 6. Mai 2021. In Corona-Zeiten suchen Reisebüros nach neuen Geschäftsmodellen – und manche wie beispielsweise „Eberhardt Travel“ aus Kesselsdorf bei Dresden, „Hauser“ aus München oder „Itravel“ aus Köln finden sie in virtuellen Reisen. Dabei bucht der fernweh-bewegte Mensch beispielsweise für ein paar Dutzend Euro eine komplette Asien-Rundtour oder eine panamerikanische Reise von zwei, drei Wochen, die im „echten Leben“ mehrere tausend Euro kosten würde. Und die erlebt er oder sie dann wie im Zeitraffer binnen Stunden daheim im Sessel vor dem Bildschirm oder der großen Beamer-Leinwand – und futtert dazu Snacks aus den fernen Ländern.

Aus der Schnapsidee entstand ein neues Geschäftsmodell

„Die Idee ist ehrlicherweise als Schnapsidee im Oktober 2020 entstanden“, erinnert sich Prokurist René Wächtler vom sächsischen Reiseveranstalter „Eberhardt Travel“. „Zwei Kollegen hatten bei einem Pausengespräch vor dem November-Lockdown die Idee, doch mal eine virtuelle Whisky-Probe zu machen.“ Die Beiden legten einen Termin fest und stellten den ins Netz. „Es konnte ja niemand ahnen, dass es wirklich Interessenten dafür gibt.“ Daraus entwickelten sich dann die virtuellen Reiseangebote.

3500 virtuelle Reisende binnen fünf Monaten

Und das Konzept kam an: „Die Nachfrage war sehr groß und seit Dezember 2020 sind unsere Kollegen und Kolleginnen jeden Abend online“, erzählt der Prokurist. „Seitdem sind über 3500 Gäste mit uns virtuell unterwegs gewesen, in zahlreiche Destinationen, die sonst auch zu unserem Rundreise-Portfolio gehören.“

Zuerst nur ein Geheimtipp im Netzwerk

Einer dieser virtuellen Reisenden war der Dresdner Internet-Unternehmer Oliver Stempel*. Er hat inzwischen zwei solcher virtuellen Reisen mitgemacht: erst eine Tour durch Taiwan, Südkorea und Japan, und dann noch – gemeinsam mit seinem Team aus der Firma – über den ganzen amerikanischen Doppelkontinent von Alaska im Norden bis fast hinunter ans Kap Hoorn. „Den Tipp, dass es so etwas jetzt gibt, hatte ich von einer Bekannten aus meinem Unternehmernetzwerk bekommen“, erzählt der 44-Jährige, der in vorpandemischen Zeiten oft, gern und weit verreist ist. „Ich war neugierig und 40 Euro für so eine Tour inklusive Snacks fand ich okay.“

Sake, Glückskeksen und Wasabi-Nüsse: Passende Snacks sind inklusive

Das Paket mit den asiatischen Spezialitäten erreichte ihn kurz vor „Reisebeginn“ per DHL-Paketdienst. „Leider kam die E-Mail, dass ich die Box erst zu Reisebeginn öffnen sollte, einfach zu spät – da hatte ich das Paket schon aufgemacht. Wenn ich mit richtig erinnere, waren da drin eine Flasche Sake-Reiswein, Glückskekse, japanischer Tee, Wasabi-Nüsse, Mochie-Reiskuchen und noch ein paar andere Snacks.“ Die verspachtelte Oliver Stempel dann, während er vor seinem PC-Monitor saß. Dort hatten sich am Tag der Tage zwei Reiseführer im Kimono aus einem Kesselsdorfer Videostudio zugeschaltet. In einer Art moderierter Fotoshow begleiteten sie ihn zwei Stunden lang auf seiner virtuellen Tour durch Fernost. „Ehrlich gesagt, war ich nicht so begeistert“, erinnert sich der virtuelle Fernreisende, der im realen Vorcorona-Leben selbst schon Japan und Südkorea bereits bereist hatte. „Das hat mich doch ein wenig an einen überlangen Diavortrag erinnert.“

Virtueller Betriebsausflug endete feucht-fröhlich

Umso besser gefiel ihm sowie seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der virtuelle Betriebsausflug durch die beiden Amerikas ein paar Tage später. „Da hatten wir zwei andere Reiseführer und bei denen hat man gleich gemerkt, mit wieviel Herzblut die dabei waren. Die haben sich in jedem besuchten Land immer neue Hüte aufgesetzt, waren mit viel Begeisterung dabei und haben auch ordentlich mitgebechert – das hat die Stimmung von allen noch mal richtig gehoben“, erzählt er grinsend. „Unsere Tour ging von Alaska bis runter an die Südspitze, glaub ich – aber von Brasilien hab ich selbst nicht mehr so viel mitbekommen, weil ich da schon ganz schön besoffen war.“ Denn das Fresspaket enthielt diesmal neben Bananenchips, Schokolade und anderen transamerikanischen Snacks auch viele Alkoholika: Wein, Bier und Schnaps aus Kalifornien, Mexiko und Südamerika.

Mehr Interaktion à la Twitch wäre wünschenswert

Die Tour hat uns allen viel Spaß gemacht“, berichtet Oliver Stempel. „Wahrscheinlich auch, weil wir zwar alle vom Heimoffice mitgereist sind, aber alle per Kamera gesehen und dabei zusammen chatten konnten.“ Schade sei nur gewesen, dass kaum Interaktion mit den Reiseführern möglich war. „Da sollte sich der Anbieter mal anschauen, wie das bei Twitch, Youtube live und ähnlichen Videoplattformen funktioniert, wo man bessere technischen visuelle Möglichkeiten hat und auch sofort mit Kommentaren auf alles reagieren kann.“

Neues Modell für Reisebüros auch jenseits der verseuchten Zeiten

Unterm Strich empfiehlt der Internetunternehmer das virtuelle Reiseformat dennoch weiter und rechnet auch damit, dass es künftig Schule macht: „Ich sehe darin ein neues Geschäftsmodell und riesige Chancen für Reisebüros“, argumentiert er. „Auch wenn Corona mal vorbei ist, wird es zum Beispiel immer Leute geben, die ewig auf eine Fernreise sparen und sich lange vorher auf alles vorbereiten wollen – dafür eignet so ein Format richtig gut. Außerdem können so kleine Reiseanbieter, die bisher eher einen lokalen oder regionalen Aktionsradius hatten, nun deutschlandweit agieren.“

Mehr als nur Corona-Überbrückung

Auch bei Eberhardt-Reisen denkt man längst über die Seuchenzeit hinaus: „Wir haben entschieden, keine Sommerpause mit den virtuellen Reisen einzulegen, sondern weiter zu machen – auch nach Corona!“, berichtet Prokurist Wächtler. „Wir würden die virtuellen Reisen gern nicht nur als Corona-Überbrückung betrachten wollen, sondern als Dienstleistung für Menschen, die jetzt oder gar nicht mehr reisen wollen oder können, entwickeln und professionalisieren.“

* Name geändert

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Tester-Interview, Eberhardt Travel u. a.

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