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Kaliningrad zwischen Kant und Fußball-WM – Teil 3

Immanuel Kant. Repro: Becker, Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei

Immanuel Kant (1724-1804). Repro: Becker, Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei

Auf den Spuren von Immanuel Kant

Dresden/Kaliningrad. Das frühere Königsberg und heutige Kaliningrad ist einer der Austragungsorte für die Fußball-WM 2018. Oiger-Gastautor Gerhard Barkleit hat sich vor der Weltmeisterschaft gen Russland aufgemacht, um hinter die Kulissen zu schauen.

Die Kaliningrader sind stolz darauf, dass ihre Stadt für würdig befunden wurde, Austragungsort von Spielen der Fußballweltmeisterschaft zu sein. Die Tatsache, dass vier Vorrundenspiele der Fußballweltmeisterschaft in Kaliningrad ausgetragen werden, rückt diese Region zumindest vorübergehend nicht nur in den Blickpunkt von Fans der dort agierenden Länder, sondern der ganzen Welt. Dennoch ist und bleibt die Exklave eine von der Hauptstadt durch Ländergrenzen getrennte Provinz, die infolge ihrer 700-jährigen deutschen Vergangenheit eine besondere Sensibilität für alles Deutsche besitzt. Beides zusammen bildet einen idealen Nährboden für vorauseilenden Gehorsam von Behörden und Institutionen.

300. Geburtstag des Philosophen

Von vergleichbarer internationaler Bedeutung, so die Hoffnung der regionalen Politik, könnten weltweit ausstrahlende Feierlichkeiten zum 300. Geburtstag eines der ganz großen Philosophen in der Wissenschaftsgeschichte werden, nämlich Immanuel Kants am 22. April 2024. Während der fünf Jahrzehnte dauernden Sowjetherrschaft war die gesamte Region ein militärischer Sperrbezirk, deren Universität weder intellektuelle Brillanz hervorbrachte, noch solche anzog. Dementsprechend provinziell war das Niveau von universitärer Wissenschaft und Forschung, was auch für die Kantforschung zutrifft, wie Insider nicht müde werden zu betonen.

Ein Vortrag von Professor Wladimir Gilmanow, Kultur-, Literatur- und Sprachwissenschaftler an der Universität seiner Heimatstadt, über Kant als essenziellen Code für die Beseitigung der Globalgefahren rief zumindest bei so manchem Hörer einiges Erstaunen hervor. Gilmanow gilt in Deutschland als einer der führenden Intellektuellen des Königsberger Gebiets, der sich seit über 20 Jahren gegen alle Widerstände für freundschaftliche Beziehungen zwischen den früheren und den heutigen Bewohnern Königsbergs einsetze. Er ist ein Wissenschaftler, der gern und oft über die großen Fragen unserer Zeit spricht. Er habe das, so betonte er, auch schon in Brüssel vor den Abgeordneten des Europaparlaments getan. Offensichtlich sind seine Vorschläge zur Qualifizierung von Akteuren auf den politischen Bühnen aber (noch?) nicht aufgegriffen worden.

Gilmanow hob die Warnung Kants vor den Erkenntnissen der „mathematisierten Physik“ und dessen Forderung hervor, diesen Erkenntnissen mit der nicht rational erklärbaren, aber fühlbaren „moralischen Hemmung“ zu begegnen, die jeder Mensch besitze. Ethisch begründete er Wachsamkeit gegenüber der Erkenntnistheorie, so könnte man es in moderner Terminologie nennen. Als aktuelles Beispiel wählte er Frank J. Tiplers Buch „Physik der Unsterblichkeit“, das 1995 in deutscher Sprache erschienen ist. Amazon bewirbt dieses Buch mit einem wahrhaft reißerischen Text: „Die Auferstehung der Toten, die Existenz von Himmel und Hölle und Gott sind physikalisch belegbar – das ist die These des international renommierten Physikers Frank J. Tipler. Mit der analytischen Schärfe eines Naturwissenschaftlers und mit physikalischen Argumenten rekonstruiert er fundamentale Glaubenssätze der Religion und beweist, dass Gott existiert und dass das ewige Leben des Menschen nicht Glaubens-, sondern Tatsache ist. Ein Manifest zur Versöhnung von Wissenschaft und Religion, von Verstand und Gefühl.“

Der gelernte Physiker fragte sich, ob der Rückgriff auf Kant bei einer Physik der Unsterblichkeit notwendig oder wenigstens hilfreich ist. Er kommt zu dem Schluss: Weder notwendig noch hilfreich, da für ihn Tiplers Buch nichts als Scharlatanerie auf höchstem Niveau ist.

Im Stile eines Gurus gab Gilmanow eine Kostprobe der praktischen Anwendung des kategorischen Imperativs auf, indem er auch haptisch vorführte, wie sehr er sich von der schönen Frau in der ersten Reihe angezogen fühle. So sehr, dass er sich, ganz im Sinne von Kant, regelrecht Gewalt antun müsse, diesem Begehren zu widerstehen. Es gelang ihm. Das Ganze war zweifellos sehr unterhaltsam, das Potenzial Kant`schen Denkens für die Beseitigung der Globalgefahren wollte sich dem Hörer allerdings nicht so recht erschließen. Die bereits zitierte gelernte Philosophin meinte anschließend, dass ein solcher Umgang mit Kant in Deutschland undenkbar sei.

Der Dom von K;nigsberg, dem heutigen Kaliningrad. Foto: Barkleit

Der Dom von Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Foto: Barkleit

Festveranstaltung der Universität im Königsberger Dom

Als Einstimmung auf das Bohnenmahl trafen sich die deutschen und die russischen Gäste im Dom, genossen ein Orgelkonzert und nahmen an einer Festveranstaltung der Universität teil, auf der herausragende Absolventen ausgezeichnet wurden. Wer bei diesem festlichen Anlass allerdings auch eine angemessene Kleidung erwartet hatte, sah mit einem gewissen Befremden auf das lässige Outfit der Laureaten.

In seinem nicht enden wollenden Grußwort betonte Leonard A. Kalinnikow, Professor an der Universität von Kaliningrad und Vorsitzender der interregionalen Kant-Gesellschaft Russlands, dass Kant für ihn, der sich fünf Jahrzehnte mit diesem Denker beschäftigt habe, als ein wahrer Gott dastehe. Das klingt schon merkwürdig, ist er doch wie alle Gesellschaftswissenschaftler zu Sowjetzeiten durch die hohe Schule des wissenschaftlichen Atheismus gegangen. Als es noch Leningrad hieß, verwandelte die Sowjetmacht in St. Petersburg einen monumentalen Sakralbau auf dem Newski-Prospekt in ein Museum für wissenschaftlichen Atheismus. Die Erinnerungen an einen Bummel entlang dieser prächtigen Straße stiegen auf und ließen sich nicht ohne weiteres zurückdrängen.

Es fiel schwer, sich auf den Festvortrag von Professor Alexej Kruglow aus Moskau zu konzentrieren, der über die Memorialisierung Kants in der russischen Literatur sprach. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass weitgehend unklar blieb, weshalb der Referent trotz des von ihm behaupteten „Reichtums und der Vielfalt der Bilder Kants in der russischen Literatur“ gerade diese Facette der Rezeption herausgesucht hatte. Auch er wollte, wie so manche russischen Schriftsteller weniger über Kant und dessen Denken, sondern lieber über dessen Tod reden. Er tat das unter fast allen denkbaren Aspekten, angefangen bei „Die Philosophie Kants auf dem Friedhof“ über „Kant als Leiche“, über seinen Schädel und die Totenmaske bis hin zu Büsten und Denkmalen. Am Ende landete er bei Vorwürfen an die Neukantianer, welche „die Überreste des Weisen umsonst gestört und seine ehemals revolutionäre Philosophie tot gemacht haben“. Ins Heute zielend stellte er fest, dass es an uns selbst liege, kein ernsthaftes Gespräch auf Augenhöhe mit diesem Königsberger Philosophen zu führen, „ohne seine Philosophie platt und tot zu machen“.

Autor: Gerhard Barkleit

Gerhard Barkleit, Foto: Privatarchiv Barkleit

Gerhard Barkleit, Foto: Privatarchiv Barkleit

 

Lesen Sie in…

Teil 1: Potemkinsche Dörfer

Teil 2: Ein Koffer für Hannah Arendt

Teil 3: Auf den Spuren von Immanuel Kant

Teil 4: Ein Bohnenmahl auf Kant