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Kaliningrad zwischen Kant und Fußball-WM – Teil 4

Bis 2024 soll das Pfarrhaus in Judtschen (Wessljolowka), in dem Kant als Lehrer lebte, saniert sein. Foto: Barkleit

Bis 2024 soll das Pfarrhaus in Judtschen (Wessjolowka), in dem Kant als Lehrer lebte, saniert sein. Foto: Barkleit

Streit um Andenken: „Kant ist ein Trottel“

Dresden/Kaliningrad. Das frühere Königsberg und heutige Kaliningrad ist einer der Austragungsorte für die Fußball-WM 2018. Oiger-Gastautor Gerhard Barkleit hat sich vor der Weltmeisterschaft gen Russland aufgemacht, um hinter die Kulissen zu schauen.

Nicht jedem passt die Rückbesinnung

Ein Zeugnis der Bemühungen der Kaliningrader Gebietsregierung, auch außerhalb Königsbergs liegende wichtige Orte des Gedenkens an Kant finanziell zu fördern, ist im ehemaligen Judtschen zu besichtigen, heute Wessjolowka. Das ehemalige Pfarrhaus, in dem Kant einige Jahre als Hauslehrer lebte, soll bis 2024 „auf Hochglanz“ gebracht werden. Noch im Mai 2015 war das Haus dem Verfall preisgegeben und erste Proteste gegen eine Renovierung gab es auch. „Kant ist ein Trottel“, wurde auf Russisch an die Fassade geschmiert, von einer 17-jährigen Pädagogikstudentin, wie die Behörden ermittelten.1

Museum der Einwanderer geplant

Die Pläne für den Wiederaufbau sehen vor, „irgendwann in Wessjolowka ein Museum der Einwanderer zu schaffen, das von der Geschichte der Besiedlung des ländlichen Ostpreußens im 18. Jahrhundert und später des Kaliningrader Gebietes zur sowjetischen Zeit erzählen wird“, sagt Andrej Silber, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Academia Kantiana. So lange wolle er nicht warten, erklärte Dr. Dirk Loyal als er dem Kunsthistorischen Gebietsmuseum Exponate seiner Vorfahren spendete, die einst in Judtschen lebten.

Mit dem Bohnenmal gedenken Kant-Freunde des berühmten Philosophen. Foto. Barkleit

Mit dem Bohnenmal gedenken Kant-Freunde des berühmten Philosophen. Foto: Barkleit

Das Bohnenmahl

Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Politiker und prominente Vertreter der Kaliningrader Bürgergesellschaft zelebrierten als russisch-deutsche Festgemeinde das „Bohnenmahl“ an aufwändig gedeckten Tischen und ganz im Geiste der sprichwörtlichen russischen Gastfreundschaft. Zur Erinnerung:Dieses Bohnenmahl geht auf ein Gedenkessen zurück, das der Kant-Freund Dr. Motherby erstmals 1805 nach dem Tod des Philosophen ausgerichtet hatte.

Auf die Bohnenrede der Kaliningrader Malerin Nelly Smirnjagina hatte Professor Matthias Weber aus Oldenburg durch seinen Vortrag über Kant in der modernen Kunst die Freunde Kants und Königsbergs bereits am Vortag eingestimmt. Die Rede selbst, die Trinksprüche und die lockere Atmosphäre gaben der Hoffnung Nahrung, dass ein Rückfall der jungen russischen Eliten in die sowjetischen Denkmuster wenig wahrscheinlich und ein Bruch alter Freundschaften wahrlich nicht zu befürchten ist. Nur am Rande sei dennoch vermerkt, dass die gar nicht so selten anzutreffende Vereinnahmung von Kant mit der Formel „unser Landsmann Kant“ durch Politiker, Wissenschaftler und Journalisten vor Ort bei so manchem Vertriebenen noch immer Beklemmungen auslöst.

Zurück nach Dresden

Wer der zweisprachigen, also russischen und englischen, Ausschilderung folgt, landet unweigerlich im Transitraum für die Inlandflüge nach Moskau oder St. Petersburg, den bevorzugten Zielen der Russen aus dem Kaliningrader Oblast. Wer allerdings russisch spricht und auch die örtliche Mentalität kennt, fragt das Personal so oft es geht, ob denn die Schilder auf der Baustelle „Ausreiseterminal“ auch den richtigen Weg weisen. Und nur dieser erreicht ohne weitere Umwege den Transitraum für Flüge ins Ausland, z. B. Polen oder Litauen, die benachbarte ehemalige Sowjetrepublik.

Autor: Gerhard Barkleit

Gerhard Barkleit, Foto: Privatarchiv Barkleit

Gerhard Barkleit, Foto: Privatarchiv Barkleit

Lesen Sie in…

Teil 1: Potemkinsche Dörfer

Teil 2: Ein Koffer für Hannah Arendt

Teil 3: Auf den Spuren von Immanuel Kant

Teil 4: Ein Bohnenmahl auf Kant

 

1 Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 17. Mai 2015, S. 9.