Geschichte, zAufi

Kaliningrad zwischen Kant und Fußball-WM – Teil 2

Foto: Barkleit

Denkmal für Hannah Arendt in Kaliningrad. Foto: Freundeskreis des HAIT, Repro: Barkleit

Ein Koffer für Hannah Arendt

Dresden/Kaliningrad. Das frühere Königsberg und heutige Kaliningrad ist einer der Austragungsorte für die Fußball-WM 2018. Oiger-Gastautor Gerhard Barkleit hat sich vor der Weltmeisterschaft gen Russland aufgemacht, um hinter die Kulissen zu schauen. In Teil 1 berichtete er über die ersten Eindrücke. Nach den Potemkinschen Dörfern warteten weitere Überraschungen in Kaliningrad. Die unangenehmen sind den gegenwärtigen Friktionen in den deutsch-russischen Beziehungen geschuldet.

Die weltweit bekannte Philosophin Hannah Arendt, Namenspatronin des in Dresden beheimateten Instituts für Totalitarismusforschung, verbrachte ihre Kindheit und frühe Jugendzeit in Königsberg, im heute nicht mehr existierenden Hause ihres Großvaters. Anlässlich ihres 110. Geburtstags wurde am 14. Oktober 2016 ein Denkmal eingeweiht. Der israelische Bildhauer Ram Katzir hatte einen steinernen Koffer aus echtem Jerusalemer Kalkstein gefertigt und vor dem Museum für Stadtgeschichte am Friedländer Tor aufgestellt.

Diese Arbeit ist einer gemeinsamen Initiative des in Berlin beheimateten und international besetzten Vereins „Freunde Kants und Königsberg“ sowie dem Freundeskreis des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts zu verdanken, die auch einen Teil der finanziellen Mittel aufbrachten. Als Zeichen der Verbundenheit mit seiner Vaterstadt beteiligte sich auch der Autor, bis zum Sommer 2008 Mitarbeiter des Hannah-Arendt-Instituts, an der Finanzierung. Die Dresdner hatten ihre Zuwendung mit der Auflage versehen, dass die Namen der Sponsoren an der Rückseite des Denkmals sichtbar sein müssen.

Denkmal schon wieder eingemottet

Der Königsberger Express berichtete über den festlichen Akt, an dem als prominente deutsche Teilnehmer der Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer und der Generalkonsul Dr. Michael Banzhaf teilnahmen. Aus Moskau war Professor Alexander Filippov angereist, Philosoph und Soziologe sowie Chefredakteur der Zeitschrift „Soziologische Rundschau“. Swetlana Kolbanjowa, Autorin des Beitrages, sah das Ereignis als „großen Anstoß, damit der Name Arendt in Kaliningrad zu neuen Klängen kommt“. Wo ist der „Hannah-Arendt-Koffer?“, fragten wir, als wir am Friedländer Tor vorüberfuhren. „Eingemottet im Fundus einer Zweigstelle des staatlichen Museums für Gegenwartskunst in der Defensionskaserne Kronprinz am Litauischen Wall“, tönte es von rechts. Die zur Stimme gehörende junge Dame entpuppte sich als gelernte Philosophin mit einem Faible für Hannah Arendt. Sie habe den Koffer im vergangenen Jahr eher zufällig dort entdeckt, erklärte sie.

Vorbehalte gegen Totalitarismus-Forscherin

Ein Philosoph der Kaliningrader Universität in leitender Stellung trug maßgeblich dazu bei, den Namen Hannah Arendt in der Stadt zum Klingen zu bringen. Während zweier Forschungsaufenthalte am Dresdner Hannah-Arendt-Institut hatte er sich mit Leben und Werk der Namensgeberin und deren geistiger Nähe zu Kant beschäftigt. Da Hannah Arendt in ihrem Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ das nationalsozialistische Dritte Reich und die Sowjetunion unter Stalin zu Prototypen dieser Art politischer Herrschaft erklärte, verfolgten große Teile des Lehrkörpers jedwedes Engagement zur Popularisierung dieser Denkerin in Kaliningrad mit großem Misstrauen. Sein Engagement, vor allem aber wohl seine exzellenten Beziehungen zu Deutschland überhaupt, wurden nach der Annexion der Krim durch Russland und den daraufhin verhängten Sanktionen des Westens in der Universität immer kritischer gesehen. In einer solchen Umgebung ist es nahezu unmöglich, sich erfolgreich gegen Mobbing zu wehren. Die Auflösung des Instituts für Kantforschung und die Gründung einer Academia Kantiana genannten Nachfolgeeinrichtung am 24. Mai 2017 ließen ihn die Universität verlassen. Kant-Forschung auf höchstem Niveau und in wissenschaftlicher Freiheit, das weiß man an der Kant-Universität, wird in Deutschland betrieben. In Moskau, so heißt es, könne man, anders als hier, aber auch zu Hannah Arendt forschen. Das Verlassen der Kaliningrader Universität kann also durchaus eine Chance sein.

Die Academia Kantiana

Die aus Moskau kommende Professorin Nina Dmitrijewa spricht ein vorzügliches Deutsch und sieht als profilbestimmende Schwerpunkte ihrer Einrichtung die Kant-Rezeption in Russland, den Neukantianismus Ende des 19./Anfang des 20.Jahrhunderts sowie die Aktualität der Ideen Kants in Politik und Wissenschaft sowie natürlich Kant-Vorlesungen. Sie wolle versuchen, die Academia Kantiana auch international zu vernetzen, wofür jährliche Sommerschulen für Studenten und junge Wissenschaftler ein geeignetes Mittel seien. Aber sowohl die Finanzierung, als auch das Interesse daran seien ein noch zu lösendes Problem. Auch sei es hierzulande noch nicht üblich, Zweisprachigkeit zu fordern, also Russisch und Englisch. Die Nachfrage, ob es nicht zwingend sei, dass man an einer Academia Kantiana den Namensgeber auch in Originalsprache lesen können müsse, beantwortete sie mit ihrer Erfahrung, dass man zum einen internationale Kurse nur in Englisch anbieten könne. Zum anderen gewönnen aber die Kursteilnehmer die Einsicht, die deutsche Sprache lernen zu müssen.

Auf Hannah Arendt angesprochen, erklärte sie, Forschungen zu Hannah Arendt schließe sie nicht aus, hätten aber zurzeit auch keine Priorität. Auf meine früheren erfolglosen Aktivitäten zur Initialisierung einer Zusammenarbeit zwischen dem Hannah-Arendt-Institut und der Kant-Universität verweisend, betonte ich, wie hilfreich Hannah Arendt bei der Aufarbeitung der Vergangenheit von Diktaturen sein könne – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Russland. Bei diesen meinen Worten ging ein deutlich sichtbarer Ruck durch ihren Körper – nonverbale, aber entschiedene Zurückweisung einer solchen Zumutung.

Das Deutsch-Russische Haus

Wenngleich ein auf Abwege geratener stellvertretender Direktor wohl kaum als alleinige Ursache für die Abwicklung eines Universitätsinstituts angesehen werden kann, so ist die Schließung des verdienstvollen deutsch-russischen Hauses tatsächlich öffentlich personifiziert worden. Andrej Portnjagin, nach deutschen Vorgängern erster russischer Direktor dieses im März 1993 eingeweihten Begegnungszentrums, antwortete offen auf die Frage nach den Gründen der Schließung dieser Kultur- und Begegnungsstätte, bei der alle Mitarbeiter entlassen worden seien. Bei einer Veranstaltung, an der auch Vertreter der Stadtverwaltung anwesend gewesen seien, habe sich der Kulturattaché des deutschen Generalkonsulats kritisch zur Annexion der Krim durch Russland geäußert.

Daraufhin sei durch das Justizministerium in Moskau eine Prüfung veranlasst worden, bei der eine weitere Verfehlung zu Tage trat. Eine Schulklasse habe in seinem Haus einen literarischen Abend veranstaltet, bei dem die ostpreußische Heimatdichterin Agnes Miegel im Mittelpunkt stand, die in ihren Gedichten auch Adolf Hitler huldigte. Finanzielle Unregelmäßigkeiten, wie der Öffentlichkeit mitgeteilt worden sei, habe es jedoch nicht gegeben. Die Nutzungsrechte an der Immobilie seien der (russischen) Gesellschaft der Russlanddeutschen übertragen worden, die ihren Sitz in Moskau habe. Portnjagin arbeitet seit seiner Entlassung, also seit etwa einem Jahr, als freiberuflicher Übersetzer und Fremdenführer.

Foto: Barkleit

Foto: Barkleit

Die Freunde Kants und Königsbergs

Es ist an der Zeit, endlich auf den eigentlichen Zweck der Reise zu sprechen zu kommen, die als „Kantreise“ einen jährlichen Fixpunkt im Leben des in Berlin ansässigen Vereins „Freunde Kants und Königsbergs“ bildet. Der Verein wurde am 12. Februar 2011 gegründet, dem Todestag Kants. Gerfried Horst, der Gründer und charismatische Vorsitzende, setzte sich zum Ziel, „die alte Königsberger Tradition des Bohnenmahls wieder in Kants Heimatstadt, dem heutigen Kaliningrad, in Gemeinschaft von Deutschen, Russen und Kant-Freunden aus anderen Nationen fortzusetzen“. Außerdem wollte er, „das geistige Erbe Königsbergs lebendig erhalten und Kants Lehren den heutigen Menschen auf verständliche Weise nahebringen“. Der Verein trage zu Recht den Namen ‚Freunde Kants und Königsbergs‘, da unter den Mitgliedern mehrere direkte Nachkommen von damaligen Königsberger Freunden Kants seien. Dazu gehört auch Marianne Motherby, die charmante stellvertretende Vorsitzende. Höhepunkt einer jeden Kantreise nach Kaliningrad/Königsberg mit Ausflügen, Vorträgen und Konzerten ist stets die Feier von Kants Geburtstag am 22. April.

Bohnenmahl zu Ehren des Philosophen

Gerfried Horst beschreibt auf der Homepage des Vereins, wie das Bohnenmahl entstand: „Kant starb am 12. Februar 1804. Dr. med. William Motherby, der Sohn von Kants Freund Robert Motherby und selbst ein Freund Kants, lud die 22 Teilnehmer der Geburtstagsfeier von 1803 zu einem ‚Erinnerungsfeste‘ am 22. April 1805 in Kants Wohnhaus ein, das nach dem Tod des Philosophen in den Besitz eines Gastwirts gekommen war; dort wollten sie in der gewohnten Umgebung sein Andenken ehren.“

Auch den ungewöhnlichen Namen weiß er zu erklären: „Im Jahre 1814 schlug der Astronom Friedrich Wilhelm Bessel (1784-1846) vor, denjenigen, der jeweils im nächsten Jahr die Rede halten sollte, durch eine silberne Bohne zu bestimmen, die in einem als Nachtisch gereichten Kuchen versteckt wurde. So entstand die Tradition des ‚Bohnenkönigs‘. Die ‚Gesellschaft der Freunde Kants‘ wurde seitdem ‚Bohnengesellschaft‘ genannt und das Festessen an Kants Geburtstag ‚Bohnenmahl‘.“

Autor: Gerhard Barkleit

Gerhard Barkleit, Foto: Privatarchiv Barkleit

Gerhard Barkleit, Foto: Privatarchiv Barkleit

Lesen Sie in…

Teil 1: Potemkinsche Dörfer

Teil 2: Ein Koffer für Hannah Arendt

Teil 3: Auf den Spuren von Immanuel Kant

Teil 4: Ein Bohnenmahl auf Kant