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DVD „Rodin“: Durchs Höllentor in die Moderne

"Der Denker" von Rodin existiert heute weltweit in mehreren Abgüssen. Abb.: Absolut Medien

“Der Denker” von Auguste Rodin existiert heute weltweit in mehreren Abgüssen. Er steht für den Renaissance-Dichter Dante und entstand ursprünglich als Kleinplastik fürs “Höllentor”.. Abb.: Absolut Medien

Doku-Duo porträtiert den französischen Ausnahme-Bildhauer aus faszinierenden Perspektiven

Der Franzose Auguste Rodin (1840 – 1917) war einer der bedeutendsten Bildhauer der Neuzeit. Ähnlich wie van Gogh für die Malerei schlug er in der plastischen Kunst die Brücke hin zum Expressionismus und zur Abstraktion. Rodins Schlüsselwerke wie „Der Denker“, „Das Höllentor“, „Der Kuss“ und „Balzac“ haben sich fest ins kulturelle Gedächtnis der Moderne eingeprägt. Der Filmverlag „Absolute Medien“ hat ihm nun eine DVD mit zwei Porträtfilmen gewidmet: „Rodin – Wegbereiter der Moderne“ verfolgt einen biografischen Ansatz, während sich „Divino # Inferno“ mit künstlerischer Wucht auf das „Höllentor“ fokussiert.

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Industrielle Revolution sorgte auch in der Kunst für neue Impulse

In ihrer Rodin-Biografie skizzieren die Dok-Filmer Claire Duguet und Leslie Grunberg den gewundenen, holprigen Weg Rodins zum singulären Künstler. Der Beamtensohn wurde in eine Zeit hineingeboren, die sich durch die Industrialisierung aller Lebenssphären für die Zeitgenossen immer mehr zu beschleunigen schien. Dies weckte beides: Den retrospektiven Wunsch auf die „gute alte Zeit“ davor, auf idealisierte Kunstwerke, die schön anzusehen waren, aber auch auf eine moderne Kunst, die den Geist der neuen Ära atmete.

Auguste Rodin kam aus der kunstgewerblichen Ausbildungsrichtung und zeichnete gern vorab Entwürfe. Abb.: Absolut Medien

Auguste Rodin kam aus der kunstgewerblichen Ausbildungsrichtung und zeichnete gern vorab Entwürfe. Abb.: Absolut Medien

Abkehr von der idealen Schönheit

Von der klassisch orientierten Ästhetik des 19. Jahrhunderts wandte sich Rodin – der seine Skulpturen nicht aus dem Stein haute, sondern aus Gips oder Ton modellierte und dann meist in Bronze goss – beizeiten ab. Schon frühe Werke wie „Der Mann mit der gebrochenen Nase“ und „Die Bürger von Calais“ kultivierten ein gewisses Maß an Hässlichkeit als eine ganz eigene Schönheit. Akte wie „Das eherne Zeitalter“ wirkten so echt, dass sie einen Skandal provozierten. Spott und Hohn bekam Rodin selbst später noch oft zu hören, als er längst als bedeutender Künstler galt – vor allem für seine abstrahierende Skulptur des französischen Nationaldichters Honore de Balzac.

Sein "Balzac" war für Rodin selbst eine neue Weichenstellung - doch viele seiner Zeitgenossen verspotteten die Skulptur alsd unlenk und missgeformt. "Der Denker" von Rodin existiert heute weltweit in mehreren Abgüssen. Abb.: Absolut Medien

Sein “Balzac” war für Rodin selbst eine neue Weichenstellung – doch viele seiner Zeitgenossen verspotteten die Skulptur alsd unlenk und missgeformt. “Der Denker” von Rodin existiert heute weltweit in mehreren Abgüssen. Abb.: Absolut Medien

Höllentor auch nach 37 Jahren nicht vollendet

Mit dem „Höllentor“ bekam Rodin seinen ersten Staatsauftrag – ein Adelsschlag für einen französischen Künstler. Jahrzehntelang arbeitete er an diesem monumentalen Portal für ein geplantes Kunstgewerbemuseum in Paris. Fertig wurde es nie: Rodin war nie ganz zufrieden und auch das Museumsprojekt selbst scheiterte schließlich. Dennoch wurde dieses Tor mit seinen Hunderten Kleinplastiken zu seinem Hauptwerk: Berühmte Plastiken wie „Der Kuss“ – die er gemeinsam mit seiner Geliebten und Mitstreiterin Camille Claudel ausführte – oder „Der Denker“ waren ursprünglich Kleinentwürfe fürs unvollendete Tor, die der Bildhauer dann als größere Solitäre ausgliederte. In Bronze gegossen wurde das Höllentor in seinem letzten bekannten „vollständigem“ Zustand erst nach Rodins Tod.

Stark: Tänzerische Intepretation von Rodins "Kuss". Abb.: Absolut Medien

Stark: Tänzerische Intepretation von Rodins “Kuss”. Abb.: Absolut Medien

„Divino # Inferno“ tanzt Rodins Werke

All dieses Schaffen beleuchtet die DVD aus mehreren Blickwinkeln: eher biografisch interpretierend in der ersten Doku, auch die Schwächen des „Titanen“ zeigend, eher künstlerisch veredelt in der zweiten: In „Divino # Inferno“ tanzen – anscheinend mit vertrocknetem Lehm verkrustete – Gymnasten die Figuren Rodins mit solcher Raffinesse und expressiver Kraft, dass es manchmal schwer fällt, Kunstwerk und Tänzer zu unterscheiden. Hier entdeckt der Künstler eher die dunkle, kompromisslose, avantgardistische Seite Rodins. Und erkennbar wird, wie stark sich Rodin für sein „Höllentor von Dantes „Göttlicher Komödie“ und Charles Baudelaires „Blumen des Bösen“ inspirieren ließ, aber auch von der impulsiven, später fast vergessenen Jung-Bildhauerin Camille Claudel.

Fazit: Facettenreicher Zugang zu einem Titan der Bildhauerei

Heute wirkt der im Jahr der Oktoberrevolution gestorbene Franzose wie ein entrückter, unantastbarer Titan auf einem fernen Thron. Wer sich dem Menschen und Künstler Rodin nähern, ihn verstehen will, dem sei diese Doppel-Doku wärmstens ans Herz gelegt. Nicht nur wegen der Fülle an Informationen, Bilder, alten Filmaufnahmen und Interpretations-Ansätzen, sondern auch wegen der visuellen Stärke „Divino # Inferno“.

Kurzinfos:

  • Titel: „August Rodin – Wegbereiter der Moderne“ und „Divino # Inferno“
  • Genre: Künstlerbiografien
  • Medium: DVD
  • Regisseure: Claire Duguet, Leslie Grunberg, Bruno Aveillan
  • Produktionsland und –Jahr: Frankreich 2015
  • Laufzeit: 52 und 60 Minuten
  • ISBN: 978-3-8488-1039-0
  • Alterseinstufung: FSK Info
  • Preis: 15 Euro
  • Publikation: Absolut Medien/ Arte Edition

 

Autor der Rezension: Heiko Weckbrodt

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