HalbleiterindustrieNewsWirtschaftspolitikzAufi

US-Studie: Europas Halbleiter-Anteil stagniert trotz EU-Chipgesetz bis 2032 nahezu

Die Visualisierung soll zeigen, wie sehr die neue Bosch-Chipfabrik in Dresden auf "Industrie 4.0"-Konzepte setzt. Foto/Visualisierung: Bosch
Großinvestitionen wie die neue Bosch-Chipfabrik in Dresden haben zwar den Mikroelektronik-Standort Sachsen deutlich gestärkt. Doch im weltweiten Vergleich gelingt es Europa trotz milliardenteurer Subventionen kaum, Marktanteile dazu zu gewinnen. Foto/Visualisierung: Bosch

Vor allem China, Südkorea und USA legen zu

Washington/Berlin/Dresden, 27. Juli 2024. Europas Anteil an der weltweiten Chipproduktion wird sich bis zum Ende der Dekade nicht auf 20 Prozent verdoppeln, wie von der EU als Ziel ausgerufen, sondern nahezu stagnieren. Das geht aus einer Analyse der „Semiconductor Industry Association“ (SIA) aus Washington und der „Boston Consulting Group“ hervor. Demnach wird der Weltmarkt-Anteil der europäischen Mikroelektronik nur ganz leicht von derzeit acht auf dann neun Prozent erhöhen.

Europas Chipgesetz zu schwach dotiert

Ein Grund für diese mageren Perspektiven dürfte die finanziell eher schwache Ausstattung des europäischen Chipgesetzes (European Chips Act = ECA) sein, das die EU als Antwort auf den US-amerikanischen „US Chips Act“ aufgelegt hatte. Die Europäer wollen laut ihrem Chipgesetz rund 43 Milliarden Euro in neue Halbleiterfabriken investieren, wobei die EU selbst nur elf Milliarden selbst beisteuern will. Immerhin: In der Praxis sieht es immerhin danach aus, dass die tatsächlich durch den ECA ausgelösten Investitionen höher ausfallen werden. Denn allein in in Ostdeutschland entstehen laut Schätzungen der IG Metall momentan neue Fertigungskapazitäten in Höhe von 40 Milliarden Euro. Zwar verzögern sich davon einige ECA-Projekte, darunter die Wolfspeed-Fabrik im Saarland und die Intel-Fabs in Magdeburg. Doch die Großprojekte von Infineon und TSMC in Dresden gehen dafür recht zackig voran. Und hinzu kommen weitere angekündigte neue Kapazitäten in Italien, Portugal, Polen, Frankreich und weiteren Ländern, deren Gesamtvolumen noch schwer abzuschätzen ist.

Sachsen fordern Chipgesetz 2.0

Dennoch: Unterm Strich reicht all dies nach Meinung vieler Branchen-Vertreter nicht mal annähernd, um das 20-Prozent-Ziel der EU-Kommission auch nur annähern zu erreichen. So hatte NXP-Chef Kurt Sievers bei einem Besuch bei Globalfoundries Dresden bereits im Herbst 2022 geschätzt, dass Europa eine halbe Billion statt nur ein paar Dutzend Milliarden Euro dafür investieren müsste. Auch der sächsische Branchenverband „Silicon Saxony“, Industriegewerkschaften und Wirtschaftsvertreter haben bereits weitere Chipgesetz- und Subventions-Runden für die deutsche Mikroelektronik gefordert.

Auch „Neulinge“ wie Indien wollen mitmischen

An diesem Befund hat sich bis heute kaum etwa geändert. Im Gegenteil: Inzwischen haben Südkorea und Japan neue, multimilliardenschwere Förderprogramme für ihre Mikroelektronik angekündigt. Zudem wollen Halbleiter-„Neulinge“ wie Indien mittlerweile auch im globalen Chipmarkt mitmischen. Die stärksten Wachstumsraten beim Weltmarktanteil haben seit geraumer Zeit China – das zwischen 2015 und 2022 seinen Anteil von 12 auf 24 Prozent verdoppelte – und Südkorea (19 Prozent).

Die Rolle der USA und Europas in der globalen Mikroelektronik-Produktion ist seit den 1990er Jahren  stark gesunken. Inzwischen versuchen immer mehr Staaten, mit hohen Subventionen Chipfabriken anzulocken. Grafik: SIA, Seni, BCG analysis
Die Rolle der USA und Europas in der globalen Mikroelektronik-Produktion ist seit den 1990er Jahren stark gesunken. Inzwischen versuchen immer mehr Staaten, mit hohen Subventionen Chipfabriken anzulocken. Grafik: SIA, Seni, BCG analysis

Prognose: USA gewinnen verlorene Anteile teilweise zurück

Und für die USA prophezeien die SIA-Analysten in den nächsten Jahren auch wieder einen Chip-Aufschwung: War der US-Anteil seit 1990 von damals 37 Prozent auf inzwischen nur noch zehn Prozent abgesackt, sagt die neue Studie „Strengthening The U.S. Semiconductor Supply Chain“ für 2032 einen Anteil um die 14 Prozent voraus. „Die USA werden zwischen 2024 und 2032 mehr als ein Viertel (28 %) der weltweiten Investitionsausgaben aufbringen – schätzungsweise 646 Milliarden US-Dollar – ein Betrag, der nur von Taiwan übertroffen wird“, heißt es in einer SIA-Zusammenfassung. 2032, also zehn Jahre nach dem Inkrafttreten des US-Chipgesetzes, werde sich die Produktionskapazität für Halbleiter in Amerika verdreifacht haben, „was der höchsten Wachstumsrate der Welt entspricht“, so die Autoren.

Industrievertreter wie „Texas Instruments“-Vorstandschef Rich Templeton sehen hier vor allem eine belebende Wirkung durch die Beihilfen vom Staat: „Wirksame Richtlinien wie der Chips- und Science Act treiben mehr Investitionen in die US-Halbleiterindustrie voran“, betont Templeton, der in Personalunion auch SIA-Vorstandsvorsitzender ist. „Diese Investitionen werden Amerika dabei helfen, seinen Anteil an der weltweiten Halbleiterproduktion und -innovation zu steigern und so das Wirtschaftswachstum und die technologische Wettbewerbsfähigkeit zu fördern.“

Subventionsspirale dreht sich

Die Kehrseite ist freilich, dass dieser Wettbewerb so vieler Länder und Staatenverbünde um eine bessere Marktposition ihrer jeweils eigenen Halbleiter-Industrie inzwischen umgerechnet mehrere Hundert Milliarden Euro Steuergelder weltweit bindet: Durch all diese Chipgesetze und anderen Mikroelektronik-Förderprogramme dreht sich eine globale Subventions-Spirale, die immer mehr staatliche Mittel verschlingt. Diese erheblichen Summen stehen dann natürlich nicht für andere wichtige Transformations-Aufgaben zur Verfügung – was auch in Deutschland immer wieder zu Debatten führt, wie sinnvoll die Zuschüsse für die Chipriesen wirklich sind.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: SIA, Boston Consulting, Oiger-Archiv

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger