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Sachsen spinnen Ersatz-Trommelfelle

"Menschen hören das, was sie zu hören erwarten", hat eine Studie der TU Dresden ergeben. Das fängt schon bei der Verbindung zwischen Ohr und Gehirn an. Foto (bearbeitet): Heiko Weckbrodt

Foto (bearbeitet): Heiko Weckbrodt

Uniklinik und Textilforscher aus Dresden entwickeln perfekte Implantate

Dresden, 24. November 2021. Textilforscher und Mediziner der TU Dresden haben aus biologischen Materalien perfekte Ersatz-Trommelfelle gesponnen, die natürlichen Trommelfellen im Ohr in nichts nachstehen sollen. „Die neuartige Membran ermöglicht eine dauerhafte und komplette Wiederherstellung des Trommelfells“, ist die „Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen“ (AiF) aus Berlin überzeugt, die dieses Entwicklungsprojekt gefördert hat und nun für ihren diesjährigen „Otto von Guericke“-Preis nominiert hat.

30 Millionen Menschen mit Trommelfell-Defekten

Hintergrund: Pro Jahr bekommen rund 30 Millionen Menschen Hörprobleme, weil ihr Trommelfell geplatzt oder defekt ist. „Ohne fachmedizinische Behandlung kann dies zu dauerhaften Schäden und schwerem Hörverlust führen“, betont die AiF. Bisher sei es üblich gewesen, künstliche Trommelfelle aus körpereigene Knorpelhaut, Faszie (Bindegewebe) oder Kunststoffe zu erzeugen und den Patienten dann im Zuge einer sogenannten „Myringoplastik“ wieder einzusetzen. Allerdings erreichen diese Surrogate nicht die Qualitäten eines natürlich gewachsenen Trommelfells.

Marcus Neudert. Foto: ERCD, CC4-Lizenz, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

Marcus Neudert. Foto: ERCD, CC4-Lizenz

Seide und Kunststoff zu Membran verarbeitet

Gefördert vom Bundeswirtschaftsministerium haben sich daher das „Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik“ der TU Dresden und ein Mediziner-Team um Prof. Marcus Neudert vom Uniklinikum Dresden im Projekt „Myringoseal“ zusammengetan, um einen besseren Ersatz zu suchen. Und den haben sie in einer Kombination aus dem proteinbasierten Seidenfiboin und aus dem Kunststoff Polycaprolacton gefunden. Die Forscher und Forscherinnen haben Fäden aus beiden Materalien mit elektrischen Feldern aus einer Suspension herausgelöst. Die mit diesem Elektrospinn-Verfahren gewonnen Fasern ließen sich dann zu einer komplexen biomimetischen Membran verarbeiten, die ähnlich stabil und haltbar wie ein natürliches Trommelfell ist und genauso schwingt.

Preisverleihung am 1. Dezember

Die Entwickler rechnen damit, dass kleine und mittelständische Unternehmen die Ersatz-Trommelfälle und die zugrunde liegende Membrantechnologie rasch wirtschaftlich verwerten wollen. Für die Patienten sollen die neuen Implantate „eine langfristigen Gewinn an Lebensqualität“ sichern. Ob die Innovation auch den „Otto von Guericke“-Preis bekommt, wird sich am 1. Dezember 2021 zeigen – dann gibt die Jury den Gewinner bekannt.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quelle: AiF