Medizin & Biotech, News, Wirtschaft, zAufi

Biotype baut Coronatest-Produktion in Hellerau massiv aus

Die Biotype-Chefs Wilhelm Zörgiebel (links, 67) und Felix Zörgiebel (36) begutachten im Reinraum eine Modaplex-Anlage. Foto: André Wirsig für Biotype

Die Biotype-Chefs Wilhelm Zörgiebel (links, 67) und Felix Zörgiebel (36) begutachten im Reinraum eine Modaplex-Anlage. Foto: André Wirsig für Biotype

Dresdner Biotech-Unternehmen will zehn Millionen Euro in mehr Fertigungskapazität und die Entwicklung neuer Gentest-Maschinen investieren

Dresden, 19. Oktober 2020. „Biotype“ steht vor einem Wachstumsschub: Die Führungsriege des Biotechnologie-Unternehmens will in Dresden-Hellerau rund zehn Millionen Euro in eine Produktions-Erweiterung und anspruchsvolle technologische Entwicklungsprojekte investieren. Das hat Biotype-Juniorchef Felix Zörgiebel angekündigt. Damit reagiere der Familienbetrieb auf die stark gewachsene Nachfrage für Corona- und Antikörper-Tests sowie andere medizinische Tests aus Dresden. Auch neue Jobs seien geplant.

Sägewerkstatt wird Testlabor

„Wir wollen dafür die alte Sägerei der ,Deutsche Werkstätten’ zum Labor umbauen“, erklärte der Junior, der Biotype gemeinsam mit seinem Vater Wilhelm Zörgiebel und dem Molekularbiologen Karim Tabiti leitet. Allein in dieses rund 600 Quadratmeter große Fertigungs- und Entwicklungslabor werde man rund vier Millionen Euro stecken. Die neue hochautomatisierte Teströhrchen-Produktion soll dort im Jahr 2021 starten. Außerdem wollen die Zörgiebels die Belegschaft vergrößern: Die soll sich in den nächsten Jahren auf rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fast verdoppeln.

6 Millionen Euro für Entwicklung eines “Next Generation”-Modaplex

Weitere sechs Millionen Euro fließen in die Weiterentwicklung der hauseigenen Modaplex-Maschinen von Biotype. Solche Anlagen erlauben besonders präzise und schnelle Erbgut-Analysen. Sie sind als Universalplattform für ganz unterschiedliche Testszenarien konzipiert: Die Modaplexe lassen sich zum Beispiel im Kampf gegen neue Infektionskrankheiten einsetzen, aber auch für Bakteriennachweise, Lebensmittel-Analysen oder die Tiermedizin.

Nach Forensik-Verkauf auf molekularbiologische Tests fokussiert

Bis solche ehrgeizigen Projekte reifen konnten, hat das Familienunternehmen einen weiten Weg zurückgelegt: 1999 durch Wilhelm Zörgiebel gegründet, profilierte sich Biotype zunächst mit „genetischen Fingerabdrücken“ für die Polizeiarbeit. Später verkauften die Dresdner diese Forensik-Sparte an „Qiagen“. In Kooperation mit diesem niederländischen Diagnostiktechnik-Konzern konzentrierten sie sich dann auf medizinische Test-Kits. Diese molekularbiologischen Tests werten genetische Merkmale in Patienten-Proben aus. Damit können Ärzte leichter Krebs, Hautprobleme und andere Krankheiten diagnostizieren und therapieren.

Unternehmensgruppe für personalisierte Medizin wächst in Dresden

Bald entwickelten sich daraus neue Geschäftsfelder. So gründete Zörgiebel 2001 die Laborsoftware-Sparte unter dem Namen „Qualitype“ aus. 2014 kaufte er das Rossendorfer Radiopharmazie-Unternehmen „Rotop“ zu. Mittlerweile ist aus all diesen Aktivitäten eine Firmengruppe für Biotech- und Medizintechnologien mit insgesamt 40 Millionen Euro Umsatz und 230 Beschäftigten entstanden.

Modaplex gilt als Hoffnungsträger

Zugpferd mit 40 Prozent Umsatzanteil ist aber die „Biotype“ geblieben. Parallel zur Testkit-Entwicklung und -Produktion hat sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren auf die erwähnten „Modaplexe“ als großen Hoffnungsträger für die künftige Geschäftsentwicklung konzentriert. Biotype ist Alleinanbieter für diese Anlagen, die jede biologische Probe auf 50 genetisch erkennbare Krankheitsmerkmale – sogenannte „Marker“ – testen können. „Das ist ein wichtiger Schlüssel für eine wirklich personalisierte Medizin“, ist Wilhelm Zörgiebel überzeugt. „Je mehr Marker ermittelbar sind, um so genauer kann der Arzt die richtige Therapie für den einzelnen Patienten festlegen.“ Zwar gebe es auch Anbieter alternativer Lösungen, doch deren Testsysteme seien entweder zu teuer und langsam für den Gebrauch jenseits der Forschung oder deutlich weniger leistungsfähig als die Dresdner Plattformen.

Die Biotype-Chefs Wilhelm Zörgiebel (links) und Felix Zörgiebel. Foto: André Wirsig für Biotype

Die Biotype-Chefs Wilhelm Zörgiebel (links) und Felix Zörgiebel. Foto: André Wirsig für Biotype

Biotype-Chefs überzeugt: Sachsens Netzwerke entwickeln Innovationen effizienter als Konzerne

Die nächste Generation dieser Modaplexe wollen die Dresdner nun gemeinsam mit den Unternehmen „Electronic Design Chemnitz“ (EDC) und IMK Chemnitz, mit der eigenen Softwareschmiede „Qualitype“ und weiteren Partnern aus der Region entwickeln. Allein an diesem Nextgen-Modaplex arbeiten mittlerweile rund 80 Entwickler in ganz verschiedenen Betrieben und Instituten. Und dies sei für Biotype generell ein wichtiger Ansatz, betont Felix Zörgiebel: „Bei uns entstehen viele Innovationen durch sächsische Partnernetzwerke“, sagt der Juniorchef. „Dadurch können wir effizienter und oft auch schneller Neues entwickeln als große Konzerne.“ So gelang es Biotype beispielsweise, binnen kürzester Zeit Corona-Testkits für diverse namhafte Auftraggeber bereitzustellen. Auch der Leipziger Corona-Antikörper-Apothekentest, der zuletzt für Schlagzeilen sorgte, wird genau genommen von Biotype Dresden hergestellt.

Produktion des COIVD-19-Test-Kits der Biotype. Foto: Biotype GmbH

Produktion des COIVD-19-Test-Kits der Biotype. Foto: Biotype GmbH

„In solchen Dimensionen ist Handarbeit keine Lösung“

All diese Innovationen waren und sind in pandemischen Zeiten derart gefragt, dass Biotype in den vergangenen Monaten im Eiltempo seine Produktion hochfahren musste. „Wir haben das zunächst in Handarbeit gelöst und die Belegschaft deshalb von 50 auf 80 erhöht“, erzählt Felix Zörgiebel. Allein für Covid-Untersuchungen liefere das Unternehmen nun rund 80.000 Teströhrchen pro Woche. Doch Anfragen gebe es für rund 300.000 Teströhrchen pro Woche. „In solchen Dimensionen ist Handarbeit keine Lösung“, ist der Juniorchef überzeugt. „Deshalb müssen wir jetzt ausbauen und automatisieren.“

Kurzporträt Biotype:

  • Name: Biotype GmbH
  • Sitz: Restaurierte „Schraubzwinge“ der Deutschen Werkstätten in Dresden-Hellerau
  • Geschäftsfelder: Entwicklung und Produktion von molekulardiagnostischen Kits und von Modaplex-Anlagen
  • Gegründet: 1999
  • Umsatz: ca. 16 Millionen Euro
  • Belegschaft: 80 Mitarbeiter
  • Weitere Infos im Netz: biotype.de

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Interview Zörgiebel, Biotype, Oiger-Archiv

Zum Weiterlesen:

Investoren übernehmen Rotop

Biotype: Qiagen stärkt Biotech-Standort Dresden

Möbelzwinge Hellerau wird Biotech-Schmiede