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Chip-Navi im flammenden Inferno

Feuer. Foto: Heiko Weckbrodt
Feuer. Foto: Heiko Weckbrodt

Eine raffinierte Ortungstechnik von Metirionic Dresden soll künftig bei Hausbränden Leben retten

Dresden, 18. Februar 2020. Digitale Technologien aus Dresden sollen künftig bei Hausbränden Menschenleben retten: Ein amerikanischer Feuerwehrausrüster will ab diesem Jahr viele Schutzanzüge und Geräte, mit denen sich Feuerwehrmänner und -frauen in brennende Gebäude wagen, mit Ortungstechniken aus Sachsen ausstatten. Dadurch können dann von Qualm und Flammen eingeschlossene Menschen schneller und präziser gefunden werden als bisher. Entwickelt hat diese Methodik das Dresdner Unternehmen „Metirionic“.

Durch viele Wände hindurch die Feuerwehrkameraden finden

Dessen Software misst den Abstand und den Winkel zwischen zwei oder mehreren Chips aus, die nach dem „Zigbee“- oder „Bluetooth“-Standard funken. Dadurch ist eine recht genaue Ortung möglich. „In Abgrenzung zu anderen Technologien wie GPS funktioniert unsere Technik auch innerhalb von Gebäuden und durch viele Wände hindurch“, erklärte Metirionic-Chef Attila Römer. „Und wenn man dies noch mit einem Beschleunigungssensor verbindet, kann das System auch erkennen, wenn ein Mensch zu Boden fällt, und Alarm schlagen.“ Zudem funktioniert diese Lokalisierungsmethode bis auf 20 bis 50 Zentimeter genau und kommt auf große Reichweiten: Solange nicht gerade eine Stahlbetonmauer im Wege steht, sind Menschen und Objekte in Gebäuden auch hinter mehreren Wänden und bis zu 100 Meter weit auffindbar – im freien Gelände sogar bis zu fünf Kilometer weit.

Die Kuh hängt im WLAN – und schon haben die Automaten das Tier geortet. Fotos (2): hw, Montage: hw

Österreicher wollen mehr Sicherheit beim Rangieren

Das Interesse an dieser Ortungstechnologie ist international groß: Die Kunden von Metirionic sitzen in ganz Europa, in Nordamerika, Japan und Australien. Beispielsweise wollen die „Österreichischen Bundesbahnen“ (ÖBB) Rangierfahrten mit der Dresdner Chiptechnik sicherer machen. Denn dadurch können Lokführer künftig besser erkennen, wo sich der letzte Güterwagen eines Zuges gerade befindet. Zudem orten Viehzüchter mit der Metirionic-Methodik ihre Schafe und Kühe. Auch lassen sich per Chip-Lokalisierung unter Schneelawinen begrabene Skifahrer schneller finden als mit klassischen Lösungen. Helfen soll die neue Technik auch in den Fabriken der Zukunft, wo Mensch und Roboter sehr eng zusammenarbeiten. Dort muss der Roboter sehr genau und schnell erkennen, wenn sich ein Mensch gefährlich seinen Stahlarmen nähert.

Haben Maschinen. Tiere oder Menschen einen Funkchip bei sich, kann die Metririonic-Software auf Distanzen bis zu einem halben Kilometer auf bis zu zehn Zentimeter genau orten, was im "Internet der Dinge" unterwegs ist. Abb.: Metririonic
Haben Maschinen, Tiere oder Menschen einen Funkchip bei sich, kann die Metririonic-Software auf Distanzen bis zu einem halben Kilometer auf bis zu 20 Zentimeter genau orten, was im „Internet der Dinge“ unterwegs ist. Abb.: Metririonic

Technik soll „Man in the Middle“-Attacken am Auto erschweren

Den Autodieben wiederum wollen die Metirionic-Experten das Leben schwer machen: In der jüngeren Vergangenheit war es Hackern durch sogenannte „Man in the Middle“-Attacken (MITM) gelungen, die Funkkennungen von Auto-Fernbedienungen abzufangen. Dazu verstecken sich die Angreifer beispielsweise hinter einem Busch in der Nähe des Autos und warten, bis sich der Fahrer nähert und das Auto per Funksignal öffnet. Dann klinken sie zwischen Mensch und Auto ein – und können so den Datenverkehr manipulieren. Das wäre kaum noch möglich, wenn der Bordcomputer erkennen könnte, wo genau sich der richtige Funkchip befindet.

Unternehmen wächst

Wegen der starken Nachfrage für diese Ortungstechnik ist die im Jahr 2013 gegründete „Metirionic“ zuletzt deutlich gewachsen. 2018 realisierte das Technologie-Unternehmen einen Jahresumsatz von 1,2 Millionen Euro. Im Jahr 2019 waren es etwa 1,4 Millionen Euro. Mittlerweile beschäftigt die Firma 16 Mitarbeiter.

Integration als Bluetooth-Standard in Smartphones angestrebt

Die wollen sich nun unter anderem darauf konzentrieren, ihre Ortungs-Technologie in die Standards der nächsten Bluetooth-Generationen einzuarbeiten. Dies würde die Chancen verbessern, die Dresdner Technik künftig auch in Smartphones zu integrieren.

Umwandlung in eine Aktiengesellschaft steht zur Debatte

Zur Debatte steht zudem, die bisherige GmbH in eine AG umzuwandeln, informierte Metirionic-Mitgründer Bernd Junghans. Dies könnte die Akquise von zusätzlichem Kapital erleichtern. Denn schon jetzt ist absehbar: Die Technologie lässt sich auf andere Branchen und Funkstandards wie „Ultra Wide Band“ (UWB) übertragen. Weitere teure Entwicklungsprojekte stehen also vor der Tür.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Interviews mit Junghans und Römer, Metirionic

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger