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Fördert 5G ein 2-Klassen-Internet?

Blick in das Mobilfunk-Testlabor der Messeveranstalter, das Bernd Theiss  leitet. Foto: Weka Media

Blick in das Mobilfunk-Testlabor der Messeveranstalter, das Bernd Theiss leitet. Foto: Weka Media

Was Rang und Namen in der 5G-Szene hat, trifft sich diese Woche zur Connect ec in Dresden

Dresden, 2. Mai 2019. Heute startet die neuen Technologiemesse „Connect ec“ (2. bis zum 5. Mai) im internationalen Kongresszentrum Dresden. Der Mobilfunk der 5. Generation (5G) wird dort eine zentrale Rolle spielen. DNN-Reporter Heiko Weckbrodt hat darüber den Experten Bernd Theiss ausgefragt. Theiss leitet das Messlabor und die Abteilung für „Test & Technik“ für die „Connect“ und weitere Fachzeitschriften der Verlagsgruppe „Weka Media Publishing“, die die „Connect ec“ veranstaltet.

Was kann der Besucher konkret auf der Messe an 5G-Technologie erwarten?

Bernd Theiss: Alles, was in der 5G-Szene Rang und Namen hat, wird in Dresden vertreten sein. Manager und Spezialisten von Sunrise, Huawei, Ericsson, Telefonica und vielen anderen Technologieunternehmen werden einen Überblick über die neuesten Entwicklungen geben. Auch führende Forscher wie Prof. Gerhard Fettweis und Prof. Frank H. P. Fitzek werden reden. Und die Besucher können sich die allerneuesten Smartphones ansehen, in die bereits 5G-Technik eingebaut ist.

Bernd Theiss leitet das Testlabor und die Abteilung für "Test & Technik" bei connect und den anderen Weka-Zeitschriften. Foto: Weka Media

Bernd Theiss leitet das Testlabor und die Abteilung für “Test & Technik” bei connect und den anderen Weka-Zeitschriften. Foto: Weka Media

Warum machen alle so ein Gewese um einen neuen Mobilfunk-Standard wie 5G? Als die Bundesregierung zur Jahrtausendwende die UMTS-Lizenzen für den Mobilfunk der dritten Generation (3G) versteigerte, haben wir gelernt: Durch UMTS können wir mit unseren Handy total schnell im Internet surfen und Videos herunterladen. Ähnlich hieß es dann beim 4G-Funkstandard LTE. Nun vertickt der Bund die 5G-Frequenzen. Können wir in Zukunft also Netflix-Serien schneller aus dem Internet saugen?

Bernd Theiss: 5G ist nicht nur schneller als LTE, sondern wird neue Geschäftsmodelle und -Anwendungen möglich machen. Das hängt auch damit zusammen, dass sich 5G-Funkzellen in mehrere Scheiben aufteilen lassen. Nehmen wir das Beispiel autonomes Fahren: Für allgemeine Verkehrsinformationen reicht eine Funkverbindung mit normaler Leistung. Wenn dagegen das Auto vor mir plötzlich Glatteis entdeckt und mich rasch warnen will, muss das in Echtzeit geschehen. Dafür brauche ich dann eine Scheibe vom besonders reaktionsschnellen 5G-Funk. Andere Scheiben könnten beispielsweise für Anwendungen mit besonders hohen Sicherheitsanforderungen zugeteilt werden.

Facebook-Szenario halte ich für kritisch

Das klingt sehr nach dem Einstieg in das – bisher immer abgelehnte – Zwei-Klassen-Internet der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. So nach dem Motto: Wer gratis surfen will, bekommt nur eine lahme Verbindung. Wer das volle Tempo will, muss den großen Betreiber-Konzernen satte Aufpreise zahlen…

Bernd Theiss: In gewissen Fällen werden Zugänge mit unterschiedlicher Leistung einfach notwendig sein: Wenn zum Beispiel ein Chirurg mit 5G einen Operationsroboter fernsteuert, oder ein Herzspezialist via Funk-Telemedizin einen Sani bei Reanimationsversuchen in einem Rettungswagen anleitet, muss man diesen Signalen oberste Priorität geben. Da müssen andere warten. Schlecht wäre es allerdings, wenn sich große Unternehmen wie Facebook eine Bevorzugung erkaufen könnten. So ein Szenario halte ich für kritisch.

5G-vernetzte Fabriken lassen sich schneller umrüsten

Sie haben schon das autonome Fahren und die Telemedizin angesprochen. Wo sonst sind von 5G neue Dienste zu erwarten?

Bernd Theiss: In der Industrie etwa lassen sich viel Zeit und Geld sparen, wenn sich die Maschinen, Roboter und Transporter per Funk statt mit Kabeln vernetzen. Dann lassen sich ganze Fabriken rascher umrüsten. Gerade in der Industrie wird sich daher 5G viel schneller verbreiten als man denkt. Und in der Landwirtschaft arbeiten die Farmer in den USA heute schon mit funkvernetzten Maschinen. Mit dem reaktionsschnelleren und flexibleren 5G-Funk wird das im Agrarsektor noch eine größere Rolle spielen: Wenn Drohnen ganze Felder automatisch scannen und dann per Funk die Arbeit hochautomatisierter Erntemaschinen-Schwärme koordinieren, kann dies die Erträge deutlich verbessern.

Schweizer sind anspruchsvollere Kunden – zahlen aber auch mehr

Hier in Dresden sind die Forscher beizeiten in die 5G-Entwicklung eingestiegen. Doch auf funktionierende 5G-Netze warten wir noch immer. Wie kommt es, dass Deutschland jetzt erst die Frequenzen versteigert, während die Schweiz und Südkorea ihre Netze schon hochfahren?

Bernd Theiss: Die Schweiz hatte schon bei 4G die Nase vorn. Das liegt auch daran, dass die Schweizer mehr für Mobilfunk zu zahlen bereit sind, aber auch sehr anspruchsvolle Kunden sind: Für sie ist es nicht akzeptabel, dass die mobile Internetverbindung absackt, nur weil sie im Zug durch einen Tunnel fahren. Auch Österreich ist Deutschland voraus. In Südkorea spielen zudem staatliche Förderungen eine Rolle. In Deutschland dagegen sehe ich keinen politischen Willen, den Aufbau modernster Mobilfunknetze richtig zu unterstützen. Dazu kommen die langen Genehmigungsverfahren und Überregulierung hierzulande.

Die Chinesen wissen, dass sie unter Beobachtung stehen

Das Thema 5G hatte zuletzt auch für internationale Spannungen gesorgt, weil die USA in Deutschland und bei anderen Verbündeten darauf drängen, beim 5G-Netzaufbau keine chinesische Technik zu verwenden. Unternehmen wie Huawei würden womöglich Lausch-Hintertürchen für den chinesischen Geheimdienst offenlassen, warnen die Amerikaner. Wie beurteilen Sie die Risiken und Vorteile einer Zusammenarbeit mit den Chinesen?

Bernd Theiss: Ich kann dazu nur sagen: Wenn in der Vergangenheit Datenlecks bekannt geworden sind, dann waren die USA in irgendeiner Form im Spiel. Huawei und ZTE dagegen haben sich in dieser Hinsicht bisher vorbildlich verhalten: Die Chinesen wissen, dass sie da unter ganz strenger Beobachtung stehen und sich kein Datenleck leisten dürfen. Ich halte die Forderungen der US-Regierung an Deutschland daher eher für eine Taktik, um die Rückstände amerikanischer Netzwerktechnik-Hersteller im internationalen Wettbewerb zu kaschieren.

Interview geführt durch: Heiko Weckbrodt