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Vergessene Orte: Verfallene Malzfabrik in Dresden-Niedersedlitz

Die alte Malzfabrik in Dresden-Niedersedlitz verfällt - ein schwäbischer Investor will dort Wohnungen einbauen. Foto: Heiko Weckbrodt

Die alte Malzfabrik in Dresden-Niedersedlitz verfällt – ein schwäbischer Investor will dort Wohnungen einbauen. Foto: Heiko Weckbrodt

Wohnungen in einer der einst größten Mälzereien in Deutschland geplant

Dresden, 6. Januar 2015. Wo fast genau 100 Jahre lang Braumalz für die Dresdner Bierbrauereien hergestellt wurde, präsentieren sich jetzt auf der „Straße des 17. Juni“ im Dresdner Stadtteil Niedersedlitz die zwar stillgelegten, aber nach wie vor imposant wirkenden Produktionsgebäude der Malzfabrik dem Betrachter. Allerdings haben „Max“ und „Moritz“ – so nannten die Niedersedlitzer die beiden Lufteinlass-Türme der Fabrik – ihre Hauben eingebüßt. Dafür assoziiert das neben dem Gehweg noch immer vorhandene Pförtnerhäuschen vage Vorstellungen davon, wie einst in frühen Morgenstunden ganze Kolonnen von „Mälzern“ in Erwartung eines harten Arbeitstages zu ihren Plätzen eilten. In unserer Serie „Vergessene Orte“ stellen wir einige dieser verfallenen Brachen vor.

Schwäbische Ventar will Eigentumswohnungen einbauen

Die Lufttürme wurden von den Niedersedlitzern früher oft "Max" und "Moritz" genannt. Foto: Heiko Weckbrodt

Die Lufttürme wurden von den Niedersedlitzern früher oft „Max“ und „Moritz“ genannt. Foto: Heiko Weckbrodt

Was soll, was kann aus dieser Industriebrache überhaupt noch werden? Diese Frage drängt sich nicht nur den Niedersedlitzern auf, wenn sie die Gebäudekolosse seit Jahren vor sich hindümpeln sehen. Nun gibt es doch Licht am Ende der scheinbar endlos finsteren Tunnelröhre: Seit dem Frühjahr 2014 verkünden große, an den Fassaden hängende Banner von den kühnen Plänen eines schwäbischen Investors. Die „Ventar Immobilien AG“ will, das bestätigte sie auf „Oiger“-Anfrage, die Industriebrache in den nächsten zwei bis drei Jahren in eine Wohnanlage mit Eigentumswohnungen verwandeln. Das muss ohne größeren Abbruch von Altbausubstanz erfolgen, da die Gesamtanlage denkmalgeschützt ist.

Investor möbelt alte Fabriken und Gasthöfe auf

Das Unternehmen selbst ist in Dresden und in der Region gut bekannt. Dafür stehen eine Reihe von sanierten, einer neuen Nutzung zugeführten Bauwerke. Dazu zählen das Weingut Lößnitz, das Schloss im Stiftgut Lunkwitz in Kreischa sowie Wohngebäude auf der Leipziger und der Tharandter Straße in Dresden. Nächstes anspruchsvolles Sanierungsvorhaben soll die ehemalige Brotfabrik der König-Friedrich-August-Mühlenwerke in Dölzschen sein. In Niedersedlitz hat der Investor das ehemalige Bauerngehöft an der Dorfstraße zu einer Wohnanlage umgebaut. In Luga will er den im Dornrösschenschlaf befindlichen Großlugaer Gasthof mit Wohnungen ausstatten.

Studenten entwerfen Umbauideen

Auch mit dem Vorhaben Malzfabrik nehmen es die Böblinger Ernst anscheinend ernst. Immerhin erhielten vier Studenten der Fakultät Bauingenieurwesen/Architektur im Sommersemester 2014 den Auftrag, im Rahmen ihres Bachelorstudiums wettbewerbsmäßig innovative Ideen für die anspruchsvolle Aufgabe des Umbaus der Gebäude der ehemaligen Niedersedlitzer Malzfabrik in Wohnungen zu entwickeln. Ausdrücklich wurde in der Aufgabenstellung an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden auch die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Konzeptes zur Bedingung gemacht.

Wurzeln der Mälzerei reichen bis 1889 zurück

Die Geschichte der Malzfabrik beginnt bereits im Jahre 1889. Damals erwarben die aus dem Böhmischen kommenden Gebrüder Pick das Gelände längs der Bodenbach-Dresdner Eisenbahn-Linie und gründeten eine Aktiengesellschaft. Das Braumalz ließen sie per Schiff bis Kleinzschachwitz anfahren. Von dort gelangte es mit Fuhrwerken zur Malzfabrik. Eine wesentliche Erleichterung dürfte der spätere Anschluss der Fabrik an die Gleise des Bahnhof Niedersedlitz gebracht haben.

Galerie: Impressionen von der
Mälzerei in Dresden-Niedersedlitz:

 

Enormer Malzbedarf in Biermetropole Dresden

Der Bedarf an Braumalz war gerade in Dresden immens. Die sächsische Landeshauptstadt war vor dem 1. Weltkrieg ein führendes Zentrum der Nahrungs- und Genussmittelindustrie im Reich, mit zahlreichen Kaffee- und Kakoröstereien, Schokoladenfabriken, Tabakwerken – und die drittgrößte Biermetropole Deutschlands. Anders als in Bayern, das ebenfalls ein wichtiger Bierbrau-Standort war, dominierten in Dresden jedoch nicht Mini-Brauereien, sondern große Braufabriken. Die Mälzerei der Brüder Pick soll zeitweise die größte Mälzerei im Reich gewesen sein. Sie gehörte wie das Sachsenwerk (Elektromaschinenbau) und den Stahl- und Bühnenbauwerken zu den größten Arbeitgebern in Niedersedlitz im Osten Dresdens.

Zu Hunderten strömten die Mälzer einst durch das Fabriktor - heute ist alles verammelt und verriegelt. Foto: Heiko Weckbrodt

Zu Hunderten strömten die Mälzer einst durch das Fabriktor – heute ist alles verammelt und verriegelt. Foto: Heiko Weckbrodt

Zu DDR-Zeiten Teil des Getränkekombinats, nach der Wende liquidiert

Bereits 1915 und dann noch einmal 1956 wurde das Werk modernisiert. In DDR-Zeiten gehörte es zum Volkseigenen Getränkekombinat Dresden. Nach der Wende beschloss die Treuhandanstalt Berlin im September 1990, die Mälzerei zu liquidieren. Seitdem dreht sich auf dem beachtliche 10 000 Quadratmeter großen Gelände kein Rad mehr.

Autor: Peter Weckbrodt

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