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Bike24: Werden auf Wachstumspfad zurückkehren

Fahrradfahren liegt in Deutschland wieder im Trend. Foto: Bike24

Fahrradfahren liegt in Deutschland wieder im Trend. Foto: Bike24

Dresdner Gründer gehörte zu den ersten, die die Chancen des Online-Fahrradhandels erkannten

Dresden, 15. September 2022. Der Dresdner Fahrradhändler Bike24 geht davon aus, dass die Branche – und damit die eigenen Branche – nach der momentanen Wachstumsdelle wieder zulegen werden. Das hat Geschäftsführer Andrés Martin-Birner eingeschätzt. „Während Corona haben sich die Leute daran gewöhnt, nahezu alles online zu kaufen“, meint er. „Zudem holen sie sich jetzt auch die richtig hochwertigen und teuren Fahrräder im Netz.“

Trend zur Elektrifizierung bei Antrieb, Schaltung und anderen Rad-Komponenten

Erst kürzlich hatte Bike24 seine eigenen Umsatzprognosen fürs Jahr 2022 wegen Inflation, Krieg und Krisenstimmung senken müssen. Doch langfristig sieht das Unternehmen noch viel Potenzial im Sektor, auch durch den eingeschlagenen Internationalisierungskurs von Bike24. Zudem speist der Trend vom Mechanischen hin zum Elektrischen die Hoffnungen: Die Nachfrage für E-Bikes und andere Elektroräder, für elektrische Schaltungen, Puls- und Leistungsmesser und dergleichen moderne Technik legt stark zu und das generiert eben auch überproportionale Umsatzzuwächse.

Bike24-Chef: Nicht jeder kann und will sich ein Fahrrad oder E-Bike kaufen

Hinzu komme der ganz generelle Trend hin zum Radfahren im Autoland Deutschland: „Viele Menschen wünschen sich eine emissionsfreie Art der Fortbewegung“, sagt der Bike24-Chef. Das dürfte den Verkauf von Komplettfahrrädern weiter ankurbeln. „Und wenn mehr sichere Radwege in den Städten nach dem Vorbild der Belelux-Länder bei uns entstehen, werden noch mehr Menschen Fahrradfahren.“ Allerdings rechne er nicht damit, dass der Radverkehr in Deutschland in absehbarer Zukunft den selben Stellenwert wie etwa in den Niederlanden bekomme: „Das Fahrrad ist bei uns ein Teil der Mobilität in den Städten. Doch nicht jeder kann und will sich ein Fahrrad oder E-Bike kaufen und manche sind nun mal auf das Auto angewiesen.“

Andrés Martin-Birner. Foto: David Pinzer für Bike24

Andrés Martin-Birner.
Foto: David Pinzer für Bike24

Radbegeisterung begann mit einem Mifa-Klappfahrrad

Fundament des Unternehmens ist nicht zuletzt die Radfahrbegeisterung der Gründer. Als Andrés Martin-Birner noch ein kleiner Junge war, hatte er ein blaues Klappfahrrad. Eines jener Klappräder, von denen der VEB Mifa bis zum Untergang der DDR rund 1,5 Millionen Stück hergestellt hat. „Damit auf richtige Geschwindigkeit zu kommen, war eine Herausforderung“ – daran kann er sich noch genau erinnern. Heute hat Martin-Birner Hunderte, ja Tausende Fahrräder in seinem Lager, vom Kinderlaufrad für 60 Euro bis hin zum Highend-Carbonelektromodell für über 15.000 Euro. Die fährt er aber längst nicht mehr alle selber, sondern verkauft sie in ganz Europa, macht damit eine Viertelmilliarde Umsatz im Jahr und beschäftigt rund 500 Menschen. Die Rede ist vom internationalen Fahrrad-Onlinehandelsgeschäft „Bike24“, das Andrés Martin-Birner vor 20 Jahren gemeinsam mit Falk Herrmann und Lars Witt gründete und das inzwischen als eines der Vorzeige-Unternehmen für die Fahrradindustrie-Renaissance in Sachsen gilt.

Karriere als DDR-Radsportler stand zur Debatte

Und das kam so: Ein Routine-Ausdauertest brachte dem jungen Karl-Marx-Städter Mitte der 1980er Jahre die Empfehlung ein, es mal mit dem Radsport zu versuchen. Die folgenden fünf Jahre absolvierte der Schüler zahlreiche Straßenrennen des Sportvereins „Diamant“, benannt nach dem gleichnamigen DDR-Fahrradhersteller, bekam dafür sogar ein echtes Rennrad gestellt. Das musste er allerdings wieder abgeben, als er sich gegen eine Karriere als Radsport-Profi entschied.

Die Bike24-Chefs Martin Wünnenberg, Carsten Wich, Andrés Martin-Birner, Lars Witt und Timm Armbrust (v.l.n.r.). Foto: Bike24

Die Bike24-Chefs Martin Wünnenberg, Carsten Wich, Andrés Martin-Birner,
Lars Witt und Timm Armbrust (v.l.n.r.). Foto: Bike24

In 15-Quadratmeter-Zimmer Internetversand gegründet

Die Erinnerung an den Quantensprung vom Mifa-Klapprad zum Diamant-Rennrad und wieder zurück hallte noch lange nach: Nach Banker-Lehre und seiner ersten Firmengründung im Jahr 1999 tat sich der passionierte Radler 2022 mit zwei Gleichgesinnten zusammen. In einem 15 Quadratmeter kleinen Zimmer einer Dresdner Wohnung gründeten Andrés Martin-Birner, Falk Herrmann und Lars Witt einen der ersten Online-Fahrradhändler Deutschlands. „Als DDR-Kind hatte ich nie das bekommen, was ich wollte – man konnte ja noch nicht mal einfach in den Laden gehen und ein eigenes Rennrad kaufen“, entsinnt sich der Gründer. Er und seine Mitstreiter erkannten rasch, welche Chancen das Internet nun bot: „Im Online-Handel kann man – anders als in einem klassischen Fahrradladen – Sortimente und Produkte ganz anders darstellen: die ganze Vielfalt der Marken und Möglichkeiten.“ Und wer all dies auch schnell und zuverlässig liefern konnte, wie eben Bike24, vermochte viele klassische Katalog- und Präsenzhändler rasch zu überholen.

Sortiment wuchs schnell

Anfangs verkaufte das junge Unternehmen vor allem Teile, Kleidung und Zubehör für Fahrräder. Doch binnen kurzem weitete sich das Portefeuille immer weiter auf: Für die Triathleten in der Kundschaft nahm der Dresdner Internethändler Neopren-Anzüge und Laufschuhe ins Programm. Dann kamen Schlafsäcke, Zelte und Thermounterwäsche hinzu. Und von da war es schließlich kein so großer Schritt mehr dahin, auch komplette Fahrräder zu verkaufen. Mittlerweile umfasst das Sortiment 50 Marken aus aller Herren Länder – natürlich inklusive Diamant-Rennräder, mit denen für Martin-Birner die große Leidenschaft fürs Fahrradfahren begonnen hatte. Mittlerweile umfasst das Sortiment über 77.000 Artikel – vom Carbon-Fahrrad und E-Bike über den Triathlonschuh bis hin zur kompletten Klettersteig-Ausrüstung.

Internationalisierung in den Genen

Neben dieser schrittweisen Sortimentsverbreiterung setzte das Unternehmen beizeiten auf Internationalisierung: „Vom ersten Tag an hatten wir neben der deutschen auch eine englische Website“, erzählt der Gründer. Inzwischen gibt es den Dresdner Internetladen in fünf Sprachausführungen. Fast jeden zweiten Euro erlöst das Unternehmen inzwischen außerhalb des deutschsprachigen Raums. Nach mehreren Schüben, zuletzt während der Corona-Krise, ist Bike24 mittlerweile rund 250 Millionen Euro Umsatz gewachsen. Konsequente Internationalisierung, ein sehr breites und tiefes Sortiment, das sich an den Kundenwünschen entlang entwickelt hat, kurze Lieferzeiten und ein waches Gespür für die Trends im Fahrradmarkt seien wohl die entscheidenden Zutaten für diese Erfolgsgeschichte gewesen, meint der Geschäftsführer.

Automatisiertes Fahrradlager von Bike24 in Dresden. Foto: Bike24

Automatisiertes Fahrradlager von Bike24 in Dresden. Foto: Bike24

2021 an die Börse gegangen

Wer sich mit solchen Qualitäten von der Konkurrenz abheben will, zahlt freilich seinen Preis, braucht immer größere Lager, mehr fähige Leute und moderne Verteiltechnik. Auch deshalb ist „Bike24“ seit der Gründung 2022 schon sechsmal innerhalb von Dresden umgezogen. Inzwischen residiert das Unternehmen in den ehemaligen „Selgros“-Hallen an der Breitscheidstraße im Dresdner Osten, dort entstand auch für zehn Millionen Euro ein automatisiertes Logistikzentrum. Konnten die Gründer den Internationalisierungskurs und die nötigen Investitionen anfangs noch vollständig aus den erzielten Gewinnen finanzieren, entpuppte sich dieses Fremdkapital-Tabu immer mehr als Wachstumshemmer. Mit „Riverside“ stieg 2015 erstmals ein externer Geldgeber ins Unternehmen ein. 2021 ging die AG sogar an die Börse, um frisches Kapital einzusammeln. Mit dem dabei gewonnenen Geld will das Team unter anderem die Expansion in Süd- und Westeuropa finanzieren.

Kurzporträt

  • Name: Bike24 Holding AG
  • Gründung: 2002
  • Hauptsitz: Dresden
  • Geschäftsmodell: Fahrradverkauf
  • Belegschaft: rund 500 Beschäftigte
  • Umsatz: 250 Millionen Euro (2021)
  • Mehr Infos im Netz: bike24.de und corporate.bike24.com

Autor: Heiko Weckbrodt

Quelle: Bike24, Interview Geschäftsfüher