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Die Henker gehen, die Studenten kommen

das Gebäude der Bauingenieur- Abteilung um 1913, heute Beyer-Bau. Abb.: TUD

das Gebäude der Bauingenieur- Abteilung um 1913, heute Beyer-Bau. Abb.: TUD

Kartografie-Student Wünsche hat eine interaktive Reise durch die Campus-Geschichte der TU fürs Internet entworfen

Dresden, 21. September 2016. Binnen Sekunden rasen die Jahrzehnte gleich flüchtigen Landschaftsfetzen an einem Eilzugfenster vorbei: Wie eine Trutzburg der unerbittlichen Justitia baut sich das Landgericht am Münchner Platz vor dem Betrachter auf, um Augenblicke später im Bombenhagel zu brennen. Die königliche Inschrift verblasst, der Kommunist Georg Schumann kommt zu Ehren. Todeszellen und Fallbeil mutieren zu Monumenten des Widerstands. Richter und Henker verlassen den durch Blut und Witterung verdunkelten Komplex, die Ökonomen und Kartografen kommen…

Möglich macht solcherart Zeitreisen durch die Geschichte der Technischen Universität Dresden ein historischer Campusführer im Internet, den der Nachwuchs-Kartograf Sebastian Wünsche an der Uni als Master-Abschlussarbeit entworfen hat. „Ich fand es spannend, mich mit der Historie der TU zu beschäftigen“, erklärte der 31-Jährige. Neben der Programmier-Arbeit sei auch die Archivarbeit recht aufwendig gewesen. Nach einigen Karten, Fotos und Dokumenten habe er wochenlang suchen müssen, bis er genug über die Campus-Geschichte beisammen hatte.

TU-Student Sebastian Wünsche hat als Master-Arbeit einen historischen Campus-Führer für die TU Dresden erstellt. Foto: Heiko Weckbrodt

TU-Student Sebastian Wünsche hat als Master-Arbeit einen historischen Campus-Führer für die TU Dresden erstellt. Foto: Heiko Weckbrodt

Aber der Aufwand hat sich gelohnt, wie auch Prof. Manfred Buchroithner vom TUD-Institut für Kartografie einschätzte. „So kann man sich die Campus-Geschichte gleich viel besser vorstellen“, lobte der Betreuer die Arbeit seines Eleven. Angeregt durch Kontakte zum Archiv der „Gedenkstätte Münchnener Platz“ hatte Prof. Buchroithner dieses Masterarbeits-Thema vorgeschlagen.

Vorher-Nachher-Ansichten vom heutigen Georg-Schumann-Bau am Münchner Platz´. Abb.: Sebastian Wünsche

Vorher-Nachher-Ansichten vom heutigen Georg-Schumann-Bau am Münchner Platz´. Abb.: Sebastian Wünsche

Zwar sieht man dem nun vorgestellten interaktiven Campusführer das Prototypen-Stadium hier und da noch an. Doch schon jetzt vermag die internetgestützte Tour durch die Campus-Historie zu faszinieren. So kann der Nutzer per Maus und digitalem Schieberegler vom Jahre 1881 bis in die Gegenwart gleiten, dabei zusehen, wie sich die Bildungsanstalt erst zur Hochschule und dann zur Voll-Uni wandelt, ihr Campus immer mehr gen Süden und gen Osten wächst. Ausgewählte Gebäudekomplexe hat Sebastian Wünsche sowohl in alten Fotografien wie auch aktuellen, selbstgeschossenen Aufnahmen aus fast identischer Perspektive hinterlegt. Zieht der Betrachter die Maus über solch ein Lichtbild, schieben sich wie Vorhänge alte und neue Ansicht übereinander.

Der heutige Uni-Campus im Dresdner Süden war im Jahr 1881 fast fast unbebaut. Nöthnitzer Straße (unten) und Zellescher Weg (Mitte rechts) sind aber schon erkennbar. Repro: S. Wünsche

Der heutige Uni-Campus im Dresdner Süden war im Jahr 1881 fast fast unbebaut. Nöthnitzer Straße (unten) und Zellescher Weg (Mitte rechts) sind aber schon erkennbar. Repro: S. Wünsche

Der gleiche Ausschnitt von 2015 zeigt, wie sehr die Uni gen Süden und Osten gewachsen ist. Repros (2): Sebastian Wünsche

Der gleiche Ausschnitt von 2015 zeigt, wie sehr die Uni gen Süden und Osten gewachsen ist. Repros (2): Sebastian Wünsche

Ergänzt hat der junge Geoinformations-Wissenschaftler das interaktive Kartenmaterial um historische Informationstexte. Die skizzieren, wie aus einem kleinen Salon auf der Brühlschen Terrasse die heutige TUD wurde, deren Campus sich vor allem ab 1900 rasant über die Südvorstadt ausdehnte und nach der Wende 1989 über die Nöthnitzer Straße hinaus und den Zelleschen Weg entlang wuchs.

Noch nicht berücksichtigt sind im Campusführer die Standorte in der Johannstadt. Sebastian Wünsche jedenfalls kann es sich gut vorstellen, sein Projekt weiter auszubauen. Denkbar wäre zum Beispiel eine ähnliche Zeitreise-Karte für den Uniklinik-Campus oder eine App-Variante für Smartphones, sagte er. „Aber nur, wenn daran Interesse besteht und ich Unterstützung bekomme.“

Heiko Weckbrodt

 

Der Autor Heiko Weckbrodt ist freischaffender Journalist in Dresden. Er publiziert das Online-Nachrichtenportal oiger.de mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Wissenschaft in Sachsen.

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