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Clancys „Stunde der Patrioten“: Eine Linie von Nordirland nach Guantanamo

Original-Trailer der Verfilmung (Paramount)

Romanvorlage zeigt Wurzeln heutiger US-Antiterrordenke

Jack Ryan war einst Marine, jetzt lehrt er Militärgeschichte an der US-Marineakademie. Bei einem Urlaub mit der Familie in London gerät er mitten in den Anschlag einer IRA-Splittergruppe auf den britischen Thronfolger. Er schmeißt sich dazwischen, erschießt einen Terroristen, rettet die Royals – und wird in England als Held gefeiert, von den Iren jedoch fortan gejagt… Viele werden Tom Clancys „Stunde der Patrioten“ aus der Verfilmung mit Harrison Ford kennen, doch ähnlich wie bei „Jagd auf Roter Oktober“ lohnt sich ein Vergleich zwischen Buch und Film. Denn wie schon bei genannter U-Boot-Jagd ist auch hier der nationalistische und US-zentrierte Tenor der Clancy-Bücher fürs globale Filmpublikum etwas gedämpft worden.

Tom Clancy. Foto: David Burnett

Tom Clancy. Foto: David Burnett

Nun gehört der 1987 veröffentlichte Nordirland-Thriller zwar stilistisch zu den besseren und stringenteren Clancy-Agentenromanen, aber auch „Stunde der Patrioten“ ist im Original heute vor allem als Spiegel der US-Mentalität interessant: So erkennt Ryan alias Clancy deutlich die Fehler der Briten im Nordirlandkonflikt: Der Versuch beispielsweise, das Problem durch Soldaten statt Polizisten zu lösen, die Härte des britischen Vorgehens.

Waffenkraft statt Ursachenanalyse

Abb.: Heyne-Verlag

Abb.: Heyne-Verlag

Doch genauso verblendet zeigt sich seines Volkes Stimme (ein Waffennarr übrigens, den Clancy da unkritisch als sein Sprachrohr bemüht), wenn es um die US-Politik geht: Die Motive von Terroristen auf US-Boden zu ergründen etwa ist demnach uninteressant, da man sie ja durch die geballte amerikanische Tapferkeit und Waffengewalt in die Knie zwingen kann.

Genauso rechtfertigt es der Autor, mutmaßliche gefangene Terroristen zu erschießen und zu foltern – wenn denn US-Bürger in Gefahr sind. Wohin diese Denke führt, haben 15 Jahre später Guantanamo, Patriot Act, Geheimgefängnisse in Polen gezeigt – Einrichtungen und Rechtfertigungen, die aus europäischer Sicht als völkerrechtswidrig und undemokratisch angesehen werden.

Autor: Heiko Weckbrodt

Tom Clancy: „Die Stunde der Patrioten“, Original: USA 1987, Thriller, heute u. a. als eBook des Heyne-Verlags für neun Euro erhältlich, ISBN: 978-3-641-08858-3, Leseprobe hier

 

Zum Weiterlesen:

Waffenvernarrte Jagd auf Roter Oktober

Blick ins Innere des britischen Inlands-Geheimdienstes MI-5

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