Filme
Schreibe einen Kommentar

Thriller: „Tower Block“: Todesfalle im englischen Sozial-Ghetto

Betty (Sheridan Smith) nimmt den Knüppel und die Führung in die Hand. Foto: Universum-Film

Betty (Sheridan Smith) nimmt den Knüppel und die Führung in die Hand. Foto: Universum-Film

Das Grundproblem kennt man auch in Deutschland: In den 1970ern und 80ern stampften Staat, Kommunen und andere Bauherren große Stadtrandsiedlungen in Plattenbauweise aus dem Boden, doch im 21. Jahrhundert sind diese Wohnungen nur noch wenig gefragt, Verwahrlosungsspiralen drohen. Im englischen Thriller „Tower Block“ ist es ein Hochhaus am Rande einer britischen Großstadt: Völlig heruntergekommen, von einem privaten Investor übernommen, der den ganzen Block gern abreißen will. Inzwischen sind fast alle ausgezogen. Nur im obersten Stockwerk weigern sich die Mieter zu gehen.

Lumpenproletariat vom Feinsten

Und die repräsentieren größtenteils ängstliches und feiges Lumpenproletariat vom Feinsten: Als vermummte Dealer vor ihren Wohnungstüren einen 15-Jährigen totprügeln, greift allein die alleinstehende Betty (Sheridan Smith) ein – und wird selbst misshandelt, ohne dass einer ihrer Etagen-Mitbewohner hilft. Drei Monate später fallen aus heiterem Himmel Schüsse: Ein erbarmungsloser Scharfschütze metzelt die unbeliebten Mieter nieder: Männer, Frauen. Kinder. Die Überlebenden drängen sich im Etagenflur, umzingelt von tödlichen Fallen…

Trailer (Universumfilm):

Böse Parabel auf entsolidarisierte Gesellschaft

„Tower Block“ steht in einer Linie mit dem jüngeren britischen Kino, das oft düster und sozialkritisch daherkommt. Das „Zehn kleine Negerlein“-Grundkonstrukt ist zwar alles andere als neu. Aber James Nunn und Ronnie Thompson haben den Kampf ums nackte Überleben im Platten-Ghetto auch als spannende Parabel auf den Auseinanderbruch und Entsolidarisierung von Teilen der westlich-urbanen Gesellschaft inszeniert – hart und böse.

Die überlebenden Mieter drängen sich im Flur, um dem heckenschützen zu entkommen. Foto: Universum-Film

Die überlebenden Mieter drängen sich im Flur, um dem heckenschützen zu entkommen. Foto: Universum-Film

Dass dies – trotz der etwas konstruierten Auflösung – so bedrückend und fesselnd daher kommt, liegt auch am Verzicht auf Hollywood-Action-Allüren und am authentisch-markigen Schauspieler-Ensemble, dem man in Slang und Attitüde die degenerierte, mitleidlose Unterschicht abnimmt: Deklassierte Militärs, großmäulige Möchtegern-Gangster, überforderte Mütter, aber eben auch ganz „normale“ Menschen, denen Armut, Alk und Angst Zuversicht und Zivilcourage geraubt haben.

Harte Schockszenen

Die nun bei Universum erschienene Heimkino-Fassung ist nur für Volljährige zugelassen, wohl vor allem wegen einer besonders brutalen Schock-Szene am Frühstückstisch. Interessant sind die der DVD und Bluray beigefügten Interviews, in denen Macher und Schauspieler über ihre Rollen reflektieren – leider nur im teils schwer verständlichen Cockney-Englisch ohne Untertitel.

Foto: Universum-Film

Foto: Universum-Film

Fazit:

Ein spannender und sozialkritischer Thriller aus der neueren britischen Filmtradition. Die Tätermotive wurden allerdings etwas lieblos konstruiert. Heiko Weckbrodt

„Tower Block“ (Universum Film), Thriller, Großbritannien 2012 (DVD: 2013), Regie: James Nunn und Ronnie Thompson, 76 Minuten, Bonussektion: Doku „Behind the Scenes“, FSK 18, DVD 16 Euro, Bluray 17 Euro

Zum Weiterlesen:

Suburbthriller „Sisters Hood“ um Londoner Mädchengang

„Obsession“: Brit-Horror für Hartgesottene

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.