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Saniert: Das Ende der Uranfabrik Dresden-Gittersee

Eine undatierte Aufnahme der Wismut-Uranfabrik 95 - vorne sind die Schlemmteiche mit den radioaktiven Abprodukten zu sehen. Abb.: Wismut, LHD

Eine undatierte Aufnahme der Wismut-Uranfabrik 95 – vorne sind die Schlemmteiche mit den radioaktiven Abprodukten zu sehen. Abb.: Wismut, LHD

Dresden, 13.8.2012: Die Sanierung der „Wismut“-Hinterlassenschaften in Dresden-Gittersee ist nun offiziell abgeschlossen. Seit 1993 hatten Stadt, Land und Bund rund 45,5 Millionen Euro in das 72 Hektar große Areal investiert, um das radioaktiv verseuchte Erdreich abzutragen, in Halden einzukapseln und das Gelände zu einem Gewerbegebiet und Naherholungsgebiet umzugestalten. Dort hatte die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) „Wismut“ von 1947 bis 1961 aus Freitaler Kohle und Schlemaer Erzen Natururan für das sowjetische Atombombenprogramm extrahiert – und dabei eine ökologische Katastrophe hinterlassen.

Radioaktive Brache mitten in der Großstadt

„Die Zeit heilt alle Wunden, so eine alte Volksweisheit – aber manchmal ist eben auch Hilfe nötig“, erklärte Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU), bevor sie gestern mit Vertretern von Bund, Land, Stadt und Wirtschaft das Ende des Megaprojekts bei einem Picknick neben einer der versiegelten Uranhalden feierte. Hier, in Gittersee, sei es nun gelungen, eine solche Wunde zu schließen. „Solch eine radioaktive Brache mitten in einer Großstadt hat es sonst nirgends in Deutschland gegeben“, sagte Orosz.

Geschlagen hatten diese Wunde viele: Die Dresdner selbst, die ökologisch allzu ignoranten Planwirtschaftler in Berlin, die böhmischen Glasbläser, die mit Uran aus Gittersee ihre Gläser färbten, und viele andere. „Nicht zuletzt standen die 40 Jahre DDR für ungezügelten Raubbau“, kritisierte Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU).

Und diese Wunde war auch ein Resultat des Kalten Krieges: Um Atombomben zu bauen, extrahierten die Russen über ihre Aktiengesellschaft „Wismut“ von 1947 bis 1961 in der Uranfabrik 95 in Gittersee Natururan aus Freitaler Kohle und Schlemaer Erz – die radioaktiven Reste spülten sie auf offene Halden und den Kaitzbach herunter ins Stadtgebiet Dresden und letztlich in die Elbe hinein. All dies hatte schon in den 1980ern die DDR-Umweltbewegung kritisiert.

„Sicher bis zur nächsten Eiszeit“

Doch es musste erst ein Staat untergehen, bevor die Kritik Früchte trug: Ab 1993 gingen Umweltamt und Wirtschaftsdezernent Rolf Wolgast (SPD) die Sanierung an, ließen 1,7 Millionen Tonnen kontaminierten Erdreichs abtragen und durch „gesunde“ Erde von der nahen A 17-Baustelle ersetzen. Eine derartige Sanierung einer Uranbrache sei europaweit einzigartig, schätzte der Dresdner Umweltamtsleiter Dr. Christian Korndörfer ein, der das Projekt seit 1993 federführend betreut hatte.

Querschnitt durch eine versiegelte Uranhalde: Die Tailings - die radioaktiven Abprodukte - sind laut Umweltamt so eingekapselt und durch Karbonate pH-neutral gehalten, dass kein Regenwasser das Radium ausspülen oder Radon-Gas nach außen dringen kann. Abb.: LHD

Querschnitt durch eine versiegelte Uranhalde: Die Tailings – die radioaktiven Abprodukte – sind laut Umweltamt so eingekapselt und durch Karbonate pH-neutral gehalten, dass kein Regenwasser das Radium ausspülen oder Radon-Gas nach außen dringen kann. Abb.: LHD

Man habe sich unter anderem Erfahrungen der Amerikaner angeschaut, die ähnliche Relikte ihres Atombombenprogramms versiegeln musste. In den USA sei man aber nur zu unbefriedigenden Lösungen gekommen, die einen Austritt radioaktiver Substanzen aus den versiegelten Uran-Halden nicht ausschlossen. In Dresden-Gittersee habe man deshalb neue Versieglungsschichten und Neutralisatoren entwickelt. „Wir haben das so konzipiert, dass das bis zur nächsten Eiszeit sicher ist“, betonte der Umweltexperte – vielleicht sollte man sich das im Kalender zur Wiedervorlage notieren, um ihn festzunageln, wenn die Mammuts wieder anrücken.

Technologiefirmen haben sich angesiedelt – Xenon baut aus

Heute ist das Gelände nicht wieder zu erkennen. Auf der nördlichen Seite ist zum Beispiel ein Gewerbegebiet ist entstanden. „Als wir hierher kamen, blieben unsere Autos oft genug im Schlamm stecken – das war alles noch sehr provisorisch“, erinnerte sich Xenon-Ko-Geschäftsführer Helmut Freitag – die von Mitarbeitern des VEB Messelektronikaus dem DDR-Computerkombinat „Robotron“ gegründete „Xenon“ war eines der ersten Unternehmen, die sich im neuen Gewerbegebiet neben dem Wismutgelände 1994 angesiedelt hatten.

„Aber wir haben die Entscheidung nicht bereut: An diesem Standort sind wir richtig gewachsen“, betonte Freitag. Inzwischen hat die Firma ein weiteres, 11.000 Quadratmeter großes Grundstück auf der Südseite der Stuttgarter Seite gekauft, die nach abgeschlossener Sanierung von der Stadt für das Gewerbe freigegeben wurde.

Dort soll am 5. September eine neue Produktionsstätte und Lager von Xenon eröffnen – 20 neue Mitarbeiter hat das Unternehmen in diesem Jahr schon eingestellt, weitere sollen folgen, da Aufträge für neue Solartechnologien und aus der Medizintechnik die Orderbücher füllen.

Auch die Softwareschmiede „Robotron RDS“ plant gleich in der Nähe einen neun Millionen Euro teuren Anbau, um der stiegenden Nachfrage der Energiewirtschaft nach Robotron-Datenbanken gerecht zu werden (Der Oiger berichtete).

Liebe statt Strahlen

Weiter südlich ist ein Naherholungsgebiet auf den eingekapselten Uranhalden entstanden: Da wellen sich jetzt grüne Hügel, die nur der Eingeweihte als künstlich erkennt. „Als wir das alles angingen, war meine Vision, dass sich Familien und Liebespaare hier tummeln, ohne sich vor Strahlen zu fürchten“, erinnerte sich der Dresdner Umweltamts-Leiter Christian Korndörfer. „Heute ist die Radioaktivität hier niedriger als anderswo in Dresden – auch die ersten Liebespaare haben wir gesichtet.“ Heiko Weckbrodt

Die Aufnahme entstand um 1962, als die stillgelegte Uranfabrik entkernt und zu einem Reifenwerk für Traktoren und Laster umgebaut wurde. Die Männer arbeiteten ohne Schutzausrüstung - die meisten wussten gar nicht, dass sie in einer strahlenden Umgebung arbeiteten. Wie sich nach der Wende zeigte, war der Boden darunter bis zu zwölf Meter tief kontaminiert und dottergelb von den Uran-Abprodukten. Abb.: Wismut

Die Aufnahme entstand um 1962, als die stillgelegte Uranfabrik entkernt und zu einem Reifenwerk für Traktoren und Laster umgebaut wurde. Die Männer arbeiteten ohne Schutzausrüstung – die meisten wussten gar nicht, dass sie in einer strahlenden Umgebung arbeiteten. Wie sich nach der Wende zeigte, war der Boden darunter bis zu zwölf Meter tief kontaminiert und dottergelb von den Uran-Abprodukten. Abb.: Wismut

Chronik der Uranfabrik 95

1947: Die sowjetisch beherrschte „Wismut“ baut die Uranfabrik 95 in Gittersee, die aus sächsischer Kohle und Erzen Natururan unter ökologisch katastrophalen Bedingungen extrahiert. Das gewonnene Gemenge wird in der Sowjetunion atombombenfähig angereichert.
1961: Die Uranfabrik schließt.
1962: Nach oberflächlicher Entgiftung und Entkernung wird aus der Uranfabrik ein Reifenwerk (Pneumant).
1987-1990: Die SED-Wirtschaftslenker lassen in Dresden-Gittersee gegen den erbitterten Widerstand der Anwohner ein Reinstsilizium-Werk für die DDR-Chipindustrie bauen. Da das Werk mit giftigem Trichlorsilan aus Nünchritz hätte beliefert werden müssen, befrüchteten Anwohner und Öko-Aktivisten neue Umweltbelastungen für das Gebie. Erst die politische Wende stoppte das Projekt – heute bäckt in der früheren Investruine „Dr. Quendt“ seine Plätzchen.
1991: Das Reifenwerk schließt.
1993: Unter Federführung des Dresdner Umweltamtes beginnt die Rekultivierung des Areals, das die Treuhand im Versuch verkauft, andere Teile von Pneumant zu retten. Die Kosten werden auf umgerechnet über 70 Millionen Euro veranschlagt.
1994: Die ersten vier Hektar in Coschütz-Gittersee werden als Gewerbegebiet freigegeben. Xenon und der Aufzugbau Dresden gehören zu den ersten Firmen, die dort bauen.
2012: Nach fast zwei Jahrzehnten wird die Sanierung offiziell abgeschlossen. Die Uran- und Radiumreste wurden in zwei großen Halden eingekapselt, der Kaitzbachtunnel erneuert und das gesamte Areal bepflanzt. Mit 45,5 Millionen Euro bleiben die Kosten deutlich unter den Erwartungen. hw

Neue Zukunft als Hightech-Gewerbegebiet

In einem ersten Bauabschnitt entstand ab 1994 nördlich der Stuttgarter Straße ein Gewerbegebiet, der Sondermaschinenbauer Xenon und der Aufzugbau Dresden gehörten zu den ersten Ansiedlern. Inzwischen haben sich hier 56 Unternehmen – fast ausschließlich aus dem produzierenden Gewerbe – mit insgesamt fast 2500 Mitarbeitern niedergelassen. Dieser Abschnitt ist rappelvoll ausgelastet.

Nachdem das Sanierungs-Großprojekt in Gittersee nun abgeschlossen ist, vergibt die Stadt nun Gewerbeflächen auf der südlichen Seite der Stuttgarter Straße im Dresdner Süden. Zu den ersten größeren Investitionen gehören die neue Produktions- und Lagerhalle des Sondermaschinenbauers „Xenon“, die Anfang September eingeweiht werden soll, sowie ein acht bis neun Millionen Euro teurer Erweiterungsbau der Softwareschmiede „Robotron RDS“, die Raum für 200 neue Arbeitsplätze schafft. Hier ist die Einweihung für Ende 2013 vorgesehen. Auch viele andere „Hidden Champions“ wie das Kalibrierungs-Unternehmen „Spektra“ sind hier angesiedelt. Im nie fertig gewordenen Reinstsiliziumwerk produziert jetzt „Dr. Quendt“ (Russisch Brot) seine Plätzchen und Stollen. hw

 Zahlen & Fakten:
Blick in den Kaitzbach-Tunnel, der einst von der Wismut angelegt wurde, da der Kaitzbach-Damm unter den radioaktiven Schlämmen zu bersten drohte. Abb.: LHD

Blick in den Kaitzbach-Tunnel, der einst von der Wismut angelegt wurde, da der Kaitzbach-Damm unter den radioaktiven Schlämmen zu bersten drohte. Abb.: LHD

– Saniert wurden seit 1993 rund 72 Hektar in Coschütz-Gittersee.– 1,7 Millionen Kubikmeter Erde und Abfallstoffe wurden bewegt. Auch der Kaitzbach-Tunnel wurde erneuert, durch den früher Abprodukte gen Stadt und Elbe schwemmten

– Gekostet hat die Rekultivierung 45,5 Millionen Euro- Davon kamen 14 Mio. von der Stadt, zirka 31,5 Mio. von Bund und Land.

– Arbeiter legten auf dem Areal rund 4,5 km Rad- und Gehwege an, installierten fast 12 km Wasserleitungen, pflanzten über 70 000 Bäume und Sträucher und bauten drei Regenstaubecken.

– In den Halden A und B wurden 1500 t Natururan (nicht bombenfähig), 1500 t Arsen sowie erhebliche Mengen Radium und anderer Stoffe unter einer Spezialabdeckung eingekapselt. Eingebracht wurden außerdem mehrere Tonnen Kohlensäure-Karbonat, damit die Halden innerlich neutral bleiben – vor allem saures Regenwasser kann nämlich Schwermetalle wie Uran ausspülen. hw

 

 

4 Kommentare

  1. Uwe Jaschik sagt

    Es war ja nicht nur Reifenwerk. Im Rahmen des UTP-Unterrichtes haben wir in einer Werkstatt gelernt, die während der Sanierung als hochradioaktiv abgesperrt war. Wie oben schon geschrieben wurde, waren die Altlasten von Pneumant schlimmer. Sowohl Produktionsrückstände, wie auch Ausschußreifen wurden im Betriebsgelände vergraben oder am Rand des Kaitzbachtales verkippt. Schwarz (Ruß) war die vorherrschende Farbe im Betriebsgelände.

  2. Sylvio Dittrich sagt

    Ich bin einer von den Reifenwerkern, 1980-86. Wir wussten das es eine alte Wismut anläge war, es gab ja noch einige ältere Kollegen die von dort übernommen worden sind. Über ein konkretes Strahlenrisiko sind wir aber nicht extra aufgeklärt worden.

    Von den Bodengutachtern, die nach der Wende die Hallen untersucht haben, weiß ich aber, das merkwürdigerweise kaum Reststrahlung vorhanden war. Diese Untersuchungen waren notwendig um über den Verbleib des Bauschutts zu entscheiden. Komplizierter war es hingegen, die Reste der Gummiherstellung und die Reste der Fettchemie zu entsorgen. Die noch brauchbaren Maschinen aus der Reifenherstellung, wurden nach Indien verkauft, der Rest verschrottet.

  3. Schön, so ein ausführlicher Artikel „wider das Vergessen“. Ich hab gelesen, dass die Mitarbeiter des Reifenwerks wenig bis nichts über die frühere Nutzung des Geländes wussten. Ob das stimmt?

    • Dass Reifenwerker nicht um die Wismut-Vorgeschichte wussten, halte ich für weitgehend ausgeschlossen – die Wismut-Präsenz da oben war eigentlich jedem in Dresden bekannt, würd ich mal behaupten. Aber offensichtlich war vielen Reifenwerkern nicht das erhebliche Gesundheitsrisiko an ihrem Arbeitsplatz bewusst. Das geht zumindest aus Angaben des (heutigen) Umweltamtes hervor und deckt sich auch mit meinen eigenen Erinnerungen.

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