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Cluster können Technologie-Konzerne nicht ersetzen

Größe zählt: Die chinesischen Solarfabriken haben mit ihrer Massenproduktion die deutschen PV-Hersteller abgehängt. Hier ein Blick in ein Labor der chinesischen Firma ET Solar. Abb.: ET Solar

Größe zählt: Die chinesischen Solarfabriken haben mit ihrer Massenproduktion die deutschen PV-Hersteller abgehängt. Hier ein Blick in ein Labor der chinesischen Firma ET Solar. Abb.: ET Solar

„Silicon Saxony“: Verbünde können dennoch „selbstverstärkende Wachstumseffekte“ auslösen

Dresden, 27.6.2012. Forschungs- und Firmenverbünde wie die Cluster „Cool Silicon“, „Silicon Saxony“ oder „Solar Valley“ in Mitteldeutschland werden die Schlagkraft großer Technologiekonzerne in den USA und Asien nicht erreichen. Dennoch können sie helfen, die Innovationsschwäche der kleinteiligen ostdeutschen Industrie zu überwinden und für „selbstverstärkende Wachstumseffekte“ sorgen. Das haben Forscher, Unternehmer und Politiker heute auf dem „Silicon Saxony“-Tag in Dresden eingeschätzt.

Das englische Wort „Cluster“ wird hierzulande vieldeutig verwendet: Als lose organisierte Ballung einer Branche wie im Falle des sächsischen „Silicon Saxony“ (Mikroelektronik und andere Hightech-Industrie im Großraum Dresden) zum Beispiel. Aber auch für komplexe, staatlich geförderte Forschungsprogramme wie „Cool Silicon“ (Schwerpunkt Stromspar-Chips) verwenden Bund und Land die Bezeichnung „Spitzencluster“. Die Idee dabei ist, die Kleinteiligkeit, Kapitalschwäche und zu niedrigen Entwicklungsausgaben vor allem der ostdeutschen Industrie durch öffentlich kofinanzierte Netzwerke aus Wirtschaft und Wissenschaft wenigstens teilweise auszugleichen.

Denn gerade für kleine Firmen ohne eigene Entwicklungsabteilung kann es für deren Zukunftsfähigkeit entscheidend sein, im Zuge eines Cluster-Projektes mit den Großen der Branche einmal zusammenzuarbeiten und zumindest auf Zeit ein paar „Mannjahre“ Forschungskapazität zur Verfügung zu haben.

„Müssen uns Großunternehmen selbst züchten“

„Wir müssen uns unsere großen Unternehmen selbst züchten – und das geht nur, wenn wir auf neue Technologien setzen, die noch kein anderer einsetzt“, sagte Stephan Witt vom Spitzencluster „Bio Economy“, das sich mit der Verwertung von Biomasse beschäftigt.

Peter Frey vom mitteldeutschen Spitzencluster „Solar Valley“ hält dabei staatliche Hilfe für sinnvoll. „Es wird immer einen vor-wettbewerblichen Forschungsbereich geben, bei dem auch konkurrierende Firmen kooperieren sollten, und der öffentlich finanziert werden muss“, ist er überzeugt.

Prof. Thomas_Mikolajick ("Cool Silicon", NamLab). Abb.: hw

Prof. Thomas_Mikolajick („Cool Silicon“, NamLab). Abb.: hw

Marktreife Hightech-Produkte zu komplex für Cluster Prof. Thomas Mikolajick vom Dresdner Mikroelektronik-Spitzencluster „Cool Silicon“ sieht indes auch Grenzen: „Ein Cluster ist eher ungeeignet, wie die großen Technologiekonzerne ein komplexes Hightech-Produkt wie den ,Cool Reader‘ zur Marktreife zu führen“, mussten er und seine Kollegen erkennen.

Dennoch hatte das Projekt praktische Effekte, wie er betont. So profitierte die am „Cool Reader“ beteiligte „Blue Wonder“ von den dabei gewonnenen Fortschritten der LTE-Handyfunktechnik – und dies trug dazu bei, dass die Dresdner Forschungsfirma schließlich vom Chipriesen „Intel“ übernommen wurde. Auch in die Chipfertigung von Infineon seien Cool-Reader-Erkenntnisse eingeflossen.

Die „Cool Silicon“-Forscher steckten ihre ehrgeizigen Ziele etwas zurück und spezialisierten sich – was zu einer überregionalen Vernetzung führte. So haben die Dresdner zum Beispiel einen Kohlenstofffaser-Flügel mit einlaminierten Sensoren entwickelt, die Mikrofrakturen und Materialermüdung automatisch melden und sich selbst mit Strom versorgen. Auf diese Technologie ist wiederum das Hamburger Luftfahrt-Cluster scharf, das mit einem „riesigen Bedarf“ der Flugzeugindustrie an solchen leichten und intelligenten Tragflächen haben, wie Cluster-Vertreter Walter Birkhan erklärte.

Prototyp eines von "Cool Silicon" entwickelten Flugzeugflügel aus leichtem Kohlenfaserstoff, in den selbstversorgende Materialermüdungs-Sensoren einlaminiert wurden. Sie sollen ein ganzes Flugzeugleben lang die Stabilität von Tragflächen überwachen. Abb.: FHG

Prototyp eines von „Cool Silicon“ entwickelten Flugzeugflügel aus leichtem Kohlenfaserstoff, in den selbstversorgende Materialermüdungs-Sensoren einlaminiert wurden. Sie sollen ein ganzes Flugzeugleben lang die Stabilität von Tragflächen überwachen. Abb.: FHG

„Cool Reader“ erwies sich für Cluster als zu komplex

Gerade der „Cool Reader“ ist aber eben auch ein Beispiel für die Grenzen des Cluster-Prinzips. Als das Dresdner Spitzencluster „Cool Silicon“ 2008 startete, wollten mehrere Forscher ein bahnbrechendes mobiles Gerät zum Lesen für digitalisierte Bücher entwickeln: Der „Cool Reader“ sollte einen biegsamen Kunststoffelektronik-Bildschirm haben, mit durchsichtigen Organik-Solarzellen beschichtet sein und extrem lange Akkulaufzeiten haben.

Aus dem Stromspar-Speicher wurde jedoch nichts, weil Qimonda pleite ging, „Plastic Logic“ verspätete sich mit seinen Kunststoff-Displays drastisch und die Dresdner Organik-Experten mussten einräumen, dass noch ein weiter Weg bis zur transparenten Solarzellen-Beschichtung zu gehen sei. Schaut man sich dagegen heute die Produktpläne großer internationaler eReader-Hersteller an, sind die nicht mehr weit vom einstigen „Cool Reader“-Konzept entfernt.

Chinesen an Mitteldeutschland vorbei gezogen
Preisentwicklung bei den deutschen und den chinesischen Solarfirmen. Abb.: hw

Preisentwicklung bei den deutschen und den chinesischen Solarfirmen. Abb.: hw

Ähnliches könnte man über die mitteldeutsche Solarindustrie sagen: Die werkelte noch vor vier Jahren ganz vorne an der Weltspitze mit, jetzt kämpft sie ums Überleben. Nach Meinung von Branchenexperten hat es die deutsche Photovoltaik-Industrie verpasst, die hohen Erlöse der Boom-Jahre voll in Automatisierung und kostensenkende Materialforschungen zu investieren.

Zwar hat auch das zugeordnete Spitzencluster „Solar Valley“ wichtige Fortschritte gemacht – aber derweil haben die Chinesen riesige Solarfabriken daheim hochgezogen und die westlichen Technologien rasch adaptiert. Die Folge: Der einst dominierende Weltmarktanteil deutscher Solarmodule ist inzwischen auf sieben Prozent gefallen. Was sagt uns das? Größe zählt eben doch. Heiko Weckbrodt

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