Auch Bosch selbst stellt Dioden, Transistoren und andere einfache elektronische Bauelemente her. Doch Teile der Autoindustrie setzten auf Nexperia-Zulieferungen. Foto: Heiko Weckbrodt
Bitkom für mehr und breitere Halbleiter-Kapazitäten in Deutschland – aber auch für mehr Partnerschaften mit Japan und Südkorea
Berlin, 24. Oktober 2025. Mehr und breiter angelegte eigene Halbleiterfabriken in Europa sowie engere Hightech-Beziehungen mit Japan und Südkorea hat der deutsche Digitalverband „Bitkom“ aus Berlin mit Blick auf die aktuelle Nexperia-Halbleiterlieferkrise für die deutschen Autobauer gefordert. Für ähnliche Pfade hatte sich zuvor bereits der sächsische Branchenverband „Silicon Saxony“ ausgesprochen.
Ralf Wintergerst. Foto: Bitkom
„Fehlender 50-Cent-Chip kann eine Million-Euro-Produktionslinie stoppen“ Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst
„Nexperia ist der nächste Weckruf für die deutsche Wirtschaft und Politik. Wir sollten Technologiepartnerschaften etwa mit Japan und Südkorea gezielt ausbauen, um Abhängigkeiten zu verringern“, plädiert Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst. „Und wir müssen in Europa wettbewerbsfähige Kapazitäten über die gesamte Wertschöpfungskette aufbauen, inklusive Packaging und Test, Genehmigungen beschleunigen und Förderzusagen verlässlich machen.“
US-Präsident Donald Trump. Foto: US-Gouvernment / Presidental Office /Press
Auslöser für Nxperia-Krise war letztlich der Wirtschaftskrieg der USA gegen China – und das Einknicken der Europäer
Hintergrund: Um den wirtschaftlichen und technologischen Aufstieg China auszubremsen, setzt die US-Regierung vor allem seit der ersten Amtszeit von Donald Trump auf Wirtschaftskriege und Embargos gegen die neue ökonomische Supermacht. Die Administration in Washington setzt dabei auch immer öfter die Europäer unter Druck, sich der – offiziell mit „Sicherheitsbedenken“ begründeten – Boykottpolitik der Amerikaner anzuschließen, die Chinesen von Hochtechnologie-Importen abzuschneiden und den Handel mit China herunterzufahren. So hatte die US-Regierung beispielsweise bereits dem Chipwerk-Ausrüster ASML über den Umweg über die niederländische Regierung de facto verboten, seine EUV-Lithografie und andere neuere Chipbelichter nach China zu exportieren.
Regierung begründete De-facto-Enteignung mit Sorgen um Halbleiter-Nachschub – und löste eben damit erst die Krise aus
Inzwischen musste die niederländische Regierung auf Druck aus Washington auch den Halbleiterhersteller „Nexperia“ in Nijmegen unter staatliche Kontrolle stellen und de facto enteignen. Fast schon absurd mutet mit Blick auf die tatsächlichen Folgen die offizielle Begründung an: „Aufgrund gravierender Managementmängel stellte das niederländische Wirtschaftsministerium fest, dass Nexperias Geschäftstätigkeit in Europa in unakzeptabler Weise beeinträchtigt wurde“, heißt es da. „Diese Situation weckte bei der niederländischen Regierung allgemeine Bedenken hinsichtlich der Verfügbarkeit von Halbleiterprodukten, die für die europäische Industrie von entscheidender Bedeutung sind.“ Genau diese Probleme hat die niederländische Regierung nun aber erst ausgelöst.
Enteignete Chinesen reagierten sauer
Hintergrund: Bei Nexperia handelt es sich um eine Ausgründung aus dem NXP-Elektronikkonzern, der wiederum seinerzeit von Philips ausgegliedert wurde – also eigentlich ein ur-niederländisches Unternehmen. Inzwischen gehört es aber dem, gehört aber seit 2019 dem chinesischen Investor „Wingtech Technology“. Zwar stellt das Unternehmen gar keine Spitzenchips her, eher Allerwelts-Bauelemente wie Dioden und Transistoren, die auch viele andere Fabriken produzieren können. Viele europäische Autohersteller beziehen aber eben diese billigen Bauelemente bei Nexperia. Als sich nun die niederländische Regierung den USA beugten, Nexperia unter staatliche Kontrolle nahm und damit de facto die Chinesen enteigneten, reagierten die mit einem Lieferstopp von Bauelementen an die europäischen Kunden.
Deutsche Autobauer haben Mehrquellen-Prinzip schon wieder vernachlässigt
Das wiederum traf Volkswagen und andere deutsche Autokonzerne auf dem falschen Fuß: Zwar lassen sich die Nxperia-Produkte auch woanders kaufen, doch VW & Co. hatten hier wohl das Mehrquellen-Prinzip vernachlässigt und keine oder nicht ausreichend alternative Anbieter für ihre Autoproduktion gebunden und qualifiziert. Nun drohen Produktionsstopps in deutschen Fahrzeugfabriken.
Europas Elektronik-Wertschöpfungskette hat zu viele Lücken
Und dies befeuert aufs Neue die Debatte darum, ob und in welchem Maße Europa und konkret auch Deutschland und Sachsen weitere eigene Elektronik- und Mikroelektronik-Produktionskapazitäten auf- und ausbauen sollte. Dabei steht unter anderem weitere neue Chipfabriken beispielsweise in Dresden zur Debatte. Zudem fehlen Deutschland wichtige Glieder der langen Wertschöpfungskette vom Silizium bis hin zum kompletten Elektronikprodukt: Politiker und Branchenvertreter plädieren für mehr Chipdesign-Kapazitäten im Land. Vor allem aber fehlt es an sogenannten „Backend“-Fabriken, in denen die Siliziumscheiben (Wafer) aus den hiesigen Chipfabriken in einzelne Schaltkreise zerlegt, durchkontaktiert und in Gehäuse gesteckt werden – das ist längst eine asiatische Domäne geworden. Von solchen Endmontage-Kapazitäten gibt es zwar einige in Portugal, die ehemals von Qimonda aufgebaut wurden und nun vom US-Konzern Amkor ausgebaut und betrieben werden. Doch in Deutschland gibt es nur sehr wenig Möglichkeiten, Chips und ähnliche Elektronika massenhaft endzumontieren, vollständig zu testen und automatisiert auf Leiterplatten zu bringen, damit sie dann von Autozulieferern wie Bosch zu kompletten Baugruppen zu verarbeiten.
Autarkie ist illusorisch – doch weniger Abhängigkeit von Monoquellen wäre möglich
Da es während der Corona-Zeit, nach dem Schiffsunglück im Suezkanal, durch die Piraterie im Roten Meer, Erdbeben in Fernost und den russischen Angriff auf die Ukraine bereits mehrere Elektronik-Nachschubprobleme für deutsche Leitindustrien gegeben hatte, mehren sich nach dem Nexperia-Debakel die Stimmen, das Resilienz-Problem in Europa und Deutschland systematischer anzugehen. Dafür hat bereits mehrfach „Silicon Saxoy“-Geschäftsführer Frank Bösenberg plädiert – kürzlich erst wieder im Interview mit der „Wirtschaftswoche“. Und auch der Bitkom gehört zu den Verfechtern der Idee, mehr Mühe und Ressourcen in die europäische Mikroelektronik zu stecken. Tenor: Europa kann realistischerweise zwar gar keine Autarkie in der Chipproduktion erreichen, sich aber sehr wohl weniger abhängig von einigen wenigen Zulieferern machen.
„Die große Mehrheit kauft in den USA und China. Wenn dort etwas hakt, stehen hierzulande Bänder still.“ Bitkom-Präsident Wintergerst
„Die Debatte dreht sich gerade um die Autoindustrie, tatsächlich betrifft die Abhängigkeit von ausländischen Halbleitern die gesamte Wirtschaft“, warnt Bitkom-Präsident Wintergest. „91 Prozent der Unternehmen aus verarbeitendem Gewerbe sowie IT- und Telekommunikation setzen Halbleiter ein, für 80 Prozent sind sie unverzichtbar – und die große Mehrheit kauft in den USA und China. Wenn dort etwas hakt, stehen hierzulande Bänder still. Kurzfristig sind solche Schocks kaum zu kompensieren: Bauteile müssen identifiziert, Alternativen gefunden, eingekauft und vor allem geprüft und freigegeben werden. Das dauert oft Monate.“ Die EU habe mit dem Chipgesetz die richtigen Weichen gestellt, die neue Mikroelektronik-Strategie der Bundesregierung untermauere diesen Weg. „Aber jetzt braucht es deutlich mehr Tempo, klare Verantwortlichkeiten und messbare Meilensteine.“
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[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"] Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption]
Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger".
Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher
• Geboren 1970
• 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin
• 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten)
• 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten
• 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung)
• seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger