Deutschland richtet seine Mikroelektronik-Strategie neu aus

Weg vom Kapazitätsabbau, hin zu Chipdesign und Risikominimierung
Berlin/Dresden/München, 15. Oktober 2025. Der Bund will anscheinend in Zukunft weniger Geld in Mikroelektronik-Großansiedlungen und Chipfabrik-Ausbauten stecken, wie es zuletzt vor allem in Sachsen geschehen ist, sondern stärker den Aufbau von Chipdesign und Autoelektronik-Entwicklungen fördern, wovon in Zukunft womöglich stärker Bayern und Baden-Württemberg profitieren würden. Dies lässt sich aus der neuen „Mikroelektronik-Strategie der Bundesregierung“ ableiten, die die Ministerinnen für Wirtschaft und Forschung, Katherina Reiche (CDU) und Dorothee Bär (CSU) heute in Berlin vorgestellt haben.
Weniger Subventionen für neue Chipfabriken absehbar
Laut dem nun vom Merz-Kabinett gebilligtem Plan soll Deutschland künftig seine bereits vorhandenen besonderen technologischen Halbleiter-Stärken weiter stärken sowie neue Mikroelektronik-Technologien für die Chips und Anwendungen von morgen und übermorgen entwickeln. Vorgesehen ist auch eine „mikroelektronikspezifische Fachkräfteförderung“. Weiter gelte es, Forschungsergebnisse schneller in die Produktion zu überführen. Deutschland soll sich zudem mehr als bisher auf Lieferketten-Risiken, die Bedarfe der Anwenderindustrien, Sicherheit kritische Infrastrukturen, Künstliche Intelligenz und Quanten-Tech konzentrieren, basierend auf Sicherheits- und Risikoanalysen – „jenseits eines bloßen Fokus auf Kapazitätsaufbau und Marktanteil“. Da aber eben diese letzteren Ziele ausdrücklich im EU-Chipgesetz verankert sind, möchte die große Koalition aus Berlin in Brüssel auf entsprechende Änderungen im „European Chips Act“ dringen.
„Die Mikroelektronik trägt etwa 4 % direkt und etwa 15 % indirekt zum deutschen Bruttoinlandsprodukt bei.“
Aus der „Mikroelektronik-Strategie der Bundesregierung“ 2025

Die besondere Bedeutung der Mikroelektronik als bestimmende Querschnittstechnologie für zahlreiche Industriebranchen in Deutschland stellt auch Subventionskritikerin Reiche nicht in Frage: Ohne moderne Schaltkreise fahre „kein Auto, läuft keine Energieinfrastruktur, funktioniert kein Kommunikationsnetz“, betont die Bundeswirtschaftsministerin. „Die Mikroelektronik ist Basis für unsere Wertschöpfung und damit für Wachstum und Wohlstand.“ Der Schwerpunkt der bundespolitischen Eingriffe soll sich aber offensichtlich verschieben: „Zentral sind wettbewerbsfähige Standorte, verlässliche Rahmenbedingungen und gezielte Förderung dort, wo strategische Interessen und Zukunftstechnologien berührt sind.“ Und aufhorchen lassen auch die konkreten Projekte, die Reiches Kollegin Bär aus Bayern vorschweben: „Wir wollen Deutschland zum europäischen Zentrum für Chipdesign machen und gezielt den Transfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft stärken.“

Sachsen ist wichtigster Chip-Standort in Deutschland – doch beim Chipdesign ist Süddeutschland vorne
Dazu muss man wissen: Zwar ist Sachsen in den vergangenen sechs Jahrzehnten zum mit Abstand wichtigsten Mikroelektronik-Standort in Deutschland gewachsen. Hier sind die Chipfabriken von TSMC, Globalfoundries, Bosch, Infineon, X-Fab und anderen Branchengrößen konzentriert, umgeben von einem ganzen Ökosystem aus Zulieferern, Forschungseinrichtungen und industrienahen Softwareschmieden. Doch gerade beim Chipdesign punkteten zuletzt Bayern und Baden-Württemberg, die unter anderem die Halbleiter-Entwurfszentren von Apple und TSMC sowie den „Advanced Chip Design Accelerator“ des flämischen Elektronik-Großforschungszentrums „Imec“ an Land ziehen konnten.
Bär plant Kompetenzzentrum für Chip-Design
Von daher liegt die Vermutung nahe, dass das vom CSU-geführten Forschungsministerium avisierte „Kompetenzzentrum Chip-Design“ eher in Süddeutschland als in Sachsen entstehen dürfte. Dafür spricht auch das von Bär festgelegte erste Leitprojekt dieses Zentrums, das sich mit dem „Supercomputer im Auto“ beschäftigen soll.
Neues Mikroelektronik-Ipcei-Programm „Advanced Semiconductor Technologies“ für 2026 absehbar
Ganz leer ausgehen dürfte Ostdeutschland allerdings nicht. So sind viele Punkte in der neuen Mikroelektronik-Strategie ohne die Kapazitäten in Sachsen kaum realisierbar. Auch ist das Papier keine 180-Grad-Wendung, eher eine für Sachsen etwas ungünstige Kurskorrektur. Und auch beim neuen Großschwerpunkt Chipdesign hat Dresden – trotz einiger Rückschläge – gewisse Stärken, will sie auch ausbauen, kooperiert dabei außerdem ausdrücklich mit München. Und: Bereits avisierte Chipgesetz-Subventionen für den milliardenschweren Ausbau der Globalfoundries-Fabrik in Dresden fast schon sicher. Und auch das Projekt von FMC Dresden, in Magdeburg eine Fabrik für neuartige merkfähige Speicherchips zu bauen, hat Chancen auf Bundeszuschüsse.

Auch an der Apecs-Pilotlinie für innovative Chipendmontage-Technologien, die zu großen Teilen in Dresden und Chemnitz realisiert wird, sowie weiteren bereits angelaufenen sächsischen Halbleitervorhaben wollen die Ministerinnen nicht rütteln. Zudem empfehlen sie sächsische Programme für die langfristige Fachkräfte-Sicherung in der Mikroelektronik als Blaupause für ganz Deutschland. Außerdem planen Reiche und Bär ein neues Mikroelektronik-Subventionsprogramm gemeinsam mit Frankreich und den Niederlanden nach dem Strickmuster früherer „Wichtiger Projekte von gemeinsamem europäischen Interesse“ (Ipcei). Dieses „Ipcei Advanced Semiconductor Technologies“ (AST) soll 2026 starten. Was genau dahintersteckt, ist dem Strategiepapier nicht zu entnehmen.

Aktualisierung:
Als „wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung der Mikroelektronik in Deutschland“ hat der sächsische Branchenverband „Silicon Saxony“ die neue Chipstrategie der Bundesregierung begrüßt. „Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, die Mikroelektronik zu stärken und Deutschland als führenden Standort zu positionieren“, kommentierte Silicon-Saxony-Geschäftsführer Frank Bösenberg. „Die heute veröffentlichte Strategie markiert dafür einen ersten wichtigen Meilenstein.“ Und: „Angesichts enormer technologischer Entwicklungen und zunehmender geopolitischer Unsicherheiten gilt es nun, die Umsetzung gemeinsam mit Industrie und Forschung zügig voranzutreiben. Entscheidend ist, die gesamte Wertschöpfungs- und Lieferkette im Blick zu behalten – und die Maßnahmen durch eine auskömmliche Finanzierung abzusichern.“
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: BMWE, BMFTR, Oiger-Archiv, Wikipedia

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