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Studie: Milliardenschub durch neue Chipfabriken für Dresdens Wirtschaft

Roboter dominieren die Bosch-Fabrik Dresden. Foto: Bosch
Bosch-Chipfabrik in Dresden. Foto: Bosch

Forscher rechnen mit für 2030 mit 12,6 Milliarden Euro mehr Wirtschaftsleistung und 24.000 neuen Jobs

Dresden, 8. November 2024. Durch die neuen Chipfabriken und Erweiterungen von TSMC/ESMC, Infineon & Co. sowie deren wachsende Zulieferindustrie legt die sächsische Wirtschaftsleistung ab 2030 um etwa 12,6 Milliarden Euro zu. In diesem Zuge entstehen rund 24.200 neue Jobs in den Fabs und im Umfeld. Außerdem wird die regionale Wirtschaft durch diese Halbleiterinvestitionen zukunfts- und exportorientierter. Das hat eine Studie des „Instituts für Innovation und Technik“ (IIT) aus Berlin für die Wirtschaftsförderung Sachsen (WFS) ergeben. Angesichts der mit diesen Schüben verbundenen Herausforderungen schlägt der sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) nun vor, einen einheitlichen Planungsraum „Metropolregion Dresden“ für die Stadt und das Umland zu bilden.

Subventionen amortisieren sich nach 10-15 Jahren für den Staat

„Der Löwenanteil der Wachstumseffekte wird auf Dresden und das Umland entfallen“, prognostiziert Studienautor Dr. Marc Bovenschulte während der Studien-Präsentation in Striesen. Binnen zehn bis 15 Jahren dürften sich auch die rund sieben Milliarden Euro direkter und indirekter Subventionen für die jüngsten Hightech-Ansiedlungen und -Erweiterungen amortisieren – durch zusätzliche Steuereinnahmen, Abgaben und gesparte Sozialausgaben, schätzte der Forscher auf Oiger-Anfrage ein. Zugleich streife die Region durch den Halbleiter-Strukturwandel immer mehr die „Erbschaft“ der Nachwendezeit ab, nur als verlängerte Werkbank westdeutscher Konzerne zu dienen: „Wir sehen da noch viel Potenzial.“

IIT-Forscher Marc Bovenschulte (Mitte) übergibt an Wirtschaftsminister Martin Dulig und WFS-Geschäftsführer Thomas Horn (r.) die Studie über Wachstumseffekte der Mikroelektronik-Industrie in Sachsen und Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt
IIT-Forscher Marc Bovenschulte (Mitte) übergibt an Wirtschaftsminister Martin Dulig und WFS-Geschäftsführer Thomas Horn (r.) die Studie über Wachstumseffekte der Mikroelektronik-Industrie in Sachsen und Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Wird Dresden zur Schwerkraftfalle für Nvidia, Arm & Co.?

Durchaus denkbar sei, dass sich nach TSMC auch die „Leib- und Magen-Zulieferer“ des Weltmarktführers aus Taiwan künftig hierzulande ansiedeln, ebenso Chipdesign-Zentren und Schaltkreis-Endmontagefabriken, die heute noch zumeist in Asien residieren. All dies würde zu weiteren, in der Studie noch gar nicht berücksichtigten Wachstumsschüben im „Silicon Saxony“ führen. „Irgendwann wird die Gravitation des Mikroelektronik-Standortes Dresden so groß sein, dass sich auch andere Akteure wie Nvidia oder Arm dieser Schwerkraft nicht mehr entziehen können“, mutmaßte Bovenschulte.

Plan B für Intel in Sachsen denkbar

Nicht zuletzt arbeiten die Wirtschaftsförderer um WFS-Chef Thomas Horn bereits an einem „Plan B“ für Intel. Denn die Amerikaner mögen ihre Fabrikbauten in Magdeburg vorerst aufgeschoben haben. Doch es ist keineswegs ausgeschlossen, dass der US-Halbleiterkonzern seine Deutschland-Pläne zu einer Zeit reaktiviert, wenn die einst für Sachsen-Anhalt reservierten Subventionen ausgegeben und die Grundstücke anderweitig verbraucht sind. Dann könnten die Sachsen womöglich eine zweite Chance bekommen, wenn sie bis dahin ein ausreichend großes Grundstück für die Intel-Fabs präsentieren können. Allerdings wolle man Intel keineswegs aus Magdeburg abwerben, betonte die Wirtschaftsförderung im Nachgang.

„Dresdner Halbleiter-Ökosystem ist eigenstabil und rüttelfest“

Ganz abwegig ist der Gedanke nicht: Während die Großansiedlungen in Sachsen-Anhalt und im Saarland in Regionen ohne Halbleiter-Traditionen – entstehen sollten und – zumindest vorerst – gescheitert sind, ist in Dresden seit den 1960er Jahren ein Halbleiter-Ökosystem aus Chipfabriken, Ausrüstern, Zulieferern und Anwendern gewachsen, das mittlerweile europaweit seinesgleichen sucht. Und hier sind die großen Chipgesetz-Projekte von TSMC und Infineon eben tatsächlich auch zustande gekommen. Ein Grund dafür neben anderen: „Das Dresdner Halbleiter-Ökosystem ist eigenstabil und rüttelfest“, meint Bovenschulte.

Wirtschaftsförderung gab Studie in Auftrag

Allerdings gab es bisher nur Schätzungen und ältere Untersuchungen über die Folgeeffekte, die durch das Wachstum der zu DDR-Zeiten begründeten Dresdner Halbleiter-Industrie entstanden sind und noch zu erwarten sind. Offen blieben dabei solche für Wirtschaftspolitiker wie Stadtentwickler wichtigen Fragen wie: Lohnen sich die milliardenschweren Staatssubventionen in neue Chipfabriken überhaupt? Wieviele Fachkräfte kann der Großraum Dresden selbst aufbringen, wieviele müssen aus dem Ausland kommen? Wieviele neue Wohnungen, Straßenbahn- und Buslinien braucht der Ballungsraum, um diesen Zuzug zu bewältigen? Wann brauchen wir welche Flächen im neuen Gewerbegebieten in und um Dresden, um weitere Ansiedlungen zu ermöglichen? Um diese und andere Fragen genauer als bisher zu beantworten, bat WFS-Chef Horn das IIT um eine „Analyse und Prognose volkswirtschaftlicher und regionalökonomischer Wachstumseffekte des Halbleiterökosystems in Sachsen“. Die IIT-Forscher Marc Bovenschulte, Frederik Partin und Florian Bernardt befragten daraufhin Unternehmer und Politiker, werteten statistische Daten aus und rechneten gängige ökonomische Modelle für den Großraum Dresden durch.

Die Prognosen im Überblick

Dabei ergaben sich folgende Kernbefunde:

Wertschöpfung:

Die steigt in der Bauphase der neuen Fabriken im Jahr 2025 (gegenüber dem Referenzjahr 2023) sachsenweit um 1,6 Milliarden Euro. Wenn die neuen Fabs 2030 voll hochgefahren sind, ist eine jährliche zusätzliche Wirtschaftsleistung von 12,6 Milliarden Euro zu erwarten.

Export und Wirtschaftsstruktur:

Der Anteil der Mikroelektronik am gesamten sächsischen Bruttoinlandsprodukt verdoppelt sich bis 2030 auf 14 Prozent. Die Exportquote steigt bis 2025 von jetzt 32 auf dann 37 Prozent. Durch die besonderen globalen Verflechtungen der Mikroelektronik wird die hiesige Wirtschaft durch den Chipboom zudem weniger abhängig von wenigen Abnehmern und Zielländern, auch werden die sächsischen Wirtschaftsstrukturen dann zukunftsorientierter und krisenfester sein.

Beschäftigung:

Bis 2026/27 entstehen in den Fabs von ESMC, Infineon, Bosch, Globalfoundries und Jenoptik rund 5500 neue Arbeitsplätze sowie fast doppelt soviele bei Ausrüstern, Zulieferern, Abnehmern und anderen mit Dresdens Halbleiterindustrie verflochtenen Unternehmen – macht in Summe 15.400 neue Jobs. Die Studienautoren gehen davon aus, dass die Investitionen in diesem Sektor bis 2030 zu rund 24.200 neuen Stellen führen und Mitte der 2030er Jahre sogar über 30.000 Extra-Arbeitsplätzen. Der Faktor zwischen direkt entstehenden Stellen in den Chipfabriken und den neuen Arbeitsplätzen in Umfeldbranchen wird sich laut Studie von 1,8 auf 4,45 erhöhen. Anders ausgedrückt: An jedem Job in den Chipfabriken hängen dann vier bis fünf Stellen im Umfeld.

Gebraucht werden dafür vor allem Mechatroniker, Mikrotechnologen, Ingenieure, Wartungstechniker und anderer Facharbeiter und Hochqualifizierte. Die Chipindustrie wird dafür stark auf überregionale und ausländische Fachkräfte angewiesen sein, da es dafür nicht genug Lehrlinge und Absolventen aus dem Raum Dresden geben wird. Arbeiten werden die größtenteils in Dresden, wohnen aber zu wesentlichen Teilen aber wohl eher im Speckgürtel um Dresden.

Wirtschaftsminister schlägt „Metropolregion Dresden“ vor

Und weil mit der Mikroelektronik-Industrie im Großraum Dresden der Bedarf an neuen Gewerbegebieten, Wohnungen, Verkehrsverbindungen und anderen Infrastrukturen in einem Maße wächst, das selbst eine Landeshauptstadt ganz schnell überfordern kann, plädiert der sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) nun eben dafür, nach internationalen Vorbildern hier eine „Metropolregion Dresden“ zu schaffen: einen gemeinsamen Entwicklungsraum, in dem Infrastrukturen in Stadt und Umland gemeinsam und aus einer Hand geplant werden. „Dafür sollten wir jetzt keine Zeit mehr verlieren.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: WFS, SMWA, IIT, Oiger-Archiv

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger