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73.000 Jobs am Mikroelektronik-Standort Sachsen

Ein Psiquantum-Wafer in der Globalfoundries-Produktion. Foto: Globalfoundries

Ein Psiquantum-Wafer in der Globalfoundries-Produktion. Foto: Globalfoundries

Hightech-Branche sorgt sich aber um Fachkräftemangel, Gasprobleme und zähen Fördergeldfluss

Dresden, 28. Juni 2022. Der wachsende Fachkräftemangel, die unsichere Gasversorgung und die lahme Vergabe versprochener Fördergelder machen den Chipfabriken, Softwareschmieden und verwandten Hightech-Branchen im „Silicon Saxony“ Sorgen. Denn der Hochtechnologie-Standort legt auch in pandemischen Zeiten zu: Mitte 2021 haben die rund 2600 Hightech-Betriebe im Dreieck Dresden – Freiberg – Chemnitz bereits rund 73.000 Menschen beschäftigt und damit 3,6 Prozent mehr als zwei Jahre zuvor. Der Gesamtumsatz lag zuletzt bei rund 16 Milliarden Euro. Das hat der Verband „Silicon Saxony“ (Silsax) heute während seines Branchentreffens „Silicon Saxony Day 2022“ mitgeteilt.

Frank Bösenberg. Foto: Silicon Saxony/ PR

Frank Bösenberg. Foto: Silicon Saxony/ PR

Silicon Saxony will bis 2030 auf 100.000 Beschäftigte kommen

„Und wir werden weiter wachsen“, ist Silsax-Geschäftsführer Frank Bösenberg überzeugt. Er rechnet für das Jahr 2030 bereits mit über 100.000 Jobs im ostsächsischen Hightech-Cluster. Denn die großen Halbleiterhersteller wie Infineon, Globalfoundries und Bosch wollen ihre Chipfertigungs-Kapazitäten in Dresden – auch mit Staatshilfe – ausbauen. Hinzu kommen Ansiedlungen wie das neue Vodafone-Forschungszentrum auf der Dresdner Ostrahalbinsel oder das Engagement von Zeiss und Jenoptik in der Landeshauptstadt. Vor allem aber sorgt das generische Wachstum der sächsischen Software-Branche, die vor allem auf unternehmens- und speziell industrienahe Lösungen spezialisiert ist, für immer neue Jobs. Sie steht für jeden zweiten Arbeitsplatz im Silicon Saxony und beschäftigt mittlerweile 32.550 Menschen – ein Zuwachs um 6,2 Prozent.

Dirk Röhrborn ist im Vorstand von "Silicon Saxony" und leitet das Software-Unternehmen "Communardo" in Dresden. Foto: Bitkom

Dirk Röhrborn. Foto: Bitkom

Ohne Zuwanderung bremst Fachkräftemangel den Aufschwung aus

Ohne Zuwanderung könnte dieser Aufschwung aber ins Stocken geraten, warnt Silsax-Präsident Dirk Röhrborn: „Wir müssen eine Region mit einem starken Zuzug von internationalen Fachkräften werden – weltoffen und attraktiv“, fordert er. Allein die Hightech-Industrien des Silicon Saxony brauchen bis zum Ende der Dekade rund 27.000 neue Fachleute. „Das gibt die Demografie in Sachsen nicht her, da brauchen wir Zuwanderung“, ergänzt Bösenberg.

Klare Regeln für Gaszuteilung gefordert

Und eine weitere Sorge rückt vor allem seit dem russischen Angriff auf die Ukraine und die dadurch ausgelösten Erdbeben auf den Energiemärkten aktuell ganz besonders in den Fokus der Halbleiterwerker: Sie brauchen Gase, um ihr Reinraumklima zu halten, sonst bricht die Chipproduktion zusammen. „Und wenn wir unseren Reinraum abschalten müssten, dann dauert es drei Jahre, bis der nächste Wafer wieder die Produktion durchlaufen kann“, betont Silsax-Vorständin Yvonne Keil, die hauptberuflich bei Globalfoundries tätig ist. Deshalb brauche die deutsche Chipindustrie von den Politikern klare Ansagen und Prioritätsregeln, wer im Falle eines akuten Engpasses wieviel Gas zugeteilt bekommt. Das fordern zwar derzeit viele, aber die Mikroelektroniker weisen auf ihre besondere Schlüsselrolle hin: „Der Ausfall der Chipfabriken würde sich als Ketteneffekt durch die gesamte Wirtschaft fressen“, warnte Röhrborn.

Verband erneuert Kritik an langsamen Förderprocedere

Und noch einen weiteren Wunsch haben die Branchenvertreter: Der Verband hat seine Kritik an den trägen Subventionsflüssen erneuert. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) und andere Politiker hatten in den vergangenen Monaten mit großem Tamtam ehrgeizige Aufholjagden für die europäische Halbleiterindustrie ausgerufen, ein Europäisches Chip-Gesetz sowie milliardenschwere Sondersubventionen für „Wichtige Projekte von besonderem europäische Interesse“ (Ipcei) für die Mikroelektronikfabriken versprochen. Geflossen ist von diesen Geldern bisher aber kaum ein Cent – obwohl zumindest die Bundesampel ihrerseits dafür bereits 15 Milliarden Euro im Haushalt beiseite gelegt hat. Vor allem die Ipcei-Bescheide und genauen Chipgesetz-Regeln aus Brüssel fehlen laut Silsax vor allem noch. Und an diesen Gelder hängen gerade in Sachsen viele Ausbauprojekte und Jobs: Infineon und Globalfoundries (GF) wollen damit ihre Dresdner Fabriken ausbauen. Speziell GF möchte damit auf feinere Chipstrukturen umsteigen, die dann nur noch zwölf statt bisher 22 Nanometer (Millionstel Millimeter) messen.

Offensichtlich plant Intel nicht nur zwei Fabriken (links hinten) nebeneinander, sondern auch eine eigene Energieversorgung (rechts hinten). Eingedenk der Erfahrungen mit Folienballons in Dresden und den Stromausfällen im Texanischen Winter mag das eine gute Idee sein. Visualisierung: Intel

Die bisher geplanten Intel-Chipfabriken in Magdeburg. Visualisierung: Intel

Neuer Technologiegürtel entsteht zwischen Erfurt und Dresden

Generell aber sei auch der EU-Spitze in Brüssel inzwischen klar geworden, dass die Mikroelektronik nicht irgendeine unter vielen Branchen sei, sondern eine Schlüsselindustrie für die gesamte Wirtschaft von Autoproduktion bis Raumfahrt, betonen die Silsax-Vertreter. Summa summarum sehen sie optimistisch in die Zukunft: Die Chipnachfrage bleibt hoch, die Softwarebranche boomt und durch die Intel-Ansiedlung in Sachsen-Anhalt entsteht ein neuer mitteldeutscher Hochtechnologie-Gürtel. „Dresden, Magdeburg, Jena, Erfurt wachsen zu einer ostdeutschen Hightech-Region zusammen“, prophezeit Frank Bösenberg.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Silsax, Oiger-Archiv