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„Feuer und Blut“: Wie Aegon mit seinen Drachen Westeros unterjochte

Aegon Targaryen und seine Schwesterngemahlinnen auf dem Eisernen Thron. Illustration aus: G. Marzin: Feuer und Blut

Aegon Targaryen und seine Schwesterngemahlinnen auf dem Eisernen Thron. Illustration aus: George Martin: Feuer und Blut, Verlag: Randomhouse

Statt das „Lied von Eis und Feuer“ weiterzuschreiben, hat George Martin eine Art Silmarillion für „Game of Thrones“ geschrieben

Was waren das eigentlich für riesige Drachen, die Arya in den Katakomben des Roten Bergfrieds von Königsmund entdeckt hat? Wie konnte Daenerys mit solcher Selbstverständlichkeit den Eisernen Thron beanspruchen, kaum dass nach Westeros übergesetzt war? Und woher kommt es eigentlich, dass die Targaryens so viele fähige, aber auch so viele irre Herrscher hervorgebracht haben? Eben diesen Fragen widmet sich das neueste Werk von George R.R. Martin. Im Stile eines mittelalterlichen Chronisten erzählt der amerikanische Phantastik-Autor in „Feuer und Blut“ die Geschichte des Königshauses Targaryen in der fiktionalen Welt, die er zuvor im „Lied von Eis und Feuer“ – alias „Game of Thrones“ – entworfen hatte.

Vom Untergang des Freistaats Valyria bis zum irren König Aerys

Diese Chronik setzt ein mit der Flucht der Familie Targaryen aus dem untergehenden Freistaat Valyria, berichtet über die erste Landnahme in Westeros, auf Drachenstein, und erzählt dann die Unterwerfung fast des gesamten Westkontinents durch Aegon den Eroberer und seine Schwesterngemahlinnen und endet erst mit dem Sturz des irren Königs Aerys II. durch Robert Baratheon Jahrhunderte später.

Drachen-„Luftwaffe“ mischt Karten auf Westeros neu

Hier erklärt sich auch rasch, wie die Targaryens Westeros so schnell erobern konnten: Ähnlich wie die Luftwaffe in unserer Welt die gesamte Kriegsführung veränderte, mischten auch die Drachen der Targaryens die Karten auf Westeros neu. Selbst der beste Schwertkämpfer, der mächtigste Lord und die stärkste Festung vermochte den Angriffen der feuerspeienden Lindwürmer aus der Luft standhalten, sie alle beugten vor Aegon ihr Knie. Selbst die eigensinnigen Könige des Nordens, die Starks, in denen man unschwer die Schotten als Vorbilder erkennt, übergaben ihre Krone an die Targaryens. Allein das widerspenstige Dorne konnte mit asymmetrischer Kriegsführung und Guerilla-Taktik eine Zeitlang den neuen weißblonden und violettäugigen Herren aus dem Osten Paroli bieten. Aber auch sie mussten sich schließlich dem Eisernen Thron von Königsmund beugen, den Aegon im Drachenfeuer aus den Schwertern seiner unterworfenen Gegner geschmiedet hatte.

Chronik-Stil statt intrigenreicher Roman

Um Enttäuschungen vorzubeugen: Die verschlungene und listenreiche Stilistik, für die die Fans die „Game of Thrones“-Bücher und -Streamingserie so lieben, sucht man hier vergebens. „Feuer und Blut“ ist kein Roman, sondern im Phantastik-Universum George R.R. Martin ähnlich eingeordnet wie sich das „Silmarillion“ zum „Herr der Ringe“ von Tolkien verhält: Es erzählt einen Teil der Vorgeschichte von „Game of Thrones“ als Abfolge von Ereignissen, sicher auch nicht übel geschrieben, aber eben keineswegs so spannend wie die Romane um Arya, Daenerys & Co. Das deuten schon die ersten Seiten an, in denen Martin behauptet, dieses Buch habe eigentlich Erzmaester Gyldayn aus der Zitadelle von Altsass verfasst – er selbst habe all das nur ins moderne Englisch transkribiert.

Video (Penguin): George Martin
erklärt "Feuer und Blut":

Für eingefleischte „Game of Thrones“-Fans ist „Feuer und Blut“ dennoch lesenswert: George R.R. Martin erzählt hier einen Teil der Mythologie und der fiktionalen Weltgeschichte, die seine Romane so dicht erscheinen lassen, aus und stellt Zusammenhänge her, die sich allein aus den Romanen nur schwer zu erschließen waren. Besonders wertig wirkt der dicke Wälzer durch 85 monochrome Zeichnungen, die ganz im Geist heroischer Geschichtsschreibung gehalten sind.

Fazit: nicht so spannend, eher interessant

„Feuer und Blut“ ist nicht annähernd so spannend geschrieben wie die „Game of Thrones“-Bücher, an denen George R.R. Martin anscheinend weitgehend das Interesse verloren hat, seit die Verfilmung die Romane überholt hat. Fans, die tiefer in die Weltgeschichte von Westeros eintauchen wollen, werden die Lektüre dennoch zu schätzen wissen.

Buchumschlag von: George Martin: Feuer und Blut, Verlag: Randomhouse

Buchumschlag von: George Martin: Feuer und Blut, Verlag: Randomhouse

Kurzüberblick:

  • Titel: „Feuer und Blut – Erstes Buch – Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen von Westeros“
  • Autor: George R.R. Martin (oder Erzmaester Gyldayn)
  • Verlag und Erscheinungsjahr: Penguin-Randomhouse 2022 (Deutsche Ausgabe)
  • Umfang: 896 Seiten, 85 Zeichnungen
  • ISBN: 978-3-7645-3223-9
  • Preis: 26 Euro (Hartumschlag) bzw. 15 Euro (E-Buch)
  • Eine Leseprobe gibt es hier

Autor der Rezension: Heiko Weckbrodt

Zum Weiterlesen:

Das sechste Lied von Eis und Feuer

Game of Thrones als Adventure des Nordens