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Dresdner Ingenieure wollen Haus aus Abfall bauen

Bauschutt wiederzuverwerten lohnt sich energetisch, haben Dresdner Leibniz-Forscher ermittelt. Foto: H. Hensel, IÖR-Media

Bauschutt kann eine wertvolle Ressource sein, um Baustoffe zurückzugewinnen. Foto: H. Hensel, IÖR-Media

Nexus-Konferenz von Unu-Flores: Experten möchten Sachsen zur Modellregion für eine neue Kreislauf-Bauwirtschaft machen

Dresden, 10. Juni 2021. Nach dem Haus aus Karbon steht nun das Haus aus Müll in Dresden auf der Bau-Agenda: Bauingenieure, Abfall-Unternehmer und andere Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft wollen aus Sachsen eine Modellregion für das ökologisch bewusste Bauen von morgen etablieren. Als Leitprojekt soll in Dresden ein „Haus aus Abfall“ entstehen. Das hat Prof. Reimund Bleischwitz vom „United Nations University – Institute for Integrated Management of Material Fluxes and of Resources” (Unu-Flores) während der virtuellen Fachtagung „Dresden Nexus Conference – Zirkuläre Wertschöpfung im Baubestand“ vorgeschlagen. Sachsen könne damit Maßstäbe für eine nachhaltige Bau-Kreislaufwirtschaft setzen.

„Viel Potenzial für zirkuläre Wertschöpfung“

Zustimmung erntete Bleischwitz mit seinen Vorstößen unter anderem vom Dresdner TU-Professor Prof. Jürgen Stamm. „Ich sehe hier viel Potenzial für zirkuläre Wertschöpfung“, schätzte der Dekan der Fakultät Bauingenieurwesen ein. „Wir benötigen weitere Pilotprojekte.“

Ist genug Kies da, sinkt die Innovationsfreude

Dabei sei es indes wichtig, die Recycling-Industrie enger als bisher einzubinden, betonte Dr. Georg Schiller vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (Iör) Dresden. In vielen Betrieben der sächsischen Abfallwirtschaft wache der Innovationsdruck Jahr für Jahr, betonte Sebastian Karwatzki von Bauschutt-Verwerter „H.Nestler“ in Dresden: Immer mehr Kommunen und andere Auftraggeber betten in ihre Ausschreibungen ökologische Ziele ein. Auch machen steigende Baustoffpreise die Sekundärrohstoff-Gewinnung wieder interessant. Und nicht zuletzt verringere sich der verfügbare Verfüllraum für Bauschutt. Gerade an diesen Punkten ist die Innovationsbereitschaft der Branche aber geteilt. „In Sachsen sind wir mit Sand und Kies reich gesegnet“, erklärte Karwatzki. Daher sei der Leidensdruck durch steigende Rohstoffpreise für die Bauunternehmen hier nicht ganz so hoch wie anderswo. Und: Viele regionale Steinbruch-Betreiber, die Baurohstoffe liefern, seien zugleich Abnehmer von Bauabfällen, mit denen sich ihre Gruben prima verfüllen lassen. Karwatzki: „Bei diesen Unternehmen besteht dementsprechend weniger Interesse an neuen Recyclingkonzepten.“

Geopolymere aus Abfällen als Betonersatz

Andererseits aber gibt es in Sachsen viele Forschungsprojekte und teils auch Pilotprojekte, die auf eine neue, stärker ökologisch orientierte Art des Bauens zielen. Die Bergakademie Freiberg zum Beispiel versucht, aus Abfällen sogenannte Geopolymere als Betonersatz zu gewinnen. Dieser „kalte Zement“ besteht meist aus Silizium-Aluminium-Verbindungen. Er härte sehr schnell aus, sei feuer- und chemikalienbeständig, berichtete Forscher Michael Kraft vom Institut für Technische Chemie in Freiberg. Setze man bei der Herstellung konsequent Sekundärrohstoffe ein, könne dies im Vergleich zur klassischen Zementproduktion bis zu 80 Prozent der Treibhausgas-Emissionen sparen. Einen anderen Sekundärrohstoff-Ansatz verfolgt Karin Gruhler vom Iör Dresden: Sie baut mit Kollegen ein regionales „Materialkataster“ auf, das langfristig den Kreislaufgedanken beim Planen und Bauen stärken soll.

Prof. Manfred Curbach. Foto: Heiko Weckbrodt

Prof. Manfred Curbach. Foto: Heiko Weckbrodt

Leichter Karbonbeton könnte Umweltbilanz auf dem Bau deutlich verbessern

Als Vorzeige-Beispiel für sächsische Innovationen in der Bauwirtschaft gilt inzwischen der leichte Karbon-Beton, den die TU Dresden federführend mitentwickelt hat. Sein Einsatz kann laut Prof. Manfred Curbach vom TU-Institut für Massivbau den Materialverbrauch auf vielen Baustellen halbieren und die Kohlendioxid-Bilanz drastisch verbessern. Inzwischen ist dieser neue Leichtbaustoff schon vielerorts im Testeinsatz: Arbeiter haben damit eine luftige Brücke für das Deutsche Museum in München gebaut, die Carolabrücke in Dresden verbreitert, wenige Kilometer weiter errichten sie gerade das weltweit erste komplette Karbonbetonhaus.

Die Visualisierung zeigt, wie der "Cube" aus Karbonbeton aussehen soll. Gut zu sehen ist hier die "Twist" genannte Schale, die organisch von einer Mauer ins Dach übergeht. Dort sollen die Dämmplatten von Evonik plaziert werden. Visualisierung: C3

Die Visualisierung zeigt, wie der “Cube” aus Karbonbeton aussehen soll. Gut zu sehen ist hier die “Twist” genannte Schale, die organisch von einer Mauer ins Dach übergeht. Dort sollen die Dämmplatten von Evonik plaziert werden. Visualisierung: C3

Zentimeterdünne Karbonbeton-Schicht rettet historische Bausubstanz

Der universitäre Karbonbeton hilft zudem, historische Bausubstanz zu retten: Im über 100 Jahre alten Beyerbau der TU Dresden beispielsweise wollten die Sanierer ursprünglich 40 Prozent der originalen Zwischendecken durch neuen Stahlbeton ersetzen, erzählt Professor Curbach. Mit einer zentimeterdünnen Verstärkung aus Karbonbeton sei es dann aber gelungen, alle Decken zu erhalten. Mit Blick auf den enormen und stetig wachsenden Ressourcenverbrauch der weltweiten Bauwirtschaft forderte der Experte: „Vorhandene Bauwerke sollten wir so lange wie möglich erhalten und neue Bauwerke so sparsam wie möglich errichten.“

Materialhunger der Bauwirtschaft wird stärker

Laut Schätzungen der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) verbraucht die globale Bauwirtschaft derzeit rund 80 Milliarden Tonnen Materialien vom Sand über den Kalk bis hin zu Holz und Stahl pro Jahr. Bis 2060 werde sich dieser weltweite Bedarf mehr als verdoppeln, auf dann 167 Gigatonnen Baustoffe. Die jüngsten Preissprünge für Baumaterialien auf den Weltmärkten, ausgelöst durch die nach Corona wieder anspringende Konjunktur in China und anderswo, geben bereits einen kleinen Vorgeschmack auf den Ressourcenkampf, der daraus noch erwachsen könnte.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Dresden Nexus Conference, Unu-Flores, TUD, Oiger-Archiv

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