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Stalins Jagd nach der Atombombe

Auch eine Wasserstoffbombe ist in der Spionage-Ausstellung zu sehen. Foto: Heiko Weckbrodt

Auch eine Wasserstoffbombe ist in der Spionage-Ausstellung zu sehen. Foto: Heiko Weckbrodt

Deutsches Know-how und deutsches Uran ebneten der SU den Weg zur Atommacht

Die jüngsten Verhandlungen zwischen Donald Trump und Kim Jung Un über das Nuklearwaffen-Programm in Nordkorea mag Anlass sein, einmal auf die Anfänge des Atombombenrüstens zurückzuschauen: Am 6. August jährt sich der Tag des Einsatzes der Atombombe in Hiroshima von 1945 und ebenfalls im August, aber vier Jahre später, stieg auch die Sowjetunion zur Atommacht auf. Oiger-Gastautor Gerhard Barkleit hat diese Entwicklung analysiert.

Atombomben-Explosion über Nagasaki - was einst Milliarden Dollar kostete, könnte durch SILEX zur "Billigbombe" werden, fürchten Phyiker. Abb.: DPG

Atombomben-Explosion über Nagasaki. Abb.: DPG

Das nukleare Patt

Semipalatinsk. Es geschah am 29. August des Jahres 1949. Die Sowjetunion zündete in den Weiten der kasachischen Steppe ihre erste Atombombe. Diese entsprach in allen wesentlichen Komponenten jenem Typ, den die Vereinigten Staaten von Amerika am 16. Juni 1945 unweit der Grenze zu Mexiko getestet und am 9. August über der japanischen Stadt Nagasaki abgeworfen hatten. Für den „exakten“ Nachbau des amerikanischen Prototyps hatte der deutsche Physiker Klaus Fuchs den Sowjets die notwendigen Unterlagen geliefert.

Der sowjetische Diktator Joesef Stalin. Foto: ADN, Bundesarchiv, Wikipedia, cc3-Lizenz

Der sowjetische Diktator Joesef Stalin. Foto: ADN, Bundesarchiv, Wikipedia, cc3-Lizenz

Spion Fuchs

Der vom Glauben an kommunistische Ideale beseelte Sohn des in Kiel und später in Leipzig lehrenden Theologieprofessors Otto Emil Fuchs war bereits im September 1933 nach England emigriert. Nach einer kurzen Tätigkeit im britischen Atomprojekt mit dem Tarnnamen „Tube alloys“ gelangte er nach Los Alamos, dem Hauptsitz des amerikanischen Manhattan Projekts. Zum „gefährlichsten Verräter unserer Zeit“, wie die Neue Illustrierte ihn schon 1952 bezeichnete, wurde er aufgrund seiner Überzeugung, dass die USA und Großbritannien der UdSSR, ihrem Verbündeten im Kampf gegen Hitler, das Know-how einer Atombombe nicht vorenthalten dürften. Als sowjetischer Spion trug Klaus Fuchs maßgeblich zum sogenannten „nuklearen Patt“ bei, das als Gleichgewicht des Schreckens in den Jahrzehnten des Kalten Krieges eine Rüstungsspirale gigantischen Ausmaßes in Gang hielt. Darüber hinaus gilt der glänzende Physiker auch als „Stammvater der britischen, der sowjetischen und der amerikanischen Wasserstoffbombe“. Nach Enttarnung, Verurteilung und Begnadigung arbeitete Fuchs später am Zentralinstitut für Kernphysik in Rossendorf bei Dresden.

Aus Kaltem Krieg wurde nie ein thermonuklearer Krieg

Obwohl der Rüstungswettlauf eine essenzielle Dominante der Systemauseinandersetzung war, mündete keine der zahlreichen politischen Krisen in einen heißen Krieg zwischen der westlichen Verteidigungsallianz und den Staaten des Warschauer Vertrages. Auch kam es nach dem Ersteinsatz von Atombomben durch die USA am Ende des Zweiten Weltkrieges und trotz einer ständig wachsenden Anzahl von Staaten mit nuklearem Potenzial zu keinem weiteren Einsatz dieser Massenvernichtungsmittel. Nicht nur Militärstrategen und Politiker, sondern auch nicht wenige Wissenschaftler unterschiedlicher Color sprechen deshalb von der friedensbewahrenden Kraft des nuklearen Patts.

Polit-Zocker gibt es nicht erst seit Trump

Strategietheoretiker argumentierten dabei häufig mit Erkenntnissen der Spieltheorie. Sie deuteten das nukleare Patt als ein klassisches Gefangenendilemma, in dem die Akteure sich vor Gericht entscheiden müssen, entweder zu leugnen oder zu gestehen. Keiner weiß allerdings, welche Wahl der jeweils andere treffen wird. Der Gedanke, dass Weltpolitik, die Entscheidung zwischen nuklearem Inferno und Frieden, „spielerisch“ zu suchen und auch zu begründen ist, mag der eine oder andere nicht nur als unangemessen, sondern geradezu als makaber empfinden. Mit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten des mächtigsten Landes der Erde hat das spielerische Element des Zockens nun jedoch für jedermann sichtbar Einzug in die große Politik gehalten.

Half Kollege Zufall immer wieder, ein Inferno zu verhindern?

Nicht das nukleare Patt habe die Welt gerettet, erklärte hingegen Ende 2016 ein langjähriger strategischer Planer des Pentagons im Magazin New Yorker, sondern „Geschick, Glück und göttliche Intervention“, wobei letztere vermutlich von ausschlaggebender Bedeutung gewesen sei. Für Atheisten könnte man es so formulieren: Ein nukleares Inferno ist nicht dank, sondern trotz des nuklearen Patts, also zufällig, bislang ausgeblieben. Bedurfte der Bau der Atombombe als Antwort des Westens auf die nationalsozialistische Bedrohung keiner weiteren Rechtfertigung, so verschaffte die These von der friedenserhaltenden Wirkung des nuklearen Patts allen an der Entwicklung immer verheerenderer Massenvernichtungsmittel Beteiligten das sprichwörtlich „reine Gewissen“.

Moskaus nachholende militärische Modernisierung

Wenngleich Carl Friedrich von Weizsäcker im Sommer 1941 eine Plutoniumbombe zum Patent angemeldet hatte, gab es dennoch im Dritten Reich keinerlei ernsthafte Bemühungen, Kernwaffen zu entwickeln. Die Kernphysik entwickelte sich jedoch dank einer Vielzahl exzellenter Theoretiker und Experimentatoren rasch zu einer Dominante der Grundlagenforschung.

Stalins vierspurige Autobahn zur Atombombe

Der Weg Stalins zur Atombombe gleicht einem vierspurigen Highway, von dessen vier Spuren er nach der Tragödie von Hiroshima nur eine einzige selbst bauen musste. Die erste Spur, die Spionage, wurde bereits im September 1941 durch den Geheimdienst angelegt, als dieser Kenntnis vom britischen Projekt „Tube Alloys“ zur Entwicklung von Kernwaffen erlangte. Die zweite Spur bildete ein beispielloser Know-how-Transfer durch deutsche Wissenschaftler und Techniker, die nach Kriegsende in die Sowjetunion verbracht wurden. Als dritte Spur sicherte schließlich das in Deutschland erbeutete Uran die Aufholjagd. Der Aufbau eines neuen Zweiges der Rüstungsindustrie mit einer breit angelegten Forschung in diesem vom Krieg gezeichneten Land stellte die vierte Spur und zugleich den einzigen originären Beitrag der UdSSR zum Bau der Atombombe dar.

Eine undatierte Aufnahme der Wismut-Uranfabrik 95 - vorne sind die Schlemmteiche mit den radioaktiven Abprodukten zu sehen. Abb.: Wismut, LHD

Eine undatierte Aufnahme der Wismut-Uranfabrik 95 – vorne sind die Schlemmteiche mit den radioaktiven Abprodukten zu sehen. Abb.: Wismut, LHD

Datsche für den Brüter-Experten

Als die Sowjetunion, wie eingangs bereits erwähnt, am 29. August 1949 in Semipalatinsk ihre erste Bombe testete, handelte es sich um den exakten Nachbau des amerikanischen Vorbildes einer nach dem Implosionsprinzip arbeitenden Plutoniumbombe. Das Uran für den Kernreaktor, in dem das Plutonium „erbrütet“ wurde, war nach dem Verfahren von Nikolaus Riehl gewonnen worden. Mit dem Stalinpreis, dem Leninorden und der Verleihung des Titels „Held der sozialistischen Arbeit“ sowie einer komfortablen „Datscha “erhielt Riehl die höchsten Ehrungen und Prämien aller bei diesem Vorhaben mitwirkenden deutschen Spezialisten.

3 Pfade zum waffenfähigen Uran

Die Herstellung von bombenfähigem Uran-235 erwies sich zunächst als zu kompliziert, um damit den Sprengstoff für eine Bombe bereit zu stellen. Damals waren mehrere Verfahren zur Isotopentrennung bekannt:

  • das Diffusionsverfahren (Gustav Herz, Nobelpreis 1925; Heinz Barwich, 1956-1964 Direktor des Zentralinstituts für Kernforschung der Akademie der Wissenschaften; Peter Adolf Thiessen, 1957-1965 Vorsitzender des Forschungsrats der DDR),
  • die Ultrazentrifuge (Max Steenbeck, ab 1965 als Nachfolger von Thiessen Vorsitzender des Forschungsrats),
  • aber auch die elektromagnetische Trennung (Manfred von Ardenne, Eigentümer und Leiter des gleichnamigen privaten Forschungsinstituts mit etwa 500 Beschäftigten),

Dies waren allesamt technologisch höchst anspruchsvolle physikalische Methoden. Sie ließen sich so schnell nicht im industriellen Maßstab realisieren. Der für die Produktion der notwendigen „kritischen Menge“ von Plutonium benötigte Kernreaktor hingegen war relativ einfach zu bauen und zu „handeln“.

Vielen Wismut-Kumpeln war überhaupt nicht bewusst, wie gesundheitsgefährdend ihre Arbeit wirklich war. Dieses Foto entstand um das Jahr 1960 und zeigt einen Wismut-Hauer, der Uran-Erze radiometrisch sortiert. Fotorechte: Wismut GmbH

Vielen Wismut-Kumpeln war überhaupt nicht bewusst, wie gesundheitsgefährdend ihre Arbeit wirklich war. Dieses Foto entstand um das Jahr 1960 und zeigt einen Wismut-Hauer, der Uran-Erze radiometrisch sortiert. Fotograf unbekannt, Fotorechte: Wismut GmbH

Der Uranbergbau der SDAG Wismut

Das Uran, den Ausgangsstoff für die Herstellung ihrer Atombomben, bezog die UdSSR in großen Mengen aus der DDR. Die im Mai 1947 unter dem Tarnnamen „Wismut“ gegründete Aktiengesellschaft richtete in dicht besiedelten Gebieten Sachsens und Thüringens militärische Sperrbezirke ein, in denen ohne Rücksicht auf Mensch und Natur Uran gefördert und zum Transport in die Sowjetunion aufbereitet wurde. Als weltweit größtes Uranbergbauunternehmen hatte die Wismut AG bereits im September 1949 eine Mitarbeiterzahl von 140.119 erreicht und erlangte bald den Status eines „Staats im Staate“. Unter den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Ostblocks ließen sich per Dekret Privilegien installieren und soziale Wohltaten ausstreuen. Es gelang aber nicht, die dafür benötigten Mittel selbst zu erwirtschaften. Die „Wismut“ wurde zu einem gewaltigen Zuschussunternehmen.

Strahlender DDR-Beitrag zur Verteidigung des Sozialismus

Als Gerhard Weiss, Stellvertretender Vorsitzender des Präsidiums des Ministerrats der DDR und Ständiger Vertreter im Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe, nach einem Vortrag vor Doktoranden der Bergakademie Freiberg Anfang der 1970er Jahre gefragt wurde, warum die DDR ihr Uran nicht wenigstens zu kostendeckenden Preisen an die Sowjetunion verkaufe, antwortete er unter Verweis darauf, dass die DDR auf eine eigene Rüstungsindustrie verzichtet habe: „Die Lieferung von Uran zu Preisen weit unterhalb des auf dem Weltmarkt Üblichen ist der Beitrag der DDR zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit des sozialistischen Lagers.“

Wismut-Erbe nach der Wende mit Milliarden-Aufwand entsorgt

Nach dem Ende des Uranbergbaus stellte das vereinigte Deutschland mehr als 12 Milliarden DM für die Sanierung von Altlasten zur Verfügung. Hinzu kamen bis zum Jahre 2011 Zahlungen in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro für die von gesundheitlichen Spätfolgen Betroffenen.

Autor: Gerhard Barkleit

Gerhard Barkleit, Foto: Privatarchiv Barkleit

Gerhard Barkleit, Foto: Privatarchiv Barkleit

  • Hinweis: Dieser Beitrag ist bereits in einer etwas anderen Version im Heft Nr. 130 (August 2017) des außenpolitischen Journals „Welt Trends“ erschienen.
  • Über den Autor:

    Gerhard Barkleit wurde 1943 in Ostpreußen geboren. Vor der anrückenden Roten Armee flüchtete die Familie nach Wauden in der Lommatzscher Pflege. Barkleit studierte ab 1962 an der TU Dresden Physik. Er promovierte und war als wissenschaftlicher Assistent an der Bergakademie Freiberg tätig. 1973 wechselte er an das Zentralinstitut für Kernforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR in Rossendorf bei Dresden. Ab 1983 arbeitete er im Mikroelektronik-Forschungszentrum ZfTM (ZMD) in Dresden-Klotzsche. Nach der Wende wurde er Journalist bei den Dresdner Neuesten Nachrichten. Ab 1992 war er am neugegründeten Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden tätig. 2008 ging er in Rente.

    Publiziert hat Gerhard Barkleit neben seinen physikalischen Schriften u.a. eine Manfred-von-Ardenne-Biografie, außerdem über die Mikroelektronik und über die Kernforschung der DDR.