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Kommentar: Europa-Foundry könnte mit 450-mm-Fab mehr anfangen als ein „Chip-Airbus“

Montage: Alexander Eylert

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Foto: Ronny Siegel

Foto: Ronny Siegel

Die Spitzenvertreter von Europas Halbleiterbranche haben beim Gipfeltreffen ISS in Italien den Vorschlag eines „Airbus für Chips“ mit Ja und Amen begrüßt. Sicher hat die Idee Charme, die europäische Mikroelektronik zu einem Mega-Verbund zusammenzuschließen, um gemeinsam Herausforderungen wie 450-mm-Fabriken und EUV-Belichtung zu stemmen. Immerhin haben die deutschen, französischen und britischen Flugzeugbauer dem Konkurrenten Boeing erhebliche Marktanteile abnehmen können, nachdem sie sich ab 1970 zum Airbus-Konsortium zusammen taten. Ob dasselbe heute und in der Mikroelektronik wiederholbar ist, bleibt offen. Wenn Europa diese Technologieschritte wirklich gehen will, dann aber wohl eher nicht mit einem „Airbus“-Projekt, das für die Industriepartner extrem riskant wäre. Richtig Sinn hätten 450-mm-Chipfabriken wäre nur für eine „Europa-Foundry“. Warum, versuchen wir nachfolgend zu beantworten.

Kann Europa 450-mm-Chipwerke und EUV technologisch stemmen?
Blick in den Reinraum des belgischen Mikroelektronik-Forschungszentrums "IMEC" in Löwen (Leuven), das nun auch zur Allianz "Silicon Europe" gehört. Abb.: IMEC

Blick in den Reinraum des belgischen Mikroelektronik-Forschungszentrums “IMEC” in Löwen (Leuven), das nun auch zur Allianz “Silicon Europe” gehört. Abb.: IMEC

Zweifelsfrei: Ja: Viele Spitzeninstitutionen und -firmen der Wertschöpfungskette für ein modernes Halbleiterwerk sind in Europa ansässig, man denke nur an ASML (Belichter etc.), Aixtron (Reinraum-Infrastruktur), M+W (Fab-Generalausrüster) oder die Forschungsaktivitäten an 450-mm-Wafern, Masken und EUV-Optiken bei Fraunhofer, AMTC Dresden oder im IMEC in Belgien. Auch in der Automatisierungstechnik gibt es einiges Know-How in Europa.

Ist das in Europa auch finanzierbar?

Hier fällt die Antwort weniger eindeutig aus: Die zehn Milliarden Dollar pro 450-mm-Fab mögen bisher nur eine Schätzung sein, fünf Milliarden Euro sind aber sicherlich die Investitions-Untergrenze für eine solche Fabrik in profitabler Größe. Soviel Kapitalreserven hate kein einzelnes europäisches Chipunternehmen. Sollten sich aber die Großen wie Infineon, ST Microelectronics, IMEC, LETI und vielleicht gar Globalfoundries für einen „Chip-Airbus“ zusammen tun, würden sich die Finanzierungschancen verbessern.

Aber auch dann wäre ein erheblicher Subventionsbeitrag – wohl in der Größenordnung um eine Milliarde Euro – durch die EU und den Gastgeberstaat nötig. Unter fachlichen Gesichtspunkten mag da der Standort Dresden sinnvoller sein. In Frankreich hätte solch ein Projekt aber wohl bessere Beihilfe-Chancen, da der französische Staat traditionell stärker zu Subventionen und zentral gesteuerter Wirtschaftspolitik neigt.

Wäre ein staatliches Engagement wirtschaftspolitisch sinnvoll?
Blick in eine Fabrik von TSMC - das taiwanesische Unternehmen ist die weltweit größte Chip-Foundry. Abb.: TSMC

Blick in eine TSMC-Fabrik. Abb.: TSMC

Darüber kann man schon trefflich streiten. Die alten Argumente um „Störfreimachung“ und Autarkie mögen in Zeiten der Globalierung sinnlos anmuten, spielen in der Diskussion aber durchaus eine Rolle. Denn die Industrien wie Automobil- und Maschinenbau, an denen in Europa Hunderttausende Arbeitsplätze hängen, sind sehr wohl darauf angewiesen, an allerneueste Mikrokontroller, Mikroelektromechanische Systeme und andere hochintegrierte Elektronik heranzukommen. Neueste dRAM-Speicher zu bekommen, gilt angesichts des chronischen Überangebots in diesem Marktsegment derzeit als kein Problem. Etwas anders könnte dies mittelfristig aber bei Flash-Speichern und bestimmten Logik-Chips aussehen. Man denke nur daran, wie sich ATI, Nvidia und andere sich immer wieder darum drängeln müssen, wer seine Chips auf den modernsten Taktstraßen in den TSMC-Megafabs in Taiwan zuerst fertigen lassen darf. Da entscheidet sich ein Auftragsfertiger (Foundry) gern mal für den größten Kunden – und der sitzt eher nicht in Europa, sondern zum Beispiel in Cupertino.

Andererseits zeigen die Erfahrungen der vergangenen 30 Jahre mit prestigeträchtigen Stärfreimachungs-Projekten immer wieder: Da wird viel Steuergeld reingepumpt, oft genug haben solche staatlich protegierten Projekte aber letztlich eine kurze Halbwertszeit: Man denke nur an das „Mega“-Projekt bei Siemens, das letztlich in der Qimonda-Pleite mündete.

Hat ein „Airbus“-Konsortium für die Unternehmen selbst Sinn?

Ein ernsthaftes Interesse von Infineon oder ST an einem Zusammenschluss oder überhaupt auch nur an einer 450-mm-Fabrik ist ausgesprochen fraglich. Beide haben sich längst auf Spezialchips orientiert, die eher in vielen kleinen Serien als in einer ganz großen aufgelegt werden. Aus gutem Grund ist Infineon – mit wenigen Ausnahmen wie jetzt in Dresden – noch nicht einmal auf 300-mm-Wafer umgestiegen, der Kapitaleinsatz lohnt einfach nicht. Dass so viele Spitzenvertreter jetzt auf dem ISS den „Airbus for Chips“-Vorstoß seitens der EU begrüßt haben, dürfte wohl vor allem dem Hintergedanken geschuldet sein, dass dann EU-Beihilfen in Größenordnungen winken.

Sollte Europa dann besser auf 450-mm-Fabriken ganz verzichten?

Solch eine Megafab hat nur für eine Massenproduktion Sinn. Der Speicherchip-Konzern Qimonda war das aber letzte rein europäische Unternehmen, das Produkte fertigte, für die eine 450-mm-Fab wirklich gelohnt hätte. Der Zug ist mit der Qimonda-Pleite 2009 abgefahren – die im Übrigen auch gezeigt hat, dass sich angesichts der davongaloppierenden Kapitalkosten für neue Chipwerke wohl nur noch die allergrößten Konzerne dauerhaft in diesem Segment behaupten können.

Blick in die hochautomatisierte Dresdner Chipfabrik 1 von Globalfoundries. Sie ist das Rückgrat des Unternehmens für die technologisch besonders anspruchsvollen Aufträge. Neben der früheren Muttergesellschaft AMD hat der Auftragsfertiger nun zahlreiche andere Kunden und dies hat für erhebliches Wachstum gesorgt. Abb.: Foto: Applied Materials

Blick in die hochautomatisierte Dresdner Chipfabrik 1 von Globalfoundries. Abb.: Foto: Applied Materials

Betriebswirtschaftlich am sinnvollsten und besonders schonend für den Steuerzahler ist von daher wohl die Foundry-Lösung für die Europäer: Sie konzentrieren sich auf das, was sie am besten können, nämlich ingenieurtechnisch besonders anspruchsvolle Spezialhalbleiter und lassen die dann bei den großen Auftragsfertigern produzieren, die ohnehin auf eigenes Risiko 450-mm-Großfabriken bauen.

Etwas anderes wäre es, wenn Europa sich eine eigene Spitzen-Foundry hochpäppeln würde. An diesem Punkt kommt Globalfoundries (GF) ins Spiel. Zwar verlagert das US-Unternehmen seinen Schwerpunkt in jüngster Zeit wieder stark in Richtung Heimat. Aber wenn die EU-Kommission sich dazu überwinden würde, mal eine Milliarde weniger für Agrarsubventionen auszugeben und dieses Geld statt dessen GF im Verbund mit potenten europäischen Partnern auf den Tisch zu legen, könnte Europa durchaus noch seine 450-mm-Fabrik bekommen.

Und dies wäre auch mehr als nur ein Prestigeprojekt, sondern könnte arbeitsmarktpolitisch, wirtschaftspolitisch und betriebswirtschaftlich durchaus sinnvoll sein. Denn GF hat mittlerweile so viele Kunden, dass es eine 450-mm-Fab ausgelastet bekäme. Wegen des hohen Automatisierungsgrades würde solch ein Werk vielleicht nicht unbedingt x tausend direkte Jobs schaffen, die mittelbaren Auswirkungen für Auftragslage, Personal und Technologieniveau von Zulieferern, Partnern und Kunden wären aber immens. Dass Globalfoundries solch einer Lösung nicht abgeneigt ist, hat das Unternehmen bereits anklingen lassenHeiko Weckbrodt

Zum Weiterlesen:

Europas Halbleiterindustrie will “Airbus für Chips”

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