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Aufrechter Gang war auch in der DDR möglich

Studentenalltag in der DDR. Aus: Zwischen Humor und Repression

Studentenalltag in der DDR. Aus: Zwischen Humor und Repression

Sammelband „Zwischen Humor und Repression“ skizziert in Zeitzeugenberichten den DDR-Alltag an der TUD und anderen Unis

Die politisch gesetzten Grenzen und praktischen Spielräume an Universitäten zu DDR-Zeiten versuchen die Herausgeber Rainer Jork und Günter Knoblauch in ihrem neuen Sammelband „Zwischen Humor und Repression – Studieren in der DDR“ auszuloten. Darin schildern 84 ehemalige Studenten und Dozenten ihre Erlebnisse an der Technischen Universität Dresden (TUD) und weiteren ostdeutschen Unis vor der Wende. In verdienstvoller Fleißarbeit haben die Herausgeber diese subjektiven Erinnerungen durch zeitgeschichtliche Anmerkungen, Erläuterungen und einen Anhang über studentische Kultur in der DDR ergänzt.

Obgleich Jork und Knoblauch auf eine theoretische Kommentierung verzichten, wird doch deutlich: Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, ob und wie man sich verbiegen musste, um in der DDR zu studieren. Eher gibt es viele Antworten, die vom konkreten Fall, von Ort und Zeit sehr stark abhängen.

„Als Christ überall beschnitten und meiner Grundrechte beraubt“

Beispielhaft sei der Maschinenbauer Gerhard Hönisch genannt, dem die Partei in den 1950ern und 60ern immer wieder beruflich Steine in den Weg legte, dessen Telefon nach eigener Einschätzung überwacht wurde und der erst nach der Wende die längst fällige Professur bekam. Oder der Chemiker Gerhard Wedekind, der kurz vor dem Mauerbau in den Westen flüchte, weil er sich vom „ungerechten, heimtückischen und gefährlichen“ DDR-Staat als Christ „überall beschnitten und meiner Grundrechte beraubt“ sah.

Offiziell mussten sich die Studenten zur "Linie" der SED bekennen - wobei das im Alltag mehr oder minder ein Aushandlungsprozess war. Aus: Zwischen Humor und RepressionOffiziell mussten sich die Studenten zur "Linie" der SED bekennen - wobei das im Alltag mehr oder minder ein Aushandlungsprozess war. Aus: Zwischen Humor und Repression

Offiziell mussten sich die Studenten zur „Linie“ der SED bekennen – wobei das im Alltag mehr oder minder ein Aushandlungsprozess war. Aus: Zwischen Humor und Repression

„Für mein Leben als eine Bereicherung“

Und da gab es die anderen wie den Informatiker Ralf Anders, der sein Studium in den 1980ern an der TU Dresden „für mein Leben als eine Bereicherung“ empfand, obwohl auch er zeitweise dünn am Rande zur Exmatrikulation aus politischen Gründen wandelte. Oder Joachim Klose, der es schaffte, seinen Wehrdienst als Bausoldat zu absolvieren – und es dennoch ein Physikstudium bekam.

Mit dem Mauerbau änderten sich die Spielregeln

Versuche, Studenten wie Lehrkräfte auf SED-Linie zu bringen, gab es zu allen Zeiten, das spiegelt sich klar in den Zeitzeugen-Berichten. Meist durch eine Politik der vielen kleinen Nadelstiche von vielen Seiten, durch „Zuckerbrot und Peitsche“. Eher selten durch massive, offensichtliche Sanktionen. Deutlich ist indes die Zäsur 1961: Noch in den Berichten aus den 1950ern findet sich oft Fundamentalopposition zum kommunistischen Regime – zu einer Zeit also, als es noch die Alternative gab, „in den Westen abzuhauen“, wenn es Stasi und SED zu bunt trieben. Nach dem Mauerbau dominierte hingegen in der weitgehend abgeschotteten Blase namens DDR der ständige Aushandlungsprozess zwischen Herrscherkaste und Beherrschten, was an Kritik „gerade noch erlaubt“ war und was nicht.

Studentenalltag in er DDR, Aus: Studieren in der DDR. Abb.: Mitteldeutscher VerlagStudentenalltag in er DDR, Aus: Studieren in der DDR. Abb.: Mitteldeutscher Verlag

Studentenalltag in er DDR, Aus: Studieren in der DDR. Abb.: Mitteldeutscher Verlag

„Verhandlungsraum zwischen minimalem Kompromiss und vorauseilendem Gehorsam“

Dieser Verhandlungsraum sei „der zwischen minimalem Kompromiss und vorauseilendem Gehorsam“ gewesen, meint der bereits erwähnte Katholik und Physiker Joachim Klose. „Jeder Einzelne hat zu verantworten, wie sehr er sich auf das System eingelassen hat.“ Gleichzeitig ist er überzeugt: Ja, es war „möglich, in der DDR aufrecht zu gehen“.

Die hier zitierten Beispiele deuten es schon an: „Zwischen Humor und Repression“ zeichnet eher ein heterogenes Puzzle als ein geschlossenes Gesamtbild über den universitären Alltag im SED-Staat. Wünschenswert wäre, dieses noch unrepräsentative Wimmelbild durch Zeitzeugenberichte aus weiteren ostdeutschen Unis und Hochschulen zu ergänzen.

Ursprung war Tagung an der TU Dresden

Seine Dresden-Lastigkeit erklärt sich aus den Ursprüngen des Bandes: Entstanden war dieses Konvolut nach einer TUD-Tagung im Jahr 2009, die sich mit politischen Urteilen gegen Studenten in Dresden beschäftigte. Damals hatten der damalige TUD-Rektor Prof. Hermann Kokenge wie auch Tagungs-Leiter Jürgen Engert dafür plädiert, Berichte über Einzelschicksale zu sammeln und zu einer Dokumentation über den universitären Alltag im 20. Jahrhundert zusammenzufügen.

Grautöne statt Schwarz-Weiß

Repräsentativ mag daraus entstandene Anthologie nicht sein, wie DDR-Forscher Prof. Eckhard Jesse schon im Vorwort betont. Auch ist dieser Band kein „Erklärbuch“ aus einem theoretischen Guss. Aber als Quellensammlung für weitere Forschungen ist sie von unschätzbarem Wert. „Das Sammelwerk vermeidet beides: Dämonisierung und Verharmlosung der universitären Kaderschmiede“, meint Eckhard Jesse. „Grautöne überlagern oft Schwarz-Weiß-Bilder.“

„Zwischen Humor und Repression – Studieren in der DDR“, Hsg.: Rainer Jork und Günter Knoblauch, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2017. ISBN: 978-3-95462-897-1

Studieren in der DDR. Abb.: Mitteldeutscher Verlag

Studieren in der DDR. Abb.: Mitteldeutscher Verlag

Tipp: Am 24. November 2017 stellt Herausgeber Dr. Rainer Jork ab 17 Uhr das Buch „Zwischen Humor und Repression“ in der „bühne – das Theater der TUD“ am Weberplatz vor.

Autor: Heiko Weckbrodt

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