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Stasi-U-Haft Dresden: Suizidversuch mit dem Plaste-Messer

Ein Wärter durchsucht einen U-Häftling. Aus einem Stasi-Lehrmaterial. Abb. aus: Heiko Neumann: Und die hatten dann irgendwie meinen Willen gebrochen

Ein Wärter durchsucht einen U-Häftling. Aus einem Stasi-Lehrmaterial.
Abb. aus: Heiko Neumann: Und die hatten dann irgendwie meinen Willen gebrochen

Historiker beleuchtet in Buch den Gefängnis-Alltag an der Bautzner Straße

Ein bedrückendes Kapitel Dresdner Diktatur-Geschichte hat der Historiker Heiko Neumann als Master-Abschlussarbeit an der TU Dresden aufgearbeitet: Anhand bisher unveröffentlichter Interviews mit Häftlingen, aber auch mit Hilfe von Stasi-Akten hat er das Haftregime und die Vernehmungspraxis in der Dresdner Untersuchungs-Haftanstalt der Stasi untersucht. Unter dem Titel „Und die hatten dann irgendwie meinen Willen gebrochen“ hat er die Ergebnisse nun als Publikation der „Gedenkstätte Bautzner Straße“ veröffentlicht.

Stasi-Leute brauchten Folter nicht

Und dieses 180 Seiten umfassende und gut illustrierte Buch zeigt: Je mehr sich das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ab den 1960er Jahren professionalisierte und je mehr die DDR um internationale Anerkennung rang, umso weniger waren die Verhörspezialisten und Wärter an der Bautzner Straße auf physische Gewalt angewiesen, um U-Häftlinge zum Reden zu bringen. Vielmehr perfektionierte die Dresdner Stasi-Bezirksverwaltung in ihrer Haftanstalt immer weiter die Prinzipien von Isolation, Desorientierung und Psychotricks. Auf eine Tortur verzichteten sie allerdings bis zuletzt nicht: Schlaf-Entzug.

Ein Barkss - mutmaßlich ein Gefangenentransporter - bei der Einfahrt in die Bezirksverwaltung Dresden des MfS. Das Bild wurde für Stasi-Schulungszwecke gestellt. Abb. aus: Heiko Neumann: Und die hatten dann irgendwie meinen Willen gebrochen

Ein Barkss – mutmaßlich ein Gefangenentransporter – bei der Einfahrt in die Bezirksverwaltung Dresden des MfS. Das Bild wurde für Stasi-Schulungszwecke gestellt. Abb. aus: Heiko Neumann: Und die hatten dann irgendwie meinen Willen gebrochen

Die ganze Nacht verhört

„Die ganze Nacht verhört … völlig am Ende … Dann hab ich gedacht: , ja jetzt sitz ich hier drinnen. Meine Mutter wusste es nicht, ja wer kümmert sich jetzt um mich … Und da hab ich wirklich realisiert, dass ich der Diktatur völlig hilflos ausgeliefert bin … Und dann habe ich gedacht: Was soll das Ganze? Und dann habe ich versucht mit den Plastikmessern, die es da gab, mir die Pulsadern aufzuschlitzen. Ist mir natürlich nicht gelungen, ist klar.“

Das Stasi U-Hafthaus an der Bautzner Straße soll Teil des Dresdner "Campus' der Demokratie" werden. Abb.: hw

Das Stasi U-Hafthaus an der Bautzner Straße. Abb.: hw

Entmenschlicht und isoliert

Die das Jahre später in einem Zeitzeugen-Interview erzählt hat, heißt Dagmar Göbert. Nach einem Fluchversuch am Checkpoint Charlie in Berlin verhaftet, kassieret die Stasi die damals 28-jährige Kybernetikerin im Jahr 1976 ein. Neun endlos erscheinende Monate brachte die junge Frau in der Dresdner MfS-U-Haft zu, wurde zeitweise gar in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Entmenschlicht habe sie sich dort gefühlt, gab sie nach der Wende zu Protokoll, entwürdigt und isoliert.

Stasi-Festung war ursprünglich eine Karton-Fabrik

Und dies war kein Einzelfall, sondern hatte System: Tausenden Menschen erging es ähnlich wie Dagmar Göbert in der Stasi-Festung auf dem Dresdner Elbhang. Etwa 8000 Häftlinge saßen hier zwischen 1953 und 1989 mehr oder minder lange ein, schätzt Autor Heiko Neumann. Ursprünglich entstanden war das Hauptgebäude bereits 1882. Damals ließ der Unternehmer Jean Scherbel den später sogenannten „Heidehof“ als Kartonagen-Fabrik bauen. 1932 wurde der Komplex zum Wohnhaus umgebaut.

Justin Wolfram (links) als Stasi-Offizier Wolf und Mike Imre als verhafteter Bergmann im Kammerspiel "Das Verhör", das gestern Abend im Stasi-Hafthaus an der Bautzner Straße in Dresden premiere hatte. Foto (bearbeitet): Heiko Weckbrodt

Jugendliche arbeiten die DDR-Vergangenheit mit einem Theaterstück im U-Haft-Haus auf: Justin Wolfram (links) als Stasi-Offizier Wolf und Mike Imre als verhafteter Bergmann im Kammerspiel „Das Verhör“, das im Stasi-Hafthaus an der Bautzner Straße in Dresden zu sehen war. Foto (bearbeitet): Heiko Weckbrodt

NKWD nistete sich am Elbhang ein

Nach dem Krieg quartierte sich im Heidehof und den Nachbarvillen unter anderem die sowjetische Geheimpolizei ein. Sie funktionierte den Keller zum finsteren Untersuchungsgefängnis um, von Insidern auch „Fuchsbau“ genannt. Die roten „Sicherheitsorgane“ machten hier oft kurzen Prozess und töteten Insassen teils ohne Gerichtsprozess.

Stasi baute Komplex immer weiter aus

1953 übergaben die „Freunde“ das Areal an die noch junge ostdeutsche Stasi. Die erweiterte den Komplex in den folgenden Jahren mehrfach. Sie fügte 1958 und Anfang der 1980er Jahre Erweiterungsbauten an, stellte 1954 auch ein für damalige Verhältnisse modernes Hafthaus fertig. Folter im klassischen physischen Sinne des Wortes setzten die MfS-Verhörer und Wärter laut den Befunden von Heiko Neumann anscheinend nicht ein. Schlafentzug, überlange Verhöre bis in die Nacht, Lügen, ein anfangs recht rüdes Haftregime und allerlei Psychotricks gehörten aber zum U-Haft-Alltag.

Störgeräusche im Klo und Isoliersignale in den Gängen

Um die Gefangenen weiter zu verwirren, bauten die Tschekisten beispielsweise später auch eine Fahrzeugschleuse mit eigenen Interimszellen an das Hafthaus. Dadurch wussten viele nach Verhaftung und Fahrt im geschlossenen Gefangenen-Transporter nicht, wo sie sich überhaupt befanden. Stolze Stasi-Neuerer versahen Klo-Leitungen mit Geräuschgebern, damit sich die Insassen nicht durch die Rohre von Zelle zu Zelle unterhalten konnten. Die Gänge waren mit Signalanlagen gesichert, die verhindern sollten, dass sich Häftlinge unterwegs sahen. Und wenn manche aus Verzweiflung schrieen, ließen die Wärter sie manchmal gewähren – mutmaßlich, um in anderen Häftlingen die Angst zu nähren, in diesem Gefängnis werde vielleicht doch gefoltert.

Letztlich gestanden fast alle

„Was bis in die 1980er Jahre hinein bei einigen Häftlingen blieb, war das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Schutzlosigkeit gegenüber der Staatsmacht, von der man im Vorfeld nur unbestimmte Ahnungen hatte“, resümiert der Historiker Neumann. „Fast alle Beschuldigten verhielten sich letztendlich kooperativ und geständig – selbst wenn sie nicht alle gewünschten Informationen preisgaben.“

Repro: Gedenkstätte Bautzner Straße Dresden

Repro: Gedenkstätte Bautzner Straße Dresden

Heiko Neumann: „Und die hatten dann irgendwie meinen Willen gebrochen – Haftregime und die Vernehmungspraxis in der MfS-U-Haft Bautzner Straße Dresden 1953 – 1989“, Sachbuch, Hsg.: Gedenkstätte Bautzner Straße Dresden, Dresden 2016, zehn Euro, 180 Seiten, ISBN 978-3-9816421-3-1, erhältlich über die Gedenkstätte

Autor: Heiko Weckbrodt

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