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Die Welt ist ein unterirdischer „Silo“

Juliette in einer Comic-Adaption von "Silo". Abb.: Jet City Comics

Juliette in einer Comic-Adaption von „Silo“. Abb.: Jet City Comics

US-Autor Hugh Howey entwirft in seiner Sci-Fi-Dystopie eine Diktatur auf 150 Etagen

Die Welt ist ein Silo, 150 Stockwerke tief in die Erde gegraben. Ein paar Hundert oder Tausend Menschen leben darin, wer weiß das schon genau? Die Bürgermeisterin vielleicht oder der Silo-Sheriff ganz oben, in der obersten Etage, direkt unter der Erdoberfläche. Oder die IT-Abteilung mit ihren immer brummenden Servern im 34. Sub-Stockwerk. Die Mechaniker, Versorgungsarbeiter und Hydroponik-Gärtner in den unteren Etagen, die so gut wie nie in ihrem Leben den mühsamen Aufstieg über die schier endlose Wendeltreppe wagen, bestimmt nicht. Juliette ist eine von ihnen – und sie ist anders. Sie beginnt Fragen zu stellen, fragt, woher die IT-Abteilung ihre allesbeherrschende Macht im Silo bezieht. Wozu die tödlichen „Reinigungen“ gut sind, bei denen aufmüpfige Silosklaven in nutzlosen Schutzanzügen in den Tod auf die Oberfläche geschickt werden. Warum Menschen sterben, die Fragen stellen, so wie sie. Erzählt wird diese klaustrophobisch-dystopische Sci-Fi-Story über die Menschheit nach der Apokalypse von Hugh Howey. Und sein Buch „Silo“ ist in mehrerer Hinsicht etwas ganz Besonderes.

Werbevideo (Piper-Verlag):

Elektronischer Eigenvertrieb statt Verlag

Hugh Howey. Foto: PR

Hugh Howey. Foto: PR

Dieses Besondere beginnt mit der Publikationsform: Statt sich mit seinem Plot an einen großen Verlag zu wenden, veröffentlichte der ehemalige Matrose, Dachdecker und Buchhändler sein „Silo“ im Eigenvertrieb über Amazon als eBuch, gab diese elektronische Eigenpublikation auch nicht aus der Hand, als die Verlage den Erfolg der Serie witterten und die Rechte kaufen wollten. Immerhin hat der heute 39-jährige US-Autor inzwischen Lizenzen für gedruckte Ausgaben vergeben, so dass „Silo“ nun auch in einer deutschen Übersetzung im Piper-Verlag erhältlich ist.

Jeder Sklave der IT findet ein Puzzleteil – und stirbt

Aber dass Howeys „Silo“ so fasziniert, liegt natürlich nicht an der Publikationsform, sondern an der dichten Story und der stilistischen Sicherheit des Amerikaners. Denn machen wir uns nichts vor: Viele Science-Fiction-Romane, die heute erscheinen, sind holprig geschrieben, beschränken sich darauf, mit Technokrimskrams zu blenden. Nicht so im „Silo“: Howey meißelt in jedem Kapitel die Persönlichkeit eines anderen Silo-Bewohners gekonnt heraus, seine Biografie unter der Erde, seine Antriebe, seine Ängste. Und jeder von seinen Protagonisten legt ein paar Puzzle-Teile um das Silo-Geheimnis für den nächsten an die richtige Stelle, bevor er oder sie (meist) über den Jordan beziehungsweise in den oberirdischen Tod geht.

Fazit: Unerwartet stilsicher

Abb.: Piper-Verlag

Abb.: Piper-Verlag

Wahrscheinlich hat der Autor nicht die besten Erfahrungen mit IT-Abteilungen gemacht. Denn die sind in seiner Dystopie die wahren Horte des Bösen. Sehr gekonnt und geschliffen lässt uns Howey derweil seine Alltagshelden mit jedem Satz immer ans Herz wachsen – um sie dann erbarmungslos wie ein George R. R. Martin in den Tod zu schicken. Aber gerade dies macht Silo so dramatisch, so bedrückend. Echte Literatur eben und nicht nur Sci-Fi-Geblödel. Autor: Heiko Weckbrodt

Hugh Howey: „Silo“ (Original: “Wool”), Science Fiction, USA 2013, deutsche Ausgabe: Piper-Verlag, München 2013, eBuch: neu Euro, ISBN 978-3-492-96142-4, Leseprobe hier

 

Zum Weiterlesen:

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