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Dresdner Wirtschaft tritt auf der Stelle

Wirtschaftskraft und Zuwanderung werden sich immer mehr auf wenige Zentren konzentrieren, sagen die ifo-Forscher. Abb.: Anja Upmeier/LHD

Dresden Abb.: Anja Upmeier/LHD

Seit 2006 stagniert BIP in der Stadt, SPD fordert neue Wachstumsstrategie

Peter Lames. Foto: SPD Dresden

Peter Lames. Foto: SPD Dresden

Dresden, 9. Januar 2014: Weil die Dresdner Wirtschaft seit Jahren stagniert – und damit auch die Gewerbesteuer-Einnahmen – hat die SPD-Fraktion im Stadtrat eine neue Wachstumsstrategie von der Stadtverwaltung gefordert. Insbesondere sei es notwendig, den vakanten Chefposten im Amt für Wirtschaftsförderung, das seit geraumer Zeit von Wirtschaftsbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) in Personalunion mitgeleitet wird, endlich wieder zu besetzen. Ebenso müsse sich das Rathaus einen langfristigen Plan für den Einsatz von EU-Fördergeldern zurechtlegen. „Dresden braucht wieder mehr Wachstum“, so die Fraktion. „Ansonsten stehen mit dem Auslaufen des Solidarpakts schwere Zeiten bevor.“

Sozis setzen auf Hightech und Kreativwirtschaft

Er wolle die bisherigen Anstrengungen des Wirtschaftsdezernats keineswegs klein reden, betonte Fraktionschef Peter Lames. „Aber die gewollten Effekte, nämlich Wirtschaftskraft, Arbeitsplätze und Steuerkraft für Dresden wurden eben nicht im gewünschten Umfang erzielt“, sagte er. Gerade Wirtschaftsbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) könne sich durchaus aktiver für neue Wachstumsimpulse einsetzen. So seien beispielsweise für einen langfristig konzipierten Einsatz von EU-Fördermitteln die Schwerpunkte Hochtechnologie – von der Forschung bis zur Produktion – wie auch eine Ankurbelung der hiesigen Kultur- und Kreativwirtschaft vorstellbar. Wenn die Verwaltung Erfahrungsträger aus den eigenen Reihen, Forscher und Kreative aus Dresden zusammenbringe, könnten sich ganz neue Ideen und Weltmarktführer in der Nische daraus entwickeln.

Bürgermeister: Mittelstand wächst

Dresdens amtierender OB Dirk Hilbert. Abb.: LHD Dresden

Dirk Hilbert. Abb.: LHD

Hilbert selbst sieht das etwas anders: „Der Dresdner Wirtschaft geht es gut und sie wächst stetig“, erklärte der Bürgermeister schriftlich auf eine Oiger-Anfrage.. Laut einer eigenen Analyse seines Geschäftsbereichs hätten die 100 größten Unternehmen in Dresden „fast 20 Prozent mehr Umsatz und knapp 17 Prozent mehr Mitarbeiter“ als vor der Weltwirtschafts- und der Chip-Krise (2008/2009). „Wir schätzen die Lage sehr positiv ein, der Mittelstand wächst weiter organisch.“

Und: „Unsere Wirtschaftsförderung hat in den letzten drei Jahren durchschnittlich pro Jahr ca. 50 Erweiterungsvorhaben betreut und abgeschlossen. Mit diesen Erweiterungen wurden jeweils zwischen 2500 und 3000 Arbeitsplätze in Dresden gehalten bzw. neu geschaffen. Parallel wurden jeweils pro Jahr mehr als 10 Unternehmen mit jeweils 150 Arbeitsplätzen neu angesiedelt.“

Dresdner Bruttoinlandprodukt verharrt um die 15 Mrd. €

Die SPD stützt sich allerdings in ihrer Analyse auf Statistiken, die ihr ebenfalls die Stadtverwaltung auf Anfrage zur Verfügung gestellt hat. Aus denen geht unter anderem hervor – und das hat die Oiger-Redaktion auch an der Quelle nachgeprüft -, dass das Dresdner Bruttoinlandsprodukt (BIP, Summe aller erzeugten Waren und Dienstleistungen = Wirtschaftsleistung) seit Jahren stagniert. Da die BIP-Berechnung auf kommunaler Ebene kompliziert ist, hinken die entsprechenden Statistiken des „Arbeitskreises Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“ zwar etwas hinterher, aber der Trend ist unübersehbar: Legte das Dresdner BIP in den 1990ern noch gewaltig zu, pendelt es seit etwa 2006 knapp über 15 Milliarden Euro. Im letzten Zähljahr 2011 waren es 15,1 Milliarden Euro – genausoviel wie im Vorjahr. Der positive Aspekt daran ist, dass der gewachsene Mittelstand ganz offensichtlich die Einbrüche durch die Qimonda-Pleite von 2009 kompensiert hat – aber mehr auch nicht.

 

BIP (in Mio. €) für Sachsen und dessen kreisfreie Städte:
200020012002200320042005200620072008200920102011
Sachsen  74,2  76,4  79  80,3  82,8  83,1  86,9  90,6  91,5  88,8  92,4  95,4
Dresden, Stadt  11,6  12,4  13,3  14,1  14,9  14,6  15,1  15,6  15,2  14,6  15,1  15,1
Chemnitz, Stadt  5,8  5,9  6  6  6,1  6,2  6,6  6,9  6,6  6,4  6,6  6,8
Leipzig, Stadt  10,7  11  11,3  11,4  11,4  11,8  12,7  13,2  13,3  13,2  13,8  14,7
Quelle: Arbeitskreis Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder

Auch Gewerbesteuer stagniert

Damit einher geht eine Stagnation der Gewerbesteuer-Einnahmen, die seit 2008 um die 200 Millionen Euro schwanken. Bemerkenswert: Kam von der der Elektronik- und Elektroindustrie im Spitzenjahr 2005 mit 60 Millionen Euro noch der größte Beitrag in den Steuertopf, ist diese Branche inzwischen auf acht Millionen Euro Steuern (2012) abgerutscht.

Das CNT arbeitet mit einer 300-mm-Linie im früheren Qimonda-Reinraum - solche Forschungsbedingungen gibt es europaweit sonst nur selten. Abb.: CNT

Abb.: CNT

Elektronikbranche nicht mehr größter Steuerzahler

Zu mutmaßen ist, dass dazu nicht nur die Insolvenz des großen Qimonda-Chipwerkes, sondern auch rechtliche Umstrukturierungen bei Infineon sowie AMD alias Globalfoundries beigetragen haben. Wegen des Steuergeheimnisses verrät die Stadt dazu aber nichts Näheres.

Qimonda-Pleite kostete Dresden bis zu 13.500 Jobs

Auch Hilbert räumte ein, dass die Qimonda-Pleite 2009 ein großer Rückschlag war. „Damit war der Verlust von ca. 3.500 Arbeitsplätzen direkt und ca. 5.000-10.000 Arbeitsplätze indirekt“, so der Wirtschaftsbürgermeister.

Keine Groß-Investoren mehr

Ein weiterer Grund der Stagnation: Anders als im Nachwendezeit, als vor allem der Freistaat große Fische wie AMD, Infineon und VW für die Landeshauptstadt an Land zog, gab es nach der Jahrtausendwende neue Großansiedlungen dieser Kategorie nicht mehr. Neuinvestitionen wie die von Plastic Logic, Azzurro oder das CNT blieben in ihren Job-Zahlen alle deutlich unterhalb der 1000er Marke, bauten teilweise inzwischen sogar wieder Arbeitsplätze ab oder strichen ganz die Segel. So wurde Transcom World Wide 2008 geschlossen und Tech Team Global hat seinen Sitz 2010 nach Köln verlegt.

Ausgewählte Ansiedlungen in Dresden seit 2004:

Quelle: Amt für Wirtschaftsförderung Dresden

Quelle: Amt für Wirtschaftsförderung Dresden

 

Und zwar gibt es in Dresden durch dessen breite Forschungslandschaft mehr Klein-Gründer als anderswo in Sachsen, aber auch in diesem Segment hat sich das Gründungsfieber abgekühlt. Autor: Heiko Weckbrodt

 

Die 10 größten Betriebe in Dresden nach Mitarbeiterzahl:

DREWAG – Stadtwerke Dresden GmbH

Elbe-Flugzeugwerke GmbH

GlaxoSmithKline Biologicals

Globalfoundries Dresden LLC & Co. KG

Infineon Technologies Dresden GmbH

SAP Deutschland AG &Co. KG, Geschäftsstelle Dresden

T-Systems Multimedia Solutions GmbH

VEM Sachsenwerk GmbH

Veolia Umweltservice Ost GmbH & Co. KG

VON ARDENNE GmbH

 

Cyberport-Hauptsitz im Dresdner Waltdschlösschen-Areal. Foto: Heiko Weckbrodt

Cyberport Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Die 10 größten Betriebe nach Umsatz:

Automobilmanufaktur Dresden GmbH

Cyberport GmbH Dresden

DREWAG-Stadtwerke Dresden GmbH

Elbe-Flugzeugwerke GmbH

f6 Cigarettenfabrik GmbH &Co. KG

Globalfoundries Dresden LLC &Co. KG

InfineonTechnologies Dresden GmbH

SAP Deutschland AG &Co. KG, Geschäftsstelle Dresden

T-Systems Multimedia Solutions GmbH

VON ARDENNE GmbH

(Quelle: Stadtverwaltung Dresden, Creditreform Dresden Aumüller KG für Anfang 2013, Jahresabschlüsse 2012)

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