Geschichte, Wirtschaft
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Robotron: DDR-Computerriese im Spagat

Zwei Ingenieure testen einen "EC 1055"-Rechner im VEB Robotron-Elektronik Dresden. Abb.: Ulrich Häßler, Bundesarchiv, Wikipedia

Zwei Ingenieure testen einen "EC 1055"-Rechner im VEB Robotron-Elektronik Dresden. Abb.: Ulrich Häßler, Bundesarchiv, Wikipedia

Über vier Jahrzehnte ist es nun her, dass einer der größten Computerhersteller des Ostblocks und einer der für den Raum Dresdens prägendsten Arbeitgeber entstand: Am 1. April 1969 gründete die DDR-Wirtschaftsführung das Kombinat Robotron. Es umfasste zuletzt 21 Betriebe mit geografischem Schwerpunkt im Raum Dresden und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), die eine Industrieproduktion von rund 7,3 Milliarden DDR-Mark erwirtschafteten. Zeitweise hatte das Kombinat über 68.000 Menschen in Lohn und Brot. Mit den Rechnern von Robotron kassierte die DDR bei den sowjetischen Freunden saftige Gewinne, die Westerlöse des Riesen hingen jedoch zu 40 Prozent vom Export mechanischer Schreibmaschinen ab. Mit der Währungsunion 1990 wurde diese Schwäche auf den westlichen Märkten zum Fallstrick: Im September 1990 gingen die letzten Lichter bei Robotron aus und ein wichtiges Kapitel Dresdner Industriegeschichte nahm ein treuhandforciertes Ende. Wie wie kam es dazu?

„Im RGW standen wir technologisch vorn“, schätzte der langjährige Robotron-Chefkonstrukteur Curt Gerhard Merkel später im Interview mit dem Autor ein. „Da gab es einen erheblichen technologischen Abstand zur Sowjetunion. Aber mit dem Kerngeschäft von Robotron, der elektronischen Rechentechnik, hatten wir keine Exportchancen in den Westen. Wer hätte schon Computer gekauft, die jeweils eine Generation zurück waren?“

Weltweit führende Position der mitteldeutschen Rechenmaschinenindustrie schwand
Der ab 1959 von Prof. Lehmann in Dresden entwickelte Transistor-Tischrechner D4a gillt als Vorläufer der PCs. Abb.: hw

Der ab 1959 von Prof. Lehmann in Dresden entwickelte Transistor-Tischrechner D4a gillt als Vorläufer der PCs. Abb.: hw

Das war nach dem Krieg noch ganz anders: Damals waren große Teile der deutschen Büromaschinenindustrie in Ostdeutschland konzentriert und diese Werke hatten auf dem Weltmarkt jahrelang eine dominante Position inne gehabt. Nach 1945 jedoch kam zum politischen Systemwechsel eine neue technische Revolution hinzu: Transistoren leiteten die moderne Elektronik ein und für diese noch junge Produktklasse gab es in der DDR keine Zulieferindustrie. So kamen trotz einiger Pioniertaten, wie etwa des Baus des Transistor-Tischrechners D4a (1959-64) durch Professor Nikolas Lehmann in Dresden, die ostdeutschen Elektronikrechner jahrelang kaum  übers Prototypen-Stadium hinaus.

Die DDR-Wirtschaft bekam die komplexe Technologiekette der aufkommenden Elektronik nie völlig in den Griff und dies schmälerte Jahr für Jahr immer mehr die Exportchancen der Rechenmaschinen-Hersteller gen Westen. Dieser Rückstand vergrößerte sich weiter, als ab den 60er Jahren weltweit die Mikroelektronik ihren Siegesmarsch antrat. Forschte die Dresdner „Arbeitsstelle für Molekularelektronik“ zunächst noch an der Spitze mit, kam es nach dem Sturz Walter Ulbrichts 1971 unter Erich Honecker zu massiven Investitionskürzungen sowohl in der jungen Mikroelektronik wie auch im Computerbau.

Die „sozialistischen Konzerne“

Die Kombinatsbildung als Spätausläufer der „NÖSPL“-Politik („Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung“) sollte die Karten neu mischen: Ab Mitte der 60er Jahre versuchten SED-Chef Walter Ulbricht und Wirtschaftslenker Erich Apel eine Art „sozialistischer Konzerne“ zu schmieden, um die „Volkseigenen Betriebe“ in Branchenverbünden auf ökonomisch und technologisch neue Stufen und Fertigungstiefen zu bringen.

Siegfried Junge von der Robotron-AG der Technischen Sammlungen in Dresden zeigt das Eingabemodul des „R300“-Großrechners von Robotron. Der komplette 100-Kilohertz-Computer mit zehn Kilobyte Speicher füllte einen ganzen Raum. Abb.: hw

Siegfried Junge von der Robotron-AG der Technischen Sammlungen in Dresden zeigt das Eingabemodul des „R300“-Großrechners von Robotron. Der komplette 100-Kilohertz-Computer mit zehn Kilobyte Speicher füllte einen ganzen Raum. Abb.: hw

Und einer dieser „sozialistischen Konzerne“ war das Kombinat Robotron. Zunächst vom VEB Rafena in Radeberg aus geleitet, übernahm später, als der heute „Robotron-Gelände“ genannte Gebäudekomplex gegenüber vom Dresdner Rathaus fertig war, der VEB Robotron-Elektronik Dresden die Führung als Stammbetrieb. Primär entwarf, baute und programmierte Robotron zunächst Großrechner wie den „R 300“ (Stückpreis: drei Millionen DDR-Mark) und Geräte der osteuropäischen ESER-Reihe.

Erst recht spät wandte sich das Kombinat ernsthaft den Personalcomputern zu, die weltweit zu einer neuen industriellen Revolution führten. Im Zuge der Wiederentdeckung von Mikroelektronik und Computertechnik durch  SED-Zentralkomitees ab 1976/77. Etwa in dieser Zeit „beschaffte“ die Stasi Konstruktionsunterlagen für den amerikanischen Mikroprozessor Zilog Z 80, den die ostdeutschen Mikroelektroniker recht rasch als „U 880“ nachbauten und verbesserten. Dieser 8-Bit-Prozessor wurde für das folgende Jahrzehnt zum Herzstück vieler DDR-PCs. Parallel dazu wuchs auch das Computerkombinat: Ab 1977 schluckte Robotron das Schwesterkombinat Zentronik und zahlreiche weitere Betriebe, so dass es bis zum Ende der DDR zu einem der größten ostdeutschen Wirtschaftsriesen überhaupt wurde – mit Hauptsitz in Dresden.

Ab etwa 1984 forcierte SED-Wirtschaftssekretar Günter Mittag den Computer-Kurs und seitdem tobte die „CAD/CAM“-Propagandaschlacht – und die Anforderungen an Robotron stiegen. Dass das Kombinat die wachsende PC-Nachfrage im Inland und Ostblock nie decken konnte, hatte viele Gründe. Zu den inneren Systemmängeln der Planwirtschaft kamen der erhebliche Investitionsstau, das US-Technologie-Embargo („CoCom-Liste“) und die Verzettelung der Computerbauer auf viele Plattformen, die teils auf (geklauter und weiterentwickelter) Intel-, teils auf Zilog- und VAX-Chips basierten.

Im Osten hohe Gewinne – doch im Westen waren Robotron-Computer nicht absetzbar
Maren Dose von den Technischen Sammlungen Dresden an einem Robotron.Heimcomputer Z 9001. Abb.: hw

Maren Dose von den Technischen Sammlungen Dresden an einem Robotron.Heimcomputer Z 9001. Abb.: hw

Zwar erwirtschaftete Robotron saftige Gewinne in der SU, im Weltstandsvergleich hinkten die ostdeutschen Computer jedoch der internationalen Entwicklung um – je nach Produktgruppe – fünf bis 15 Jahre hinterher. Und statt dem internationalen Trend zur Spezialisierung zu folgen, verbreiterte Robotron sein Produktportefeuille weiter und weiter. So bauten die Dresdner PCs für den Binnenmarkt auf Basis der Zilog-Technologie, während die SU Rechner auf Intel-Basis orderte.

Auch klappte die Zusammenarbeit im Ostblock nicht wie gedacht, so dass die DDR schließlich selbst Betriebe aufbauen musste, die Festplatten, Diskettenlaufwerke, Plotter und allerlei Zulieferteile herstellten, statt diese wie geplant in Bulgarien, der SU und anderen sozialistischen Ländern zukaufen zu können. Vor allem aber mangelte es ständig an modernen Schaltkreisen, Messgeräten, Leiterplatten, ja selbst Bauarbeitern, so dass Robotron durch immer neue Übernahmen zu einem Gemischtwarenladen wurde, der unmöglich rentabel und innovativ genug werden konnte, um in der Marktwirtschaft bestehen zu können.

Hohe Fertigungstiefe aus der Not heraus

Was vor der Wende eine innere Logik hatte – hohe Fertigungstiefe, um von ständig säumigen Zulieferern unabhängig zu sein, außerdem die Ausrichtung des Produkt-Portefeuilles auf den Inlands- und RGW-Bedarf – rächte sich nach 1989 bitter: Die Treuhand gab der kostenintensiven und technologisch rückständigen Rechnerproduktion in Ostdeutschland keine Chance und wickelte das Kombinat ab.

Dennoch hat der DDR-Computerriese bis heute seine Spuren hinterlassen. Viele Robotroner gründeten nach der Wende eigene Firmen, entwickelten ihre früheren Forschungssprojekte zu (west)marktfähigen Produkten weiter und stellten nicht zuletzt ein wichtiges Arbeitskräfte-Reservoir für das heutige „Silicon Saxony“. Die RDS-Datenbankexperten in Gittersee, die Anlagenbauer von Xenon gleich nebenan, die PC-Monteure von „Coool Case“ in Kaditz, die BuS Elektronik in Riesa sind nur einige Namen in einer langen Reihe von Unternehmen, die direkte oder indirekte Wurzeln bei Robotron haben… Heiko Weckbrodt

 

Zum Weiterlesen: Interview mit dem früheren Robotron-Entwicklungschef Gerhard Merkel

Weitere Infos: AG Robotron im Förderverein der Technischen Sammlungen Dresden

Zurück zum Special „50 Jahre Mikroelektronik in Dresden“

Ausgewählte Kennziffern des Kombinats Robotron (inklusive Zentronik)

1970

1975

1980

1985

1989

Warenproduktion in MIO DDR-Mark

1534

2598

4105

5690

7307

Export SW  in MIO Mark Valutagegenwert

603

1500

1994

2538

3078

Export NSW in MIO Valutamark

54

52

82

98

87

Investitionen in MIO M

414

204

203

280

27

Beschäftigte

57.000

 60.000

 67.000

 68.000

 68.000

Nettogewinn in MIO Mark

854

1060

1325

1786

2385

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