Geschichte, Wirtschaft
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Die teure Jagd auf den Megabit-Chip

Da ist die Freude groß: 1988 drückt Carl-Zeiss-Jena-Chef Wolfgang Biermann (Mitte) Erich Honecker den Megabit-Chip in die Hand. Abb.: ZMD-Archiv

Da ist die Freude groß: 1988 drückt Carl-Zeiss-Jena-Chef Wolfgang Biermann (Mitte) Erich Honecker den in Dresden gefertigten Megabit-Chip in die Hand. Abb.: ZMD-Archiv

1977 entdeckt die SED wieder die Halbleiterei – und startet teure Aufholprogramme

 

Nach den Mikroelektronik-Beschlüssen des Jahres 1977 investierte die DDR-Führung wieder stärker in die Mikroelektronik, die sie immer mehr als Schlüsseltechnologie begriff. Dieser Kurs, der ab 1986 mit Megabit-Chip-Projekt und anderen teuren Vorhaben noch einmal forciert wurde, war nicht unumstritten – aber aus Sicht der Wirtschaftsführung alternativlos. Und von der Expertise, die damals akkumuliert wurde, profitiert Sachsen bis heute.

Von Heiko Weckbrodt

Als Erich Honecker 1971 mit Moskaus Segen Walter Ulbricht die Macht aus den Händen riss, verfolgte er vor allem zwei Ziele: Zum einen sollte die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ die DDR politisch stabilisieren, die sozialistischen Bürger über einen sichtbar steigenden Lebensstandard an den Staat binden. Und zum anderen wollte sich Honecker mit Moskau gut stellen, bloß nicht die „Technobrabbelei“ seines Vorgängers wiederholen, der auch darüber gestolpert war, dass er auf „bürgerliche Spezialisten“ statt auf die Partei hörte.

Honecker holt sich Mittag als rechte „Wirtschafts-Hand“
Germanium-Schmelze in Freiberg. Im VEB Spurenmetalle wurden auch die Silizium-Wafer für die Chipindustrie der DDR und große Teile des Ostblocks produziert. Abb.: Siltronic-Archiv

Germanium-Schmelze in Freiberg. Im VEB Spurenmetalle wurden auch die Silizium-Wafer für die Chipindustrie der DDR und große Teile des Ostblocks produziert. Abb.: Siltronic-Archiv

Doch schon nach wenigen Jahren zeigte sich der Haken an Honeckers Konsumptionskurs: Er musste irgendwie bezahlt werden. Dies wurde durch steigende Rohstoffpreise, das Technologieembargo des Westens und die verschlafene Computerrevolution nicht eben leichter. Und so holte sich Honecker 1976 Günter Mittag wieder als Wirtschaftssekretär in den inneren Zirkel. Dieser hatte zunächst den Reformkurs von Wirtschaftslenker Erich Apel unterstützt, sich aber beizeiten von der „Neuen Ökonomischen Politik“ Apels abgesetzt, als der Wind in Moskau aus einer anderem Richtung zu wehen begann.

Mittag sorgte 1978 bis 1980 nicht nur für den Umbau der DDR-Wirtschaft zur Kombinatsstruktur, sondern hob auch Investitionen und „wissenschaftlich-technischen Fortschritt“ zurück auf die Agenda. Das Mikroelektronik-Plenum des SED-Zentralkomitees 1977 und die Gründung des Kombinats Mikroelektronik Erfurt 1978 waren direkte Folgen dieses Kurswechsels.

Brief von Prof. Volker Kempe an Erich Honecker, 1986: „Die in der Republik hergestellte Rechentechnik bleibt in Menge, Zuverlässigkeit, Leistungsvermögen, Preis, Ausstattung und Software besorgniserregend hinter dem internationalen Stand zurück.“

Weil mehrere Versuche scheiterten, halbwegs zeitgemäße Speicher und Prozessoren aus der Sowjetunion zu beziehen oder mit dem „Großen Bruder“ zu einer Arbeitsteilung zu kommen, baute die Wirtschaftsführung bis in die 80er Jahre hinein eine komplette Prozesskette der Mikroelektronik im Zwergstaat DDR auf – vom Silizium bis zum Computer -, die sich vor allem im heutigen Sachsen und Thüringen konzentrierte.

Chipproduktion im VEB Mikroelektronik Erfurt 1989. Abb.: Hirndorf, Bundesarchiv, Wikipedia

Chipproduktion im VEB Mikroelektronik Erfurt 1989. Abb.: Hirndorf, Bundesarchiv, Wikipedia

Die wichtigsten Glieder dieser aufwendigen Wertschöpfungskette waren der VEB Spurenmetalle Freiberg und das Chemiewerk Nünchritz für das Reinstsilizium, das Kombinat Mikroelektronik Erfurt für die Massenproduktion von Prozessoren und Speichern, das ZMD in Dresden für die Schaltkreisentwicklung, der VEB Elektromat für Chipwerkausrüstung und – vor allem ab 1986 – das Kombinat Carl Zeiss Jena, wobei die Aufgabenverteilung über die Jahre immer wieder etwas wechselte. Wichtige Endprodukte wurden unter anderem bei Robotron Dresden, Karl-Marx-Stadt und Sömmerda (Computer) und in den Heckert-Werken Karl-Marx-Stadt (Werkzeugmaschinen) gefertigt.

Trotz beachtlicher ingenieurtechnischer Leistungen Rückstand nicht aufgeholt

Trotz durchaus beachtlicher ingenieurtechnischer Leistungen vermochte es die „Insel DDR“ aber nicht, den Rückstand zum Westen in der Halbleiterei aufzuholen. Und was sie an Ressourcen in die Mikroelektronik hineinpulverte, fehlte dann anderen Wirtschaftszweigen. Dieses Dilemmas waren sich viele Funktionäre im inneren Zirkel sogar bewusst, doch sie sahen kaum eine Alternative: Ohne Prozessoren und Speicher fehlte es zum Beispiel an modernen Maschinensteuerungen und das machte traditionelle DDR-Exportgüter wie Werkzeugmaschinen nur noch zu Schleuderpreisen im Westen absetzbar. Auch in anderen Branchen wurde die ostdeutsche Exportfähigkeit immer abhängiger von der Mikroelektronik.

Die betriebswirtschaftlich sinnvolle Lösung wäre gewesen, die Chips und Steuerungen zuzukaufen und sich zu spezialisieren. Durch das Cocom-Technologieembargo der USA, die selbst verordnete Abschottung und den chronischen Devisenmangel konnte beziehungsweise wollte die DDR-Führung dies aber eben nicht. Auch die Einkaufsmöglichkeiten bei den sowjetischen „Freunden“ blieben weit unter den Erwartungen. Nicht zuletzt betrachteten Honecker, Mittag und andere in der Partei- und Wirtschaftsführung die Mikroelektronik mehr und mehr als Prestige-Aufgabe nach dem Motto: „Seht her, was die kleine DDR unter sozialistischer Führung zu vollbringen vermag!“

Chips und Computer werden zum Popanz
Der ostdeutsche Megabit-Chip vom ZMD. Abb.: hw

Der ostdeutsche Megabit-Chip vom ZMD. Abb.: hw

Und so wurde die Mikroelektronik in der letzten Dekade der DDR regelrecht zum Popanz von Honecker, Mittag & Co. Sie fluteten die Untertanen mit Propagandaschlachten, in denen es längst nicht mehr um Weizentonnen und Stahlmengen ging, sondern um „CAD“ und „CAM“, um „Megabit-Chips“ und „32-Bit-Computer“ – während Otto-Normal-DDR-Bürger im Laden um die Ecke und im eigenen Betrieb tagtäglich sah, wie es an anderer Stelle teils an elementaren Produkten fehlte.

Was das Politbüro  zum Beispiel auch „vergaß“ zu erwähnen, als Carl-Zeiss-Generaldirektor Wolfgang Biermann 1988 den legendären Megabit-Chip an Erich Honecker übergab: Von einer Massenproduktion war der Dresdner Schaltkreis da noch weit entfernt. Ähnliches galt für den ostdeutschen 32-Bit-Prozessor „U 80701“, dessen erstes Muster 1989 vom Kombinat Mikroelektronik vorgestellt wurde. Er war ein Nachbau von VAX-Prozessen der US-Firma DEC, die Originale hatten die „Speziellen Beschaffungsorgane“ besorgt.

Strippenzieher Alexander Schalck-Golodkowski besorgte auf konspirativen wegen Spezialausrüstungen für das Megabit-Programm. Abb.: Brüggmann/Bundesarchiv/Wikipedia

Strippenzieher Alexander Schalck-Golodkowski. Abb.: Brüggmann/ Bundesarchiv/ Wikipedia

Zwar wurden für diese Prestige-Projekte auch in der DDR wichtige Fertigungsausrüstungen selbst konstruiert, vor allem im VEB Elektromat Dresden, und auch andere zentrale ingenieurtechnische Leistungen im ZMD und bei Robotron Dresden, bei Carl Zeiss Jena und im Kombinat Mikroelektronik Erfurt selbst vollbracht. Aber  entwickelt werden konnten beide Chips doch letztlich nur, weil Stasi und KoKo wichtige Muster und Anlagen, die weder in der DDR noch in der SU verfügbar waren, aus dem Westen besorgt hatten.

Dabei arbeiteten – oft unabhängig voneinander – vor allem zwei Bezugsketten: die „Speziellen Beschaffungsorgane“ des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und das Firmengeflecht „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) von Alexander Schalck-Golodkowski – dieser war in Personalunion Außenhandels-Staatssekretär und MfS-Offizier im besonderen Einsatz (OibE). Implanter, Lithografiemaschinen und andere Anlagen, die für die DDR-Chipentwicklung dringend benötigt wurden, aber unter dem US-Technologie-Embargo CoCom standen, wurden meist mit hohen Bestechungsgeldern (in Devisen natürlich) im Westen eingekauft und dann über verschlungenen Wegen in die DDR gebracht, um diese Geschäfte zu verschleiern.

Konspirative Importe von Embargo-Anlagen über mehrere Länder

Ein Hochstromimplanter wurde zum Beispiel laut einer Aktennotiz der Stasi-Hauptabteilung XVIII vom Januar 1989 im MfS-Auftrag durch Waffenhändler beim US-Hersteller gekauft, in ein argentinisches Sperrgebiet geliefert und von dort mit einem Charterflugzeug nach Marokko geflogen. Dort sollte er dann gen DDR weitergeflogen werden, was aber laut Aktenlage wohl scheiterte, weil „diese Lieferlinie inzwischen wahrscheinlich unter (fremder) nachrichtendienstlicher Kontrolle“ stand.

Der ostdeutsche 32-Bit-Prozessor U 80701 - Vorbild waren die VAX-Rechner der US-Firma DEC, die von Stasi und Koko konspirativ "beschafft" wurden. Abb: Procolotor/Wikipedia

Der ostdeutsche 32-Bit-Prozessor U 80701 - Vorbild waren die VAX-Rechner der US-Firma DEC, die von Stasi und Koko konspirativ "beschafft" wurden. Abb: Procolotor/Wikipedia

Die vielen Zwischenstationen dienten dem Zweck, die Container immer wieder umzudeklarieren, um Zoll und feindliche Geheimdienste irrezuführen. Darüber wussten natürlich auch die „Brüdervölker“ im Ostblock kaum etwas – was in einem Fall dafür sorgte, dass sich die Bulgaren ein von den ostdeutschen Beschaffern teuer erkauftes Hightech-Gerät unter den Nagel rissen, als die Fracht bei ihnen Station machte.

Gern nutzten KoKo und MfS auch Zwischenhändler in Österreich und in der Schweiz, um Embargo-Waren in die DDR zu schleusen. Die „speziellen“ Importe wurden dann „neutralisiert“, was heißt: Bevor die Westgeräte den VEBs ausgeliefert wurden, mussten die Markenhinweise abgekratzt werden. Den meisten Mitarbeitern in der ostdeutschen Chip- und Computerindustrie war die Herkunft der Westanlagen aber zumindest ungefähr klar.

Die Vorstellung allerdings, die kapitalschwache DDR könne auf Dauer im immer teureren Chipwettlauf aus eigener Kraft mithalten, hatte sich Ende der 80er Jahre unter diesen Umständen längst als Illusion erwiesen.

Stasi-Hauptabteilung XVIII/8, 1987: „Die Durchbrechung der gegnerischen Embargo-Politik hat sich zu einem Schwerpunkt im Bereich Elektrotechnik und Schlüsseltechnologien entwickelt… durch die speziellen Importorgane wurden 1987 Hightech-Erzeugnisse im Wert von etwa einer Milliarde Valutamark verdeckt eingeführt.“

Aber auch das sollte man nicht vergessen: Diese Chip-Exzesse und Technologiepropaganda hatten langfristig durchaus seine positiven Wirkungen. Denn die Hightech-Ansiedlungen im „Silicon Saxony“ der Nachwendezeit wären ohne das Fachwissen der ehemaligen DDR-Mikrelektroniker, ohne die wissenschaftlich-technische Aufgeschlossenheit der Sachsen kaum vorstellbar gewesen.

 

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3 Kommentare

  1. Hans-Jürgen Höfer sagt

    Eine sehr interessante Darstellung. Kurz einmal sachlich weiter:

    1. Ein Nachbau ist in dieser Komplexität immer schwieriger als ein Orginal zu erstellen, da alle vom Orginal schon vorgegebenen Bedingungen eingehalten werden müssen.

    2. Wenn man die Geschwindigkeit der so genannten „Aufholjagd“ von dem Hintergrund der Möglichkeiten betrachtet ist in Ostdeutschland innerhalb kürzester Zeit absolutes Weltniveau entstanden. Dies hätte vollkommen realistisch wesentlich mehr Potential gehabt als den meisten Deutschen Bürger bewußt ist. Siehe hier das Beispiel China.

    3. Hängen alle heutigen (Stand 2016) und (lt. Agenda Intel & co) bis 2022 kommenden Rechensysteme (PC, Handy usw.) noch hoffnungslos hinter den tatsächlichen Möglichkeiten zurück. Hier sind wir im Westen einerseits zu selbstverliebt (Apple, Microsoft,…) und andererseits gefangen in der vorhandenen Technologiestruktur deren Ökonomie auf Verkauf und nicht auf primären Fortschritt zielt.

  2. S.Heinisch sagt

    >Er war ein Nachbau von VAX-Prozessen der US-Firma DEC, die Originale hatten die “Speziellen Beschaffungsorgane” besorgt.

    Wobei das Nachbauen eine Kunst für sich war und einer Eigentwicklung an komplexität nicht nachstand. Die ORiginale wurden nur benötigt um 100% SW kompatibel mit dem Westen zu sein, um z.B. zu verhindern, dass SW aus dem Westen ohne änderung lauffähig ist.

    >Die Vorstellung allerdings, die kapitalschwache DDR könne auf Dauer im immer teureren Chipwettlauf aus eigener Kraft mithalten, hatte sich Ende der 80er Jahre unter diesen Umständen längst als Illusion erwiesen.

    Die Aufholjagd hatte ja erst begonnen und war sehr erfolgreich. Hätte die DDR 10 Jahre länger existiert, war das aus der Sicht vieler Spezialisten durchaus möglich im Schnitt den Standard der NSW Länder zu erreichen und in Teilbereichen sogar zu übertreffen ……

    • Karl-Heinz sagt

      Und wie hätten Erich und Co. die nächsten 10 Jahre überleben sollen? 1989 war vom Mrd-Kredits nix mehr übrig, nur noch Zinszahlungen waren möglich, Tilgung nicht mehr möglich. Die DDR war 1989 real pleite.

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