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Neue Strategie zahlt sich für Zeiss Dresden aus

ZDI-Chef Alfred Mönch (links) und Manager Sven Jänicke erläutern das für Globalfoundries realisierte "Heimdall"-Projekt. Im Hintergrund sind "Foups" genannten Chipscheiben-Transporter zu sehen. Foto: Heiko Weckbrodt

ZDI-Chef Alfred Mönch (rechts) und Manager Sven Jänicke erläutern das für Globalfoundries realisierte „Heimdall“-Projekt. Im Hintergrund sind „Foups“ genannten Chipscheiben-Transporter zu sehen. Foto: Heiko Weckbrodt

Softwareschmiede ZDI setzt mehr auf Spezialisierung, fachliche Tiefe und Dresdner Netzwerke

Dresden, 22. Dezember 2022. Seit der Übernahme durch Zeiss hat sich die ehemalige „Saxonia Systems“ umprofiliert: Extra-Aufträge vom neuen Mutterkonzern, aber auch Spezialisierung und mehr fachlicher Tiefe haben dafür gesorgt, dass sich Umsatz und Belegschaft nahezu verdoppelt haben. Das hat ZDI-Chef Alfred Mönch eingeschätzt. Statt Auftrags-Software quer durch den wirtschaftlichen „Gemüsegarten“ entwickelt die Dresdner Softwareschmiede „Zeiss Digital Innovation“ (ZDI) nun vor allem Lösungen für Zeiss sowie für jene Branchen, in denen die „Mutter“ ohnehin tätig ist: Mikroelektronik, Anlagenbau, Medizin- und Gesundheitstechnik.

Großteil der Aufträge kam schon vor der Übernahme aus Oberkochen

Die ZDI-Experten schreiben im Kundenauftrag beispielsweise Computerprogramme für das Zusammenspiel von Mensch und Maschine in Chipwerken, für die Katarakt-Suche beim Augenarzt oder um ältere Fabriken mit Rechnerwolken („Clouds“) aufzurüsten. Wobei: Mit rund 60 Prozent sind ohnehin Projekte für den internen Bedarf der Konzernsparten. Dieser hohe Anteil von Zeiss-Aufträgen war 2020 auch einer der Gründe für die einstigen „Saxonia Systems“-Gründer Viola Klein und Andreas Mönch gewesen, ihre Firma an den einst in Jena gegründeten und heute in Oberkochen ansässigen Technologie-Konzern zu verkaufen.

Die "Zeiss Digital Innovation" wird von einem ehemaligen Polizeirevier und Stadtbezirks-Verwaltungsamt nahe am TU-Campus aus geleitet. Foto: Heiko Weckbrodt

Die „Zeiss Digital Innovation“ wird von einem ehemaligen Polizeirevier und Stadtbezirks-Verwaltungsamt nahe am TU-Campus geleitet. Foto: Heiko Weckbrodt

Umsatz und Belegschaft nahezu verdoppelt

Und die Übernahme hat sich für das Unternehmen bisher ausgezahlt: Machte die „Saxonia Systems“ in ihrem letzten vollen Geschäftsjahr 2018 rund 32 Millionen Euro Umsatz, hat der sich inzwischen auf 64 Millionen verdoppelt. Die Belegschaft ist fast ebenso schnell gewachsen, von 280 auf nun 480 Beschäftigte. Und bis 2025 will Mönch das auf sieben Standorte in Deutschland und Ungarn verteilte Team auf dann 700 Köpfe weiter vergrößern. Allein am ZDI-Hauptsitz in Dresden soll das Kollektiv bis dahin von 200 auf 400 Menschen zulegen. Hier sind auch mehrere Anbauten geplant (Der Oiger berichtete).

„Dresden ist ein starker Technologie- und Wissenschaftsstandort“

Und dabei helfen regionale Netzwerke und moderne Entwicklungsmethoden. So will Alfred Mönch – Neffe des Firmenmitgründers Andreas Mönch – stärker Technologienetzwerke und Wertschöpfungsketten in Sachsen für eigene Entwicklungsprojekte einspannen. „Dresden ist ein starker Technologie- und Wissenschaftsstandort“, betont er. Und diese einzigartigen Hightech-Ökosysteme sollen als Wachstumsturbo dienen.

„Synergie“-Projekte bevorzugt

Parallel dazu bemüht sich die ZDI verstärkt um „Synergie-Effekte“: Für Aufträge von Kunden jenseits des Zeiss-Eigenbedarfs ziehen die Entwickler sowohl externe Partner wie auch Zeiss-Experten heran. Im Idealfall lassen sich die gefundenen Lösungen dann auch auf Zeiss-Produkte oder -Fabriken übertragen beziehungsweise für die nächsten Kunden-Aufträge weiternutzen.

Auch für die Wafer-Transport-Eisenbahn in der Chipfabrik setzt Globalfoundries Dresden vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) ein. Foto: Heiko Weckbrodt

Auch für die Wafer-Transport-Eisenbahn in der Chipfabrik setzt Globalfoundries Dresden vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) ein. Foto: Heiko Weckbrodt

Beispiel Heimdall: Virtueller Wächter für die Chipfabrik

Ein Beispiel für solch ein „Synergie-Projekt“ ist die vorausschauende Wartung der Chipwerk-Eisenbahn von Globalfoundries: In der Mikroelelektronik-Fabrik im Dresdner Norden fahren nämlich nonstopp Spezialbehälter auf Schienen unter der Reinraum-Decke hin und her. Diese Foups („Front Opening Unified Pods“) bringen Siliziumscheiben („Wafer“) für die Schaltkreis-Produktion von Anlage zu Anlage. Normalerweise geschieht das vollautomatisch und sehr zuverlässig. Im Schnitt zwei bis drei Mal im Jahr aber fällt ein Foups aus, weil er sich verklemmt oder die Rollen abgenutzt sind. „Wenn dann die ganze Produktion stoppen muss, kann das mehrere Millionen Euro kosten – pro Stunde“, erzählt ZDI-Experte Sven Jänicke.

KI warnt, bevor der Chipwagen kaputt geht

Damit dies gar nicht erst geschieht, hat Globalfoundries mit Zeiss, der Dresdner Elektronikfirma „Deltec“, dem Smart Systems Hub und weiteren regionalen Akteuren „Heimdall“ erschaffen. Dabei handelt es sich um eine innovative Überwachungslösung, benannt nach dem legendären nordischen Götterwächter. Der belauscht und beäugt seither mit allerlei Sensoren die Foups. Schon lange, bevor ein menschlicher Chipwerker etwas merkt, erkennt die „Künstliche Intelligenz“ (KI) darinnen, ob ein Wafer-Transporter lahmt, quietscht oder nicht mehr rund läuft. Dann informiert Heimdall die Wartungsingenieure, welcher Foup ausgeschleust und repariert werden muss. Neudeutsch nennt sich solch ein Ansatz „Predictive Maintenance“. Diese „vorausschauende Wartung“ soll nicht nur fatale Produktionsstopps verhindern, sondern auch vorher schon viel Geld sparen, weil Ersatzteile erst genau dann ausgetauscht werden, wenn es wirklich notwendig ist – weder zu früh noch zu spät.

Dresdner Softwarehaus kann nun Konzern-Expertise nutzen

Um Heimdall „Augen“ zu geben, konsultierten die ZDI-Teams Kamera-Experten vom Mutterkonzern. Die suchten dann eine passende optische Lösung heraus. „Auf diese Expertise kann ein mittelständisches Softwarehaus normalerweise gar nicht zugreifen“, weist Jänicke auf ein „Synergie“-Beispiel hin. Dann schrieben die sächsischen Zeissianer die Algorithmen, mit denen Heimdall zu stark abgenutzte Wafer-Transporter erkennt.

Entwicklerteams sind meist international, interdisziplinär – und oft auch virtuell verknüpft

Auf diesem Weg von der Idee bis zum kompletten System bilden die Dresdner Zeissianer immer öfter virtuelle Entwicklungsteams. Diese Forschungskollektive auf Zeit bestehen teils aus externen Experten, teils aus interdisziplinären ZDI-Teams, die über halb Europa verstreut sind. Sie fügen sich für Wochen oder Monate für ein Projekt wie „Heimdall“ zusammen, um danach im nächsten virtuellen Team an einem anderen Vorhaben weiter zu machen. Und wegen der wachsenden Fokussierung auf ausgewählte Branchen geht die Softwareschmiede fachlich auch mehr in die Tiefe, integriert beispielsweise nicht nur Programmierer in die Teams, sondern auch Anlagentechniker, Analysten, Augenheilkundler und andere Fachleute.

ISG zeichnet Dresdner für agile Ansätze aus

Für solch agile Ansätze in der Software-Entwicklung hat die „Information Service Group“ (ISG) aus den USA die Dresdner Zeissianer nun erneut als „Leader“ (führend) ausgezeichnet. „Wir konnten bislang kein andere Unternehmen identifizieren, das einen ähnlich innovativen Ansatz verfolgt wie Zeiss Digital Innovation“, zitiert Zeiss den ISG-Laudator Oliver Nickels.

Die Gründer Andreas Mönch und Viola Klein freuen sich: Sie haben die Saxonia Systems AG an Zeiss verkauft. Foto: Sabine Mutschke für Saxonia

Die Gründer Andreas Mönch und Viola Klein freuen sich: Sie haben die Saxonia Systems AG an Zeiss verkauft. Foto: Sabine Mutschke für Saxonia

Ursprünglich als Computerbildungs-Firma gegründet

Immer wieder neue, agile Entwicklungsmethoden zu konzipieren, hat bei den Dresdnern schon Tradition: 1990 als „Saxonia Computertechnik GbR“ gegründet, hatte sich das Unternehmen zwar zunächst auf Bildungsangebote spezialisiert, programmierte dann zunehmend komplexere Softwarepakete für den Unternehmenseinsatz. Ab 2000 firmierte es als Saxonia Systems AG. Die Gründer Klein und Mönch begannen beizeiten, auch überregional und international nach Talenten Ausschau zu halten – bis ins ferne Kirgisien führte diese Suche.

Die kirgisischen Informatik-Studenten AlinaToleeva (vorn) und Bakyt Kaldybaev interessieren sich für ein Praktikum bei Saxonia Systems Dresden und sichten hier die großen Touch-Screens. Foto. Heiko Weckbrodt

Das Archivfoto zeigt die damaligen kirgisischen Informatik-Studenten AlinaToleeva (vorn) und Bakyt Kaldybaev, die sich für ein Praktikum bei Saxonia Systems Dresden interessierten. Foto. Heiko Weckbrodt

„Haben beizeiten das Potenzial des Standortes Görlitz erkannt“

Dabei entstanden auch neue Standorte, zum Beispiel 2004 in Görlitz, wo enge Beziehungen zur Hochschule Zittau-Görlitz den Ausschlag gaben. „Wir haben beizeiten das Potenzial des Standortes Görlitz erkannt und rechnen nun mit neuen Impulsen“, sagt Alfred Mönch mit Blick auf die jüngeren Ansiedlungen des Helmholtz-Instituts „Casus“ und der geplanten Astrophysik-Großforschungseinrichtung in Görlitz.

Die ungarische Connection

Ebenfalls bereits vor der Zeiss-Übernahme hatte sich Saxonia Systems in Ungarn umgeschaut, wo viele ohnehin Deutsch sprechen und wohin die Familie Mönch auch persönliche Beziehungen verbinden. Ende 2017 entstand eine erste Gemeinschaftsfirma mit einem ungarischen Unternehmer in Miscolc. 2021 – also bereits nach dem Zeiss-Deal 2020 – folgte eine zweite ungarische Niederlassung in Budapest.

ZDI dehnt Fachkräfte-Suche bis nach Indien aus

Beim deren Aufbau half auch Alfred Mönch mit – der 46-jährige BWLer spricht Ungarisch und dies erleichterte die Kontakte mit den Magyaren. „Wir haben in Ungarn auch zwei Deutsch-Lehrer, die den Fachkräften dort mit Sprachunterricht helfen“, berichtet Mönch junior, der nach dem Ausscheiden seines Onkels auch Geschäftsführer bei der ZDI wurde. Inzwischen allerdings werde mehr und mehr Englisch zur Haussprache. Die ungarische „Mitgift“ habe Saxonia Systems gewissermaßen in die Ehe mit Zeiss eingebracht. Inzwischen weitet die ZDI ihre Talente-Suche geografisch noch weiter aus und schaut sich auch in Indien um. „Dabei geht es uns aber nicht darum, Aufgaben auszusourcen, sondern wir wollen unsere Teams ergänzen“, betonen Mönch und Jänicke. „Wegen unserer internationalen Suche muss bei uns keiner Angst um seinen Arbeitsplatz haben.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: ZDI, Oiger-Archiv, ISG