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US-Denkfabrik: EU sollte China als wahren wirtschaftlichen Herausforderer erkennen

 

Das Diagramm veranschaulicht zweierlei: Je weiter links die Länderblasen positioniert haben, umso geringer ist ihr Weltmarktanteil an der Produktion ausgewählter Technologiegüter. Dass Deutschland den Abstieg besser weggesteckt hat als andere EU-Länder, zeigt sich in der Position in der Senkrechten: Die bildet ab, wieviel stärker das jeweilige Land im Vergleich zum Weltdurchschnitt ist. Grafik: ITIF

Das Diagramm veranschaulicht zweierlei: Je weiter links die Länderblasen positioniert haben, umso geringer ist ihr Weltmarktanteil an der Produktion ausgewählter Technologiegüter. Dass Deutschland den Abstieg besser weggesteckt hat als andere EU-Länder, zeigt sich in der Position in der Senkrechten: Die bildet ab, wieviel stärker das jeweilige Land im Vergleich zum Weltdurchschnitt ist. Grafik: ITIF

Reich der Mitte hat seit 1995 seinen Anteil an der Weltproduktion von Technologiegütern um 450 % erhöht

Washington, 8. Juni 2022. Bis vor Corona hat China seinen Weltmarktanteil bei der Produktion moderner Technologieerzeugnisse drastisch erhöht – vor allem zu Lasten von Europa, Japan und der Vereinigten Staaten. Das hat die US-Denkfabrik „Information Technology and Innovation Foundation“ (ITIF) aus Washington eingeschätzt. Demnach hat das Reich der Mitte von 1995 bis 2018 seine Anteile in sieben Schlüsselindustrien wie Informationstechnologie, Computertechnik, elektronische und optische Produkte; elektrische Ausrüstungen, Maschinenbau, Automobilbau und Pharma-Erzeugnisse um 450 Prozent gesteigert.

Die Denkfabrik stützt sich dabei auf einen selbst errechneten „Hamilton-Index“, der wiederum auf Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) basiert. Dieser Index soll die Wertschöpfung verschiedener Länder und Wirtschaftszonen in technologielastigen Wirtschaftssektoren vergleichbar machen.

Die Marktanteile ausgewählter Länder und Wirtschaftsräume bei der Produktion von Technologiegütern im Vergleich der Jahre 1995 (blau), 2006 (grau) und 2018 (orange).. Deutlich sichtbar ist, wie China in dieser Zeit Anteile gewonnen hat, während Japan, die EU und die USA an Boden verloren haben. Grafik: ITIF

Die Marktanteile ausgewählter Länder und Wirtschaftsräume bei der Produktion von Technologiegütern im Vergleich der Jahre 1995 (blau), 2006 (grau) und 2018 (orange).. Deutlich sichtbar ist, wie China in dieser Zeit Anteile gewonnen hat, während Japan, die EU und die USA an Boden verloren haben. Grafik: ITIF

Aufstieg Chinas ging mit schrumpfenden Anteilen von EU, USA und Japan einher

Demnach hat China im besagten Zeitraum – neuere vergleichbare Daten liegen noch nicht vor – seinen globalen Anteil an der Produktion der genannten Technologiegüter von unter vier Prozent auf 21,5 Prozent ausgebaut. Im gleichen Zeitraum schrumpfte der EU-Marktanteil in diesen Sektoren um fast ein Fünftel und rutschte von 29 Prozent der weltweiten Produktion auf 23 Prozent ab. Der US-Marktanteil sank von 24 auf 22,5 Prozent. Japans Anteil schrumpfte sogar um zwei Drittel von 25 Prozent der globalen Produktion auf nur noch acht Prozent.

Analyst: Globale Wettbewerb um fortgeschrittene Industrien ist ein Tauziehen, keine Win-Win-Situation

„Wir wünschen uns vielleicht, dass der internationale Handel eine Win-Win-Situation ist“, argumentiert nun ITIF-Präsident Dr. Robert D. Atkinson, der den Bericht verfasst hat. „Aber die Beweise sind klar, dass der globale Marktwettbewerb in fortgeschrittenen Industrien ein Tauziehen ist: China gewinnt an Boden, und die meisten anderen verlieren ihre Positionen.“ Und mit Blick auf die Sorgen in Europa fordert er: „Hoffentlich werden die EU-Beamten diese Realität verstehen und einen Teil ihrer Anti-US-Rhetorik rund um ihre Forderungen nach ‚digitaler Souveränität‘ dämpfen. China ist ihr wahrer techno-ökonomischer Herausforderer, nicht die Vereinigten Staaten.“

Deutschland hat den Abstieg besser abgebremst als andere EU-Staaten

Zwar habe auch Deutschland in diesen Sektoren Produktions-Marktanteile an China verloren, heißt es in der ITIF-Analyse. „Besonders stark war der Rückgang bei Elektrogeräten, einer Branche, in der China einen erheblichen Anteil hinzugewonnen hat.“ Bemerkenswert sei aber, dass die Verluste in der Bundesrepublik bei weitem nicht so stark ausfielen wie in der EU im Ganzen. „Betrachtet man jedoch die Leistung Deutschlands im Verhältnis zu seinem sich ändernden Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt, rangiert Deutschland hinter Korea und Taiwan an dritter Stelle“, betonen die Studienautoren. In Relation nämlich zum jeweiligen Weltdurchschnitt sind die Anteile vieler Schlüsselindustrien in der Bundesrepublik sogar gestiegen. „Der Anteil der deutschen Kraftfahrzeugindustrie an der Gesamtwirtschaft beträgt das Dreifache des Weltdurchschnitts, der Maschinenbau das 2,5-fache des Weltdurchschnitts“, heißt es im Bericht. „Sogar die Informationsdienstleistungsbranche, eine Branche, die deutsche Beamte regelmäßig als eine Branche beklagen, in der sie hinter Amerika stehen und ,digitale Souveränität’ brauchen, ist seit 1995 gewachsen und übertrifft jetzt den globalen Durchschnitt um 26 Prozent.“

Heimcomputer KC 97 plus Kofferfernseher und Drucker vom DDR-Computerkombinat Robotron in einer Ausstellung in der RDS. Foto: Heiko Weckbrodt

Lang vorbei sind die Zeiten, in denen in (Ost-)Deutschland noch Computer, Fernseher und Drucker gebaut worden sind. Hier im Foto: Ein Heimcomputer KC 97 aus den 1980er Jahren plus Kofferfernseher und Drucker vom DDR-Computerkombinat Robotron in den Technischen Sammlungen Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Solar, Fernseher-Produktion – Bundesrepublik hat ganze Industrien an China & Co. verloren

Anders ausgedrückt: Deutschland steht besser da, als oft angenommen – vor allem auch im EU-Vergleich. Der jahrelange Aufstieg Chinas ist unübersehbar, andersherum der Verlust der deutschen Solarindustrie und davor schon der Elektrokonsumgüter-Fertigung – traditionsreicher Werke, die einst von Deutschland aus die Welt mit Fernsehern, Radios und anderen Konsumgütern belieferten. Dennoch hat es die hiesige Industrie geschafft, den Absturz der Technologieindustrien abzubremsen, teils sogar Boden wieder wettzumachen. Auch andere Studien hatten schon darauf hingewiesen, dass die Bundesrepublik die Vorteile internationaler Arbeitsteilung und globaler Fertigungsketten viel stärker als viele andere Länder genutzt hat.

Allerdings hat sich durch Corona, Donald Trumps Handelskriege, den Ukraine-Krieg und andere Ereignisse eben auch gezeigt, dass die deutsche Industrie ihre Lieferketten zu eindimensional und nicht resilient genug geknüpft hat. Abzuwarten bleibt zudem, wie China mittel- und langfristig aus der eben doch andauernden Corona-Krise mit allen Ketten-Lockdowns hervorgehen wird: Eindeutige Zahlen liegen noch nicht vor. Vieles deutet aber darauf hin, dass das Vertrauen auch vieler deutscher Unternehmen in China als „Fabrik der Welt“ erschüttert ist, viele Lieferbeziehungen ins Reich der Mitte dennoch bestehen bleiben werden.

Industrien suchen nach Alternativen zur rein chinesischen Lieferkette

Zu beobachten sind derweil auch Versuche, durch neue hochautomatisierte und flexible umstellbare „Industrie 4.0“-Produktionslinien auch wieder einige Branchen nach Deutschland zurückzuholen, hier eigen Primär- oder Sekundär-Lieferquellen für die nächste Krise aufzubauen. Wie dauerhaft und erfolgreich diese – vergleichsweise kapitalintensiven – Bemühungen sind, ist noch schwer abzusehen. Viele Unternehmen sehen sich zudem auch nach Alternativ-Lieferquellen jenseits von China um, das ohnehin längst kein Dumpinglohnland mehr ist. Länder wie Vietnam, Singapur, Thailand oder Malaysia gelten da schon lange als interessante Alternativen.

Derweil sieht man in Brüssel eben nicht nur China, sondern eben auch die USA als Kontrahenten im Wettbewerb um Marktanteile. Vor allem der Ruf nach mehr „digitaler Souveränität“ wird da vor mit Blick auf die Dominanz einiger US-Konzerne für die wachsende Digitalwirtschaft lauter. Wenn also die teils durch die amerikanische Regierung und IT-Verbände mitfinanzierte ITIF mit ihrer Analyse den Blick der Europäer auf China zu lenken versucht, mag dabei ein gewisser Schuss Patriotismus eine Rolle spielen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: ITIF, Oiger-Archiv, Wikipedia