Computer und Rechentechnik, Geschichte, zAufi

Sachsen galt vor Digital-Ära als Hochburg der Rechenmaschinen

Der Mathematikprofessor und Computer-Konstrukteur Nikolas J. Lehmann von der TU Dresden baute 2001 die Leibniz-Rechenmaschine von 1670 nach. Heute ist dieses Kleinod in den Technischen Sammlungen Dresden ausgestellt. Foto: Heiko Weckbrodt

Der Mathematikprofessor und Computer-Konstrukteur Nikolas J. Lehmann von der TU Dresden baute 2001 die Leibniz-Rechenmaschine von 1670 nach. Heute ist dieses Kleinod in den Technischen Sammlungen Dresden ausgestellt. Foto: Heiko Weckbrodt

Im sächsischen Industriemuseum sind alte Rechenmaschinen aus Glashütte und Dresden zu sehen.

Dresden/Glashütte/ Chemnitz, 6. Januar 2020. Schon Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) hätte wohl gerne einen PC gehabt, statt alles im Kopf auszurechnen: „Es ist unwürdig, die Zeit von hervorragenden Leuten mit knechtischen Rechenarbeiten zu verschwenden, weil bei Einsatz einer Maschine auch der Einfältigste die Ergebnisse sicher hinschreiben kann.“ Und so konstruierte der Mathematiker, Philosoph und Keks-Namensgeber einen der frühen Vorläufer heutiger Computer: eine Rechenmaschine. Die basierte auf einer von ihm konzipierten Staffelwalze, funktionierte allerdings wegen ungenauer Fertigung nicht einwandfrei. Das gelang Ingenieuren und Feinmechanikern im Erzgebirge etwas später dann schon besser. Und sie begründeten damit eine lange Industrietradition in Sachsen, die unter anderem auch in die heutige Halbleiterindustrie im „Silicon Saxony“ mündete.

Durch Uhrenindustrie gab es in Glashütte genug Feinmechaniker für den Rechenmaschinen-Bau

Ein Nukleus für den sächsischen Rechenmaschinen-Bau war eine Stadt, die schon damals für ihre Uhrenindustrie bekannt war: Glashütte bot dank ausgebildeter Fachkräfte beste Voraussetzungen für die Fertigung auch anderer feinmechanischer Produkte. Man schrieb das Jahr 1878, als der Ingenieur Arthur Burkhardt mit der Herstellung mechanischer Rechenmaschinen nach dem Vorbild der Thomas-Maschinen begann. Von Burkhardt kam die erste serienmäßig hergestellte deutsche Rechenmaschine. 1890 gründete der Feinmechaniker Constantin Fischer eine Werkstatt für Präzisionsuhrmacherei und Feinmechanik. 1899 stieß der Mechaniker Reinhold Pöthig dazu und es bildete sich die Firma „Fischer & Pöthig“.

Rechenmaschine Archimedes Modell D, Baujahr: nach 1920. Hersteller: Glashütter Rechenmaschinen-Fabrik Archimedes, Reinhold Pöthig, Glashütte. Foto: Christian Ruf

Rechenmaschine Archimedes Modell D, Baujahr: nach 1920. Hersteller: Glashütter Rechenmaschinen-Fabrik Archimedes, Reinhold Pöthig, Glashütte. Foto: Christian Ruf

Erfolgreiche „Archimedes“-Serie begann 1904

Nachdem Fischer schließlich die Firma verlassen hatte und Pöthig zum Alleininhaber geworden war, begann dieser, Rechenmaschinen zu entwickeln und sich patentieren zu lassen. Ab 1904 entwickelte er nach dem Staffelwalzenprinzip eine Rechenmaschine. Er benannte sie nach dem berühmten griechischen Mathematiker Archimedes, der im Zuge der Belagerung von Syrakus durch die Römer anno 212 vor Christus den Tod gefunden hatte. Das Archimedes-„Maschinchen“ besteht aus Einstellwerk und Schlitten, auch Lineal genannt. Zu addierende Zahlen werden mit den Einstell-Schiebeknöpfen eingestellt. Nach jeder Einstellung wird die Kurbel betätigt und die nächste Zahl eingestellt.

Archimedes-Rechenmaschine aus Glashütte. Foto: Heiko Weckbrodt

Archimedes-Rechenmaschine aus Glashütte. Foto: Heiko Weckbrodt

Die Multiplikation erfolgt durch wiederholte Addition, das heißt, die Kurbel wird so oft gedreht, wie eine Zahl multipliziert werden soll. Werden große Zahlen multipliziert, wird der Schlitten jeweils um eine Stelle verschoben und die eingestellte Zahl erst mit dem Einer, dann mit dem Zehner, dann mit dem Hunderter und so weiter der anderen Zahl multipliziert. Wem jetzt der Kopf schwirrt, der konnte auf der Schule vermutlich ähnlich viel mit Plutimikation anfangen wie Pippi Langstrumpf, die bekanntlich singend versicherte: „Zweimal drei macht vier, widewidewitt, und drei macht neune“…

Archimedes-Fabrik überstand Krisen und Hyperinflation durch ständige Innovationen

1907 gingen Pöthig und seine Firma den Schritt von der Werkstattfertigung zur industriellen Produktion. Er ließ ein neues Firmengebäude auf der Hauptstraße 7 errichten, das bis 1924 als Betriebssitz diente. Um 1910 hatte er bereits 35 Mitarbeiter. Ab 1912 firmierte das Unternehmen als „Glashütter Rechenmaschinen-Fabrik Archimedes, Reinhold Pöthig“.

Unter diesem Namen agierte der Betrieb noch Jahrzehnte erfolgreich am Markt. 1923 erfolgte eine wesentliche Vergrößerung des Produktionsgebäudes durch einen gigantischen Neubau an der Altenberger Straße. Ende der 1920er Jahre waren schließlich 150 Arbeiter und Angestellte in der Rechenmaschinenproduktion tätig. Das Unternehmen überstand auch die Weltwirtschaftskrise und die Hyperinflation, weil es durch eine angepasste moderne Fertigungstechnologie konkurrenzfähig blieb.

Sabielny elektrifizierte Archimedes

Zu jener Zeit beteiligte sich Hans Sabielny (1882–1965), ein weiterer Pionier der Rechenmaschinengeschichte. Er übernahm ab 1915 den Vertrieb der Rechenmaschinen, beginnend im Inland, später weltweit. Mit ausgefeilten Verkaufsmethoden und guten Kenntnissen über die Kundenwünsche begann der Absatz anzusteigen. Sabielny beschäftigte sich auch mit der Konstruktion der Maschinen. Er erfand Umbaumöglichkeiten für aktuelle Maschinen und brachte innerhalb kürzester Zeit neue Modelle auf den Markt, darunter die Archimedes E, F und D mit elektrischem Antrieb.

Leihgaben der TU Dresden im Industriemuseum Chemnitz zu sehen

Eine solche Rechenmaschine des Modells D, die Pöthigs Firma nach 1920 hergestellt hatte, ist heute im Sächsischen Industriemuseum im Chemnitz ausgestellt. Diese Vierspezies-Maschine bediente die vier Grundrechenarten und wurde ab den 1920er-Jahren auch mit Elektromotor produziert. Als Leihgabe der Technischen Universität Dresden, die über eine Sammlung historischer Rechenmaschinen verfügt, kann zudem eine nach 1895 gefertigte „Saxonia“ in Augenschein genommen werden.

Rechenmaschine Saxonia, Baujahr: nach 1895. Hersteller: Rechenmaschinen-Fabrik "Saxonia" Schumann & Cie., Glashütte. Leihgabe der TU Dresden, Sammlung Historische Rechenmaschinen. Foto: Christian Ruf

Rechenmaschine Saxonia, Baujahr: nach 1895. Hersteller: Rechenmaschinen-Fabrik “Saxonia” Schumann & Cie., Glashütte. Leihgabe der TU Dresden, Sammlung Historische Rechenmaschinen. Foto: Christian Ruf

Auch „Seidel und Naumann“ Dresden stieg in Rechenmaschinenbau ein

Apart ist auch die im Museum präsentierte „Vier-Spezies-Staffel-Walzenmaschine Typ XxX“ (sprich X mal X), die für Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division auslegt war. Dieses Gerät wurde um 1910 von der an sich für Schreib- und Nähmaschinen bekannten Firma „Seidel und Naumann“ in Dresden hergestellt, ab 1919 dann von der Presto Bureaumaschinen-Gesellschaft in Dresden.

Chemnitz fokussierte sich auf Büromaschinenbau

Parallel dazu entwickelte sich auch in Chemnitz eine starke Büromaschinen-Industrie mit Akteuren wie den Astrawerken, den Wandererwerken und anderen Unternehmen, die sich vor allem auf den praktischen Gebrauch im Buchungswesen konzentrierten. Ein Großteil dieser Firmen wurde nach dem II. Weltkrieg zunächst verstaatlicht und dann in das DDR-Computerkombinat Robotron integriert – das wiederum seinen Hauptsitz in Dresden hatte. In Glashütte entstanden in dieser Zeit unter anderem noch Analogcomputer, diese Entwicklungslinie endete aber spätestens mit der Wende.

Der Analogcomputer ENDIM 2000 wurde im sächsischen Glashütte produziert. Foto: Heiko Weckbrodt

Der Analogcomputer ENDIM 2000 wurde im sächsischen Glashütte produziert. Foto: Heiko Weckbrodt

Rechenmaschinen und Computer werden heute zwar nicht mehr im Freistaat industriell hergestellt. Doch das Fachkräftereservoir, das Know-how und die Zuliefernetze der einstigen Rechenmaschinen- und Computerindustrie wirken bis heute in der sächsischen Wirtschaftsstruktur nach.

Autoren: Christian Ruf und Heiko Weckbrodt

Quellen: Sächsisches Industriemuseum Chemnitz, Oiger-Archiv, glashuette.de, Wikipedia, TSD

Zum Weiterlesen:

“Hergestellt in Glashütte”

Vom Abakus zum Chip

Industrieausstellung Boom

 

 

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Über Christian Ruf:

Christian Ruf wurde 1963 in München geboren und hat Geschichte sowie Politologie in München und Bonn studiert. Bereits vor dem Mauerfall reiste er mehrmals in die DDR, nach Polen und in die Sowjetunion. Nach der Wende zog er nach Sachsen um. Heute ist er als freier Journalist mit den Schwerpunkten Kultur und Geschichte in Dresden tätig, wenn er nicht gerade in anderen Ecken der Welt unterwegs ist.