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Roboterförderation: Nach Corona wird im Westen eine Re-Industrialisierung mit Robotern einsetzen

Das Industriemuseum schlägt auch den Bogen zu den hochautomatisierten Roboterfabriken der Gegenwart und Zukunft. Foto: Heiko Weckbrodt
Industrieroboter im Industriemuseum Chemnitz. Foto: Heiko Weckbrodt

Arbeitsmarkt-Effekte der Automatisierung bleiben aber umstritten

Frankfurt am Main/Cambridge/Nürnberg, 27. Mai 2020. Die Corona-Krise wird wahrscheinlich in einigen Regionen zu einer Wieder-Industrialisierung und noch mehr Robotern in der Produktion führen. „Nach der Krise erwarten wir einen erheblichen Schub für die Robotik und Automatisierung, auch wenn sich die Branche derzeit nicht vom wirtschaftlichen Abschwung abkoppeln kann“, schätzte die „Internationale Förderation für Robotik“ (IFR) in Frankfurt am Main ein.

Konzerne überdenken seit der Seuche ihre Lieferketten

Ein Grund dafür: Wegen der Pandemie und der folgenden Ausgangssperren fielen für viele Industriebetriebe in Europa, in den USA und anderen Hochtechnologie-Ländern zunächst China und danach auch Norditalien sowie weitere Länder und Regionen als Zulieferer aus. Dies hat VW, Apple und vielen anderen Konzernen vor Augen geführt, wie empfindlich ihre Wertschöpfungsketten auf solche Störungen reagieren – vor allem, wenn sie sich zu sehr von nur ganz wenigen Zulieferer abhängig gemacht haben. „Daher überdenken auf der ganzen Welt viele Unternehmen ihre globalen Lieferketten und Geschäftsmodelle“, betont die IFR. „Dies wird wahrscheinlich die Einführung von Robotern beschleunigen und in einigen Regionen zu einer Renaissance der Industrieproduktion führen – und Arbeitsplätze zurückbringen.“

Förderations-Präsident: Roboter schaffen unterm Strich neue Jobs

Nach Einschätzung der IFR hat der Robotereinsatz in den vergangenen Jahrzehnten unterm Strich eher zu mehr als zu weniger Jobs geführt. Dieser Effekt werde sich auch nach der Corona-Krise einstellen: „Die Auswirkungen der Automatisierung auf die Beschäftigung unterscheiden sich in keiner Weise von früheren Wellen des technologiegetriebenen Wandels“, meint IFR-Präsident Milton Guerry. „Produktivitätssteigerungen und Wettbewerbsvorteile der Automatisierung ersetzen keine Arbeitsplätze – sie automatisieren Aufgaben, erweitern Arbeitsplätze und schaffen neue.“

IAB Nürnberg: Roboter haben zu Umschichtungen geführt, aber nicht zu weniger Arbeit

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen war in Deutschland auch das Arbeitsagentur-nahe Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus Nürnberg gekommen: In einer Studie im Jahr 2018 kamen die IAB-Forscher zur Einschätzung, dass der Robotereinsatz in Deutschland seit den 1970er Jahren zwar Arbeitsplätze wegrationalisiert habe, dafür aber neue und oft auch bessere Arbeitsplätze entstanden seien. „Technischer Fortschritt hat in Deutschland bislang nicht zu weniger Arbeit geführt, sondern zu einer Umschichtung von Arbeitsplätzen und Arbeitskräften“, betonen die IAB-Forscher Hermann Gartner und Heiko Stüber.

MIT-Ökonom Acemoglu: Jeder Roboter senkt Beschäftigung und Lohnniveau in der Region

Es gibt aber auch gegenteilige Befunde: Der Ökonom Daron Acemoglu vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) hatte unter dem Titel „Robots and Jobs: Evidence from US Labor Markets“ im April 2020 eine Studie vorgelegt, laut der der Robotereinsatz in den USA mindestens seit 1990 ungünstig auf den US-Arbeitsmarkt gewirkt haben. Acemoglu hat ausgerechnet, dass jeder neue Industrieroboter pro 1000 Arbeiter die Beschäftigungsrate in jeweiligen Region um 0,2 Prozentpunkte senkt und das Lohnniveau um 0,42 Prozentpunkte. Zudem fördere der Robotereinsatz die Ungleichheit in der jeweiligen Region, da durch die Automaten vor allem Tätigkeiten von niedrigem oder mittlerem Qualifikationsniveau wegfallen. Diese Arbeiter haben laut Acemoglu mehr Probleme als Hochqualifizierte, nach einer Rationalisierungswelle einen neuen Job zu finden. 

Statistikvideo zum
globalen Roboter-
Einsatz (IFR):

Roboter-Verband widerspricht

Die IFR hält diese Studie für nicht zutreffend und verweist unter anderem auf Statistiken aus der US-Autoindustrie als größtem Roboternutzer im Land: Laut dem „U.S. Bureau of Labor“ sei die Zahl der Jobs dort zwischen 2013 und 2018 um 22 Prozent auf über eine Million Arbeitsplätze gestiegen – während gleichzeitig der globale Roboterbestand um 65 Prozent auf 2,4 Millionen Roboter gestiegen sei.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: IFR, MIT, IAB, Oiger-Archiv

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger