Dresden-Lokales

Vom zerstörten Aleppo nach Dresden – und wieder zurück?

Margit Schönhöfer war früher Deutschlehrerin - jetzt bringt sie ehrenamtlich im Gemeidnesdaal der Versöhnungskirche Dresden-Striesen Flüchtlingen Deutsch-Grundkenntnisse. Zu ihren Schülern gehört auch der Sysrer Mazlum Baker, der auf ein sicheres Leben in Deutschland gehofft hatte - nun droht ihm die Abschiebung. Foto: Peter Weckbrodt

Margit Schönhöfer war früher Deutschlehrerin – jetzt bringt sie ehrenamtlich im Gemeindesdaal der Versöhnungskirche Dresden-Striesen Flüchtlingen Deutsch-Grundkenntnisse bei. Zu ihren Schülern gehört auch der Syrer Mazlum Baker, der auf ein sicheres Leben in Deutschland gehofft hatte – nun droht ihm die Abschiebung. Foto: Peter Weckbrodt

Kriegsflüchtling Mazlum Baker wollte sich in Sachsen eine neue Zukunft aufbauen, doch nun droht die Abschiebung

Dresden. Um Flüchtlingen das Gefühl zu geben, in Dresden wirklich willkommen und keine morgenländischen Bösewichte zu sein, haben engagierte Gemeindemitglieder der Versöhnungskirche in Dresden-Striesen einen Deutschkurs für Asylbewerber ins Leben gerufen. Unterstützt von ehrenamtlichen Betreuern und Lehrern, lernen die Männer und Frauen aus dem Nahen Osten und Nordafrika hier Deutsch, um den Alltag in der für sie so fremden Stadt zu bewältigen. Einer von ihnen ist der Frisör Mazlum Baker, der aus dem syrischen Aleppo nach Sachsen kam, um dem Bürgerkrieg daheim zu entkommen. Inzwischen weiß er, dass er in Dresden nicht bleiben darf.

Versöhnungsgemeinde organisiert Deutschkurs für Asylbewerber

„A, B, C – die Katze läuft im Schnee“ schallt es durch den Gemeindesaal in Dresden-Striesen. „Und als nach Haus sie wieder kam, da hat sie weiße Stiefel an…“ Es sind keine Kinder, die dem Ruf zur Versöhnungskirche gefolgt sind, um hier das Alphabet zu singen, sondern erwachsene Männer und Frauen. Viele von ihnen sind Muslime. Den meisten sieht man an, dass sie nicht in Dresden oder überhaupt in unseren Breitengraden geboren wurden. Flüchtlinge, die ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben, um in Deutschland Schutz und Asyl zu finden. Die in Dresden gelandet sind. In der Stadt, an der erst am Vorabend wieder Tausende durch die abendliche Innenstadt zogen, weil sie eine Islamisierung des Abendlandes wittern.

Die Gemeindemitglieder haben die Unterrichtsmittel für die Flüchtlinge selbergebastelt, darunter auch Schautafeln und CDs. Foto: Peter Weckbrodt

Die Gemeindemitglieder haben die Unterrichtsmittel für die Flüchtlinge selbergebastelt, darunter auch Schautafeln und CDs. Foto: Peter Weckbrodt

Woher kommst Du?

„O jemine! O jemine! Die Katze lief im Schnee“, tasten sich die zehn Asylbewerber an diesem Dienstagvormittag an das deutsche Alphabet heran. Kaum einer von ihnen hat je zuvor Deutsch gesprochen, die meisten hier am Tisch sind mit Arabisch oder Persisch als Muttersprache aufgewachsen. Als das Lied ausgesungen ist, zeigt die ehemalige Deutschlehrerin Margit Schönhöfer auf einen Zettel, den sie mit beigen Streifen an den Wandschrank geklebt hat. „Wie heißt Du“, liest die Asylklasse im Chor laut ab. „Woher kommst Du?“

„Ich war verzweifelt“

Während Mazlum Baker zusammen mit den anderen diese Frage in der fremden Sprache intoniert, mögen seine Gedanken wohl öfter um seine Heimat kreisen, in die er vielleicht bald zurückkehren muss. Doch Aleppo, die 4000 Jahre alte Stadt, liegt längst in Trümmern. Seit einigen Tagen kennt der 25-jährige Syrer die Bilder vom zerbombten Dresden anno 1945. So sähe es jetzt in seiner Heimatstadt aus, sagt er. Dort hat er seine Familie, den Vater und die Geschwister zurückgelassen. Lange hatte trotz des Krieges in der zerstörten Stadt ausgeharrt, hatte immer wieder versucht, Medizin für seine herzkranke Mutter zu bekommen. Doch die Türken, an die er sich wandte, verweigerten im die lebensnotwendigen Medikamente – und seine Mutter musste sterben. „Ich war verzweifelt“, erzählt der gelernte Frisör und Schneider.

In Syrien ist die Winterversorgung der kriegsgebeutelten Menschen nicht gesichert, warnt arche noVa. Foto: arche noVa

Bilder aus dem kriegszerstörten Syrien. Foto: arche noVa

Schlepper kassierten 2500 € pro Kopf

Tolle Frisuren braucht in der zerbombten Handelsmetropole im Norden Syriens längst keiner mehr – und so kratzte Mazlum Baker seine Ersparnisse zusammen und drückte gemeinsam mit einem Weggefährten einem Schlepper 5000 Euro in die Hand. Die Schleuser brachten die beiden zusammen mit anderen Flüchtlingen mit Lastern über die türkische Grenze nach Bulgarien. Dort landete der Syrer gleich erstmal für einen Monat im Gefängnis. Dann wurde er aufgefordert, einen Asylbewerberantrag zu stellen. Tatsächlich erhielt er danach einen bulgarischen Pass. Aber, so sagt Baker, in Bulgarien habe er unmöglich bleiben können: keine Arbeit, kein Geld, keine Wohnung, nichts zu Essen. Eben absolut Nichts.

Im Gemeindesaal der Dresdner Versöhnungskirche sitzen die Asylbewerber zusammen mit ihrenb ehrenamtlichen Betreuern im Deutsch-Unterricht. Foto: Peter Weckbrodt

Im Gemeindesaal der Dresdner Versöhnungskirche sitzen die Asylbewerber zusammen mit ihrenb ehrenamtlichen Betreuern im Deutsch-Unterricht. Foto: Peter Weckbrodt

Per Anhalter von Bulgarien nach Deutschland

Deshalb sei er im März 2014 per Anhalter mit dem Auto weiter nach Deutschland gefahren. Von München über Hoyerswerda kam er nach Dresden. Hier wohnt er jetzt im Asylheim in der Florian-Geyer-Straße in einer Zwei-Raum-Wohnung. Immerhin habe einen Raum für sich allein. In das andere Zimmer teilten sich zwei Afghanen. Miete und Strom bekomme er umsonst, zum Leben außerdem 330 Euro monatlich.

Deutschland lockt mit Wohlstand, Recht und Gesetz

Eigentlich fühlt sich Baker in Dresden wohl. Er schätze Deutschland wegen seines Wohlstandes und weil hier Recht und Gesetz gelten, erklärt er. Er möchte arbeiten, sich eine Zukunft gestalten. Wenn da nicht das große Aber wäre: Sein Asylantrag wurde bereits zweimal abgelehnt, ihm drohe die Abschiebung – nach Bulgarien! Hintergrund ist eine europäische Reglung, laut der Flüchtlinge in dem Land Asyl beantragen müssen, in dem sie den EU-Raum betreten haben.

Lieber zurück in die Trümmerwüste als nach Bulgarien

Aus seiner Verzweiflung macht Mazlum Baker keinen Hehl: „Werde ich nach Bulgarien abgeschoben, gehe ich lieber zurück nach Syrien. In Bulgarien sterbe ich, das weiß ich.“ Autor: Peter Weckbrodt

-> Deutschkurs für Asylbewerber, jeden Dienstag und Freitag 10 bis 11.30 Uhr, Gemeindesaal der Versöhnungskirche Dresden, Schandauer Straße 35; Informationen durch Aushänge im Sozialamt (gleich gegenüber) und in den Wohnheimen

Zum Weiterlesen:

Kommentar: Ab nach Bulgarien – in den Tod?

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[caption id="attachment_67607" align="alignleft" width="117"]Peter Weckbrodt. Foto: IW Peter Weckbrodt. Foto: IW[/caption]Peter Weckbrodt hat ursprünglich Verkehrswissenschaften studiert, wohnt in Dresden und ist seit dem Rentenantritt journalistisch als freier Mitarbeiter für den Oiger und die Dresdner Neuesten Nachrichten tätig.

3 Kommentare

  1. Ana Maria sagt

    Was würdest du machen, wenn du in einem Land leben sollst, wo es keine Arbeit gibt, keine Sozialleistungen und du damit dir in keinster Weise ein Leben finanzieren kannst? Würdest du bleiben, auf der Straße hausen und betteln? Oder doch weiterziehen, in der Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben?
    Manchmal hilft es, die einfache Form der ‚Empathie‘ anzuwenden und sich in die Menschen hineinzuversetzen, wieso sie weiterzogen nach Deutschland.

  2. Monika Disouky sagt

    Richtig Herr Hawkens, wir schicken, die die nichts mehr haben zu denen, welche nicht viel mehr haben, damit wir, die wir genug haben um helfen zu können in unserem Reichtum nicht gestört werden. Und das ganze nennen wir dann: Verteidigung des „christlichen“ Abendlandes. 🙁

  3. Sam Hawkens sagt

    Tja, was will uns dieser Artikel sagen?

    Sicherlich ist er gut gemeint.

    Aber irgendwie sehe ich hier wieder ein Vorurteil bstätigt:

    Bulgarien gibt mir Asyl, aber das will ich nicht, weil in Deutschland bekomme ich Wohnung und Geld ……

    Ist am Ende doch wahr, was immer verneint wird??

    (Die Leute kommen nur zu uns, weil sie Sozialleistungen „kassieren“ wollen)

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