Dresden-Lokales, Geschichte
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Verlorene Orte: Der alte Leipziger Bahnhof in Dresden

Das ehemalige Empfangsgebäude des alten Leipziger Bahnhofs in Dresden verfällt. Foto: Heiko Weckbrodt

Das ehemalige Empfangsgebäude des alten Leipziger Bahnhofs in Dresden verfällt. Foto: Heiko Weckbrodt

Teil I: Einst Sachsens Einstieg in das Eisenbahn-Zeitalter, dann Umschlagplatz für Massenmord, heute ein wildes Biotop

Dresden, 10. Februar 2015: Für unsere Serie „Verlorene und vergessene Orte“ haben wir diesmal den alten Leipziger Bahnhof in Dresden besucht. Richtig runtergekommen ist das, was sich dem Betrachter unfern des heutigen Neustädter Bahnhofs zeigt: Dort stand einst Dresdens erster Bahnhof überhaupt, brach Sachsen auf ins Eisenbahn-Zeitalter. Später, als der Neustädter Bahnhof diese Rolle übernahm, wurde das riesige Areal jahrzehntelang als Güterbahnhof genutzt – und heute wuchern Büsche und Sträucher durch die einst so repräsentativen Bauten.

Wildwuchs dominiert in der „Prelle“

„Prelle“ nannten die hier ihren Dienst schiebenden Eisenbahner den zur Eisenbahnstraße hin liegenden Teil der Bahnhofsanlagen. Hier endeten eben alle Gleise an einem Prellbock. Die Gleise sind inzwischen abgebaut oder überwuchert. In den ehemaligen Bahnhofsgebäuden haben sich diverse Gewerbetreibende und Künstler eingerichtet. Wo früher die Fahrzeuge der Spediteure auf Abfertigung harrten, warten nun die Mietautos eines bekannten Verleihers auf ihre Kunden.

Glanzvoller Auftakt vor 177 Jahren

Der historische Stich zeigt den alten Leipziger Personenbahnhof. bevor der Neustädter Bahnhof ihn ersetzte. Repro: Peter Weckbrodt

Der historische Stich zeigt den alten Leipziger Personenbahnhof. bevor der Neustädter Bahnhof ihn ersetzte. Repro: Peter Weckbrodt

Die Plakette am Neustädter Bahnhof erinnert an den Wasserbaudirektor Theodor Kunz. Foto: Peter Weckbrodt

Die Plakette am Neustädter Bahnhof erinnert an den Wasserbaudirektor Theodor Kunz.
Foto: Peter Weckbrodt

Dabei begann alles so glanzvoll. Am 19. Juli 1838 fuhr der erste Personenzug von hier, zunächst recht bescheiden, bis nach Radebeul-Weintraube. Richtig los ging es dann am 7. April 1839, als in den Nachmittagstunden der erste Zug den Bahnhof erreichte, der damit die deutsche Fernbahnstrecke Leipzig-Dresden eröffnete. Geleitet hatte den Bau der Strecke der Dresdner Wasserbaudirektor Theodor Kunz. Eine an der Ecke zur Hansastraße des Neustädter Bahnhofs angebrachte Bronze-Relieftafel mit Portrait und Inschrift erinnert heute an ihn.

Errichtet wurde der Bahnhof Alte Leipziger Bahnhof dort, wo die Großenhainer Straße und die Leipziger Straße im spitzen Winkel zusammen kommen, wo zugemauerte Bahnbögen die Sicht auf den historischen Teil des Bahnhofsgeländes verhindern.

Nur noch Teile des alten Bahnhofs stehen noch

Vom ersten Bahnhof sind keine Gebäude mehr erhalten. Hingegen existieren noch einige, im klassizistischen Stil der Zeit errichtete Gebäudeteile des Bahnhofs aus dem Jahre 1857. Sie stehen unter Denkmalschutz und sind von der Eisenbahnstraße aus gut einsehbar. Für den Reiseverkehr ausgedient hatte der Bahnhof mit der Fertigstellung des Bahnhofs Dresden-Neustadt im Jahre 1901.

Güterverlagerung auf die Straße ließ Bahnhof veröden

Die später im Klinkerbaustil für die Bahnhofsverwaltung und für die Güterabfertigung errichteten Gebäude befinden sich in einem unterschiedlichen Erhaltungszustand. Auf den Gebäuderückseiten schließen sich vier lange Güterschuppen an, die bis kurz nach der Wende ein enormes Aufkommen an Stückgut für den gesamten Dresdner Raum hatten. Dann kam das Aus für den Stückgutverkehr der Deutschen Reichsbahn. Die Transporte wurden auf die Straße verlagert.

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Aus der Prelle an die Front, zum Schlachthof oder gar nach Auschwitz

Ähnlich beeindruckend wie die Güterböden sind die Überreste der auf eine halbe Zuglänge berechneten kombinierten Kopf- und Seitenrampen in der Prelle. Sie ermöglichten das flotte Be- und Entladen ganzer Wagenzüge mit Post, Express- und Eilgut. Hier begannen und endeten auch, beginnend mit der Königlich-Sächsischen Armee, die Militärtransporte zum Manöver oder aber an die Front. Dresden war immerhin die zweitgrößte Garnisonsstadt im deutschen Kaiserreich. Es folgte die Zeit der Reichswehr, dann die der Wehrmacht.

Reichsbahn deportierte Juden von hier aus

Vom Güterbahnhof Dresden-Neustadt wurde zu den Schlachtfeldern an der Ost- und der Westfront gefahren und gestorben. Während des II. Weltkrieges war der Bahnhof auch Ausgangspunkt zweier Deportationszüge. Am 21. Januar 1942 verließ ein Zug mit 224 Juden aus dem Regierungsbezirk Dresden-Bautzen in ungeheizten Güterwagen den Bahnhof. Er erreichte vier Tage später das Ghetto Riga. Ein gutes Jahr später, am 3. März 1943, wurden weitere 293 Juden aus Dresden verladen. Die Juden hatten zuvor Zwangsarbeit bei der Zeiss Ikon AG leisten müssen und hatten in Baracken am Hellerberg gelebt. Ziel des zweiten Transportes war das Vernichtungslager Auschwitz. An diese Deportationen erinnern eine Gedenktafel und ein im Fußweg eingelassener Davidstern an der rechten Eingangsseite des Neustädter Bahnhofs.

Rote Armee rückte vom Bahnhof aus gen Osten ab

Geradezu übergangslos folgte nach Kriegsende als intensiver Nutzer der Be- und Entladeanlagen die Sowjetarmee. Ein letztes Blatt wurde für deren Dresdner Garnison in den Jahren 1991/92 mit deren vollständigem Abzug geschrieben. Der Zustand der aus Richtung Arsenal/Marienallee kommenden Truppen und Ausrüstungen bot den seinerzeit diensttuenden Eisenbahnern ein klägliches Bild. Von der einst gefürchteten Kampfkraft dieser Armee war unübersehbar wenig geblieben.

Arme Schweine überlebten Transporte oft nicht

Aber auch für den Viehtransport eigneten sich die umfangreichen Rampenanlagen und wurden entsprechend intensiv genutzt. Die vorrangig aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg kommenden Viehtransporte mussten als Zwischenstopp an den Rampen bereit gestellt werden. Hier wurden die oft schon tödlich erschöpften Tiere mit Wasser versorgt und durch veterinärmedizinisches Personal kontrolliert. Besonders hoch waren die schon bis Dresden eingetretenen Verluste bei Schweinen. Fersen, Schafe und Ziegen erwiesen sich als robuster.

Nach der Wende endete die Tierquälerei hier

Vom Güterbahnhof fuhren die Transporte meist in Richtung Balkan, teilweise sogar bis in den Nahen Osten, weiter. Noch in den 1990er Jahren kam dann das gesetzliche Aus für diese Tierquälerei. Autor: Peter Weckbrodt

 

Aus unserer Serie „Verlorene und vergessene Orte:

Teil II: Streit um Globus-Markt auf Bahnhofsgelände

Vergessene Orte: Die alte Malzfabrik in Dresden-Niedersedlitz

Vergessene Orte: Die Brotfabrik in Dölzschen

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