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Umsatzminus & Verluste: Solarwatt sieht Zukunft als Systemanbieter

Der Solarmodul-Hersteller setzt in seiner Dresdner Fabrik auch auf Automatisierung. Abb.: Solarwatt

Der Solarmodul-Hersteller setzt in seiner Dresdner Fabrik auch auf Automatisierung. Abb.: Solarwatt

Dresden, 18.4.2012: Die Photovoltaik-Krise setzt „Solarwatt“ weiter unter Druck: Die Umsätze des Dresdner Solarmodulherstellers sind im Jahr 2011 um über ein Drittel auf unter 200 Millionen Euro abgesackt, auch landete Solarwatt in den roten Zahlen, wie Vertriebsvorstand Detlef Neuhaus mitteilte. Die Firma will der Krise nun mit einem neuen Profil begegnen.

Solarwatt-Vorstand Detlef Neuhaus. Abb.: Solarwatt

Solarwatt-Vorstand Detlef Neuhaus. Abb.: Solarwatt

Der Verlust bewege sich im „niedrigen Millionen-Bereich“, sagte Neuhaus, ohne genaue Zahlen nennen zu wollen. „Das Ergebnis ist unerfreulich, wir sind aber nicht existenziell bedroht.“ Das Unternehmen habe genug Reserven, um notfalls auch ein weiteres Verlustjahr auszugleichen, betonte er auf Oiger-Anfrage. Schuld am Minus, so Neuhaus, seien der massive Preisverfall für Photovoltaik auf den Weltmärkten und das „skandalöse Herumdrehen“ deutscher Politiker an den Einspeisevergütungen für Solarstrom.

Auf den letzten 100 Metern die Luft abgeschnürt

Unbestritten sei, dass die Subventionen für die Branche schrittweise abgebaut werden müssten, betonte der Solarwatt-Manager. Jetzt aber abrupt die Einspeisevergütungen zu drosseln, während man die Energiewende verkünde, asiatische Regierungen ihre Solarindustrie hochfüttern und die Preisgleichheit zwischen Sonnen- und „Normal“-Strom fast erreicht sei, „das ist so, als ob man einem Marathon-Läufer auf den letzten 100 Metern die Luft abschnürt“, sagte Neuhaus.

Immerhin traf es die Dresdner nicht so hart wie Q-Cells in Bitterfeld oder „First Solar“ in Frankfurt/Oder, die jetzt vor dem Aus stehen: Solarwatt hat (bisher) auf Entlassungen verzichtet und nur wenig an der Personalschraube gedreht. Die Stammbelegschaft schrumpfte zwischen 2010 und 2011 von 473 auf 456 Mitarbeiter – „aber nur durch normale Fluktuation“, wie Sprecherin Sabine Penkawa unterstrich. Allerdings beschäftigt Solarwatt nun weniger Zeitarbeiter, nämlich jahresdurchschnittlich 70 statt 117 Leihkräfte.

Werbevideo von Solarwatt für den Energiemanager

Durch Moderniserungsinvestitionen in seinen Anlagenpark und eine schärfere Profilierung als Qualitäts- und System-Anbieter will sich Solarwatt aus der Krise herausarbeiten und wieder steigende Umsätze realisieren. Im Gegenzug werde man sich aus einigen Geschäftsfeldern zurückziehen, auf denen man gegen die asiatischen Großfabriken mit deren Kostenvorteilen eh keine Chance habe, so Neuhaus. Dazu gehört die Ausrüstung von Groß-Solarkraftwerken mit über 20 Megawatt Spitzenleistung auf Freiflächen.

Im Einkauf haben die Dresdner schon an der Kostenschraube gedreht: Sie beziehen jetzt den größten Teil der Solarzellen, die sie in ihre montagefertigen Photovoltaik-Module einbauen, aus Taiwan – die seien in Qualität und Preis kaum zu toppen, sagte Neuhaus. Deutsche Zellen machen nur noch zehn bis 20 Prozent aus.

Umsatzentwicklung bei Solarwatt Dresden. Quelle: Solarwatt

Umsatzentwicklung bei Solarwatt Dresden. Quelle: Solarwatt

All diese eingekauften Zellen werden von Solarwatt aber weit höheren Qualitätstests unterworfen und hochwertiger weiterverarbeitet als sonst branchenüblich, wie der Manager unterstreicht und damit auf ein Alleinstellungsmerkmal zielt: „Wer Module von uns kauft, bekommt deutsche Qualitätsarbeit, die auch noch nach zehn, 20 oder 30 Jahren noch die versprochene Ausbeute liefert.“

70-prozentige Energieautarkie versprochen

Außerdem wollen sich die Dresdner auf Häuslebauer sowie kleine und mittlere Unternehmen als Kernzielgruppen konzentrieren. Und die sollen nicht nur Solarpaneele bei Solarwatt kaufen, sondern hochwertige Komplettsysteme, die auch Energie-Speicher, -Manager und -garantien umfassen. Ziel: Wer solch ein Solarwatt-System installiert, kann seine Eigenstrom-Versorgungsquote von derzeit üblichen 25 Prozent auf rund 70 Prozent steigern. Dadurch könne sich eine Firma beziehungsweise ein Hauseigentümer viele teure Zukäufe aus dem Stromnetz des örtlichen Energieversorgers sparen, argumentiert Neuhaus.

Lithium-Akkus statt Blei-Batterien als Energiespeicher

Dafür setzt Solarwatt auf modernste Technik, mit denen man sich von der Konkurrenz absetzen will. Statt kellerfüllender Blei-Akkus werden bei den Dresdner Systemen, die ab 2013 auf den Markt kommen sollen, Lithium-Ionen-Energiespeicher eingesetzt, die nur einen Wandschrank füllen. Sie sollen den Modulstrom dann zwischenspeichern, wenn die Sonne ordentlich strahlt, aber wenige Verbrauchsgeräte am Netz hängen. Abgeben wird die Energie erst, wenn sie wirklich gebraucht wird.

Außerdem haben die Dresdner spezielle Computerprogramme (Energiemanager) entwickelt, die den Strombezug diverser Haushaltsgeräte besser aufeinander abstimmen sollen. Und die Firma will seinen Kunden förmlich garantieren, dass die Qualitätssysteme aus Dresden auch nach Jahrzehnten noch so funktionieren wie versprochen – wenn doch etwas ausfällt, bekommt der Kunde alles Material, Energieausfälle etc. voll ersetzt. „Ohne Wenn und Aber“, betont Neuhaus.

Aus der Geschichte

Solarwatt wurde 1993 von Lothar Schlegel und Dr. Frank Schneider gegründet und spezialisierte sich auf die Fertigung von Solarmodulen – ein Experiment mit einer per Zukauf erworbenen eigenen (aber viel zu klein dimensionierten) Solarzellen-Fertigung wurde rasch wieder beendet.

Besonders ab der Jahrtausendwende kletterten die Umsätze bei Solarwatt rasant, stagnierten aber ab 2008 um die 300 Millionen Euro. Das Unternehmen produziert seine Module größtenteils in seiner Fabrik im Dresdner Norden – in Sichtweite des Zentrums Mikroelektronik Dresden (ZMDi), des Fraunhofer-Instituts für Photonische Mikrosysteme (IPMS) und anderer Hightech-Betriebe und Forschungseinrichtungen.

Heiko Weckbrodt

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