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Sachsens Wirtschaft bleibt wachstumsschwach

Einst galt Deutschland als Innovator und Exportweltmeister, erfand das Auto, den Transrapid und Aspirin. Heute kriecht die deutsche Wirtschaft (BIP-Wachstum 2025. +0,1 %) im Vergleich zu China (BIP-Wachstum 2025. +5 %) nur noch wie eine Schnecke, hat an Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit verloren. Auch in Sachsen ist die Langzeitkrise unübersehbar geworden. Visualisierung: Ki Dall-E/ChatGPT, Prompt: Heiko Weckbrodt
Einst galt Deutschland als Innovator und Exportweltmeister, erfand das Auto, den Transrapid und Aspirin. Heute kriecht die deutsche Wirtschaft (BIP-Wachstum 2025. +0,1 %) im Vergleich zu China (BIP-Wachstum 2025. +5 %) nur noch wie eine Schnecke, hat an Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit verloren. Auch in Sachsen ist die Langzeitkrise unübersehbar geworden. Visualisierung: Ki Dall-E/ChatGPT, Prompt: Heiko Weckbrodt

Ifo Dresden: Talsohle ist erreicht, aber die Krise dauert womöglich noch viele Jahre an

Dresden, 18. Dezember 2025. Die ostdeutsche und speziell auch die sächsische Wirtschaft werden sich in absehbarer Zeit wohl kaum aus dem deutschen Krisental herauswinden können: Zu erwarten sind Jahre mit Stagnation und allenfalls Miniwachstum. Das geht aus Einschätzungen des Ifo-Instituts in Dresden hervor.

Die Aussichten für Wachstum und Beschäftigung sind in Sachsen und Ostdeutschland eher mau. Tabelle: Ifo Dresden
Die Aussichten für Wachstum und Beschäftigung sind in Sachsen und Ostdeutschland eher mau. Tabelle: Ifo Dresden

0,6 Prozent „Wachstum“ für 2026 erwartet – nur ein Drittel davon ist echtes Wachstum

Demnach hat Sachsen sein Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 gerade mal um 0,1 Prozent steigern können. Für 2026 gehen die Ökonomen von 0,6 Prozent Wachstum aus. Wobei davon aber nur ein Drittel „echtes“ Wachstum ist: Ein Großteil kommt durch zusätzliche Arbeitstage im Kalenderjahr und durch fiskalische Effekte zustande. Rechne man diese Effekte heraus, sei es regelrecht „beschämend, dass wir mit soviel Geld so wenig ausrichten“, meint Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz vom Ifo Dresden mit Blick auf die Bundesschuldenpakete.

Prof. Joachim Ragnitz ist Stellvertretender Leiter der ifo-Niederlassung Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt
Joachim Ragnitz. Foto: Heiko Weckbrodt

„Es ist beschämend, dass wir mit soviel Geld so wenig ausrichten.“
Ifo-Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz

Damit liegt Sachsen ziemlich nahe an den Prognosen für Gesamtdeutschland. Für Ostdeutschland hingegen, das seit der Wende weniger industriell und daher weniger stark von der deutschen Exportschwäche als der Westen geprägt ist, rechnen die Ifo-Forscher mit 0,4 Prozent Zuwachs für 2025 und 0,7 Prozent für das Jahr 2026.

Ohne tiefe Reformen kommt Wirtschaft die nächsten Jahre nicht mehr aus dem Tal heraus

Und diese Schwächephase, die seit der Corona-Krise anhält, wird Sachsen und ganz Deutschland wahrscheinlich auf Jahre hin begleiten, wenn es nicht endlich zu tiefgreifenden Reformen kommt, meint Joachim Ragnitz. Denn mittlerweile hat die lange Multikrise die Reserven vieler Mittelständler aufgebraucht. Die Industrie ist in vielerlei Hinsicht so stark in der Defensive, dass selbst überraschende Aufwärtsimpulse nur wenig ausrichten könnten. Zu den Gründen zählen anhaltender Reformstau, der schon in der Merkel-Ära begann, demografischer Wandel, Selbstzufriedenheit und mangelnder Fortschrittsdrang. Konkret verweist Ragnitz auf mangelnde Fachkräfte, zu wenig Sachinvestitionen in die Fabriken, zu wenig technologischer Fortschritt, gepaart mit Überregulierung, Bürokratie, hohen Energiekosten und ungelösten Problemen in den sozialen Sicherungssystemen.

Hinzu kommen Donald Trumps Wirtschaftskriege gegen den Rest der Welt, die staatlich gewünschten Abkopplungsversuche von China und der russische Krieg in der Ukraine, der die deutschen Energiepreise noch mal deutlich gesteigert hat und zudem durch Hilfslieferungen an Kiew deutsche Ressourcen bindet.

„Haben uns zu lange auf dem Status als Exportweltmeister ausgeruht“

„Wir haben uns zu lange auf dem Status als Exportweltmeister ausgeruht und dabei nicht gemerkt, wie andere aufgeholt haben“, sagt Ragnitz. Und mit „andere“ meint er vor allem China, das Deutschland beim Export industrieller und eben auch technologischer Produkte längst den Rang abgelaufen hat. „Leider haben viele Politiker den Ernst der Lage immer noch nicht erkannt.“

Ifo-Niederlassung Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt
Ifo-Niederlassung Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Wettbewerbsfähigkeit ist immer weiter gesunken – auch durch fortwährende politische Eingriffe

Denn gerade die Exportkraft der Industrie war es vor allem, die Wohlstand und Sozialsysteme im Land über Jahrzehnte hinweg finanziert hat. Zudem hat sie lange traditionelle Schwächen Deutschlands – etwa bei digitalen Dienstleistungen, wie sie die USA beherrschen, oder durch Nachfrageschwächen in einem eher kleinen nationalen Binnenmarkt bedingte Probleme – wettgemacht. Nun drohen diese Kartenhäuser in sich zusammenzufallen, weil Maschinenbau, Autobau und andere Leitindustrien in Deutschland an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verloren haben – und dies wiederum nicht nur, aber eben auch durch staatliche und überstaatliche Eingriffe. Dazu gehören Regulierungsexzesse wie Lieferkettengesetz, Datenschutzgrundverordnung, Entwaldungsverordnung, De-facto-Verbrenner-Verbote, staatlich induzierte Fehlentscheidungen bei Leitkonzernen wie VW, aber auch versicherungsfremde Leistungen, wie die Mütterrente, die CSU-Politiker in die Rentensysteme hineinpacken, dazu die Mindestlohnsprünge und Bürgergeld-Ausgaben, die vor allem auf SPD-Wünsche zurückgehen, und dergleichen mehr. Hinzu kommen eine wachsend fortschritts- und technologiefeindliche Grundhaltung in Teilen der Gesellschaft, Innovationsschwäche, Vollkasko-Mentalität und andere Faktoren – zusätzlich zu den eigenen Versäumnissen der Unternehmen.

Pleitewelle rollt durch Sachsen

Konkret in Sachsen rollt bereits eine Pleitewelle durch Industrie und Handwerk. Der einstige Wirtschaftsmotor „Autobau“ stottert, vor allem durch die Volkswagenkrise: In Zwickau schränkt VW seine Elektroauto-Produktion mangels Nachfrage stark ein, in Dresden beendet der Konzern seine Autofertigung vollends. Das Nachsehen haben vor allem viele Automobilzulieferer, die sich in den vergangenen Jahrzehnten stark nach den Wünschen der VW-Werke in Zwickau und Chemnitz ausgerichtet haben. Der Freistaat bastelt zwar an einem „Masterplan“ für die besonders betroffenen Regionen in Südwestsachsen. Doch der kommt nur langsam voran, nicht zuletzt ist auch immer fraglich, wie sinnvoll neue Strukturen funktionieren, die durch politische Wünsche und staatliche Zuschüsse entstehen.

Technologie-offene und industrienahe Innovationsförderung hilft womöglich mehr als „Masterpläne“

„Ich bin da skeptisch“, sagt auch Ragnitz mit Blick auf den avisierten „Masterplan.“ Ohnehin sei es in erster Linie Aufgabe der Unternehmen selbst, neue Geschäftsfelder und Kunden zu finden. Sinnvoller als politisch diktierte „Masterpläne“ könne es sein, die industrienahe Forschung und generell die Innovationsförderung auszubauen – aber so, dass die Unternehmen selbst entscheiden, welche Ideen sie realisieren wollen.

Ifo-Forscher: Für echte Zukunftsinvestitionen können auch Schulden sinnvoll sein

Um solch einen technologie-offenen und unternehmerisch bestimmten Innovationskurs zu finanzieren, seien womöglich Kürzungen an anderer Stelle notwendig, meint Ragnitz – hier ist allerdings auch immer mit viel Gegenwind zu rechnen. Wenn das Geld aber wirklich in Zukunftsprojekte investiert und nicht verkonsumiert werde, dann könne es womöglich ökonomisch sinnvoll sein, dies auch durch neue Schulden zu finanzieren.

Unternehmer sind zunehmend skeptisch, ob von Merz-Regierung noch ein echter Schub kommt

Das würde allerdings voraussetzen, die in der Verfassung verankerte Schuldenbremse für diesen Zweck zu lockern. Wohin das angesichts der Begehrlichkeiten vieler Politiker führen kann, zeigen die neuen Billionenschulden der Merz-Regierung: Versprochen hatten die rot-schwarzen Koalitionäre, das geborgte Geld für Investitionen in die marode Infrastruktur, in die Aufrüstung und dergleichen zu stecken. Mehrere Ökonomen haben inzwischen nachgerechnet. Sie sind zu dem Schuss gekommen, dass die neue Bundesregierung einen Großteil, womöglich gar die Hälfte der Schulden durch allerlei Tricks umschichtet und damit konsumptive Ausgaben und Wahlgeschenke im laufenden Haushalt finanziert – etwas die CSU-Mütterrente, die wachsende Steuerfinanzierung des gesetzlichen Rentensystems und andere Sozialausgaben. Die Folgen dieser Tricksereien werden immer deutlicher: Die Regierung bürdet nachfolgenden Generationen hohe Schuldenlasten auf, kann dadurch auch dringend nötige grundlegende Reformen weiter vor sich herschieben, bringt aber kaum Konjunkturimpulse. Mittlerweile, so sagt Ragnitz, zeichne sich in den Ifo-Konjunkturbarometern eine tiefe Skepsis der Unternehmer ab, ob und wann da noch etwas von der Merz-Koalition zu erwarten sei.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Ifo Dresden, Ifo München, IW Köln, Oiger-Archiv

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger