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Jedes „Opfer“ recht gegen den Atomschlag

Alexaxander bringt das versprochene Opfer und fackelt sein Häuschen ab. Abb.: Absolut Medien

Alexaxander bringt das versprochene Opfer und fackelt sein Häuschen ab. Abb.: Absolut Medien

Tarkowskis letzter Film nun in HD-Quali auf Bluray erschienen

Was würden wir geben, um einen allesvernichtenden Atomschlag ungeschehen zu machen? Es ist der spirituelle Kampf des Einzelnen gegen äußere und innere Zerstörung, den der sowjetische Star-Regisseur Andrej Tarkowski (1932-1986) in den Fokus seines letzten Films „Opfer“ gerückt hatte, bevor er selbst an Krebs starb. Absolute Medien hat das symbolgeladene zweieinhalbstündige Werk nun auf Bluray herausgebracht.

Werbevideo (Absolut Medien):

Nietzsche, Zarathustra und der Zwerg

Im Anfang sehen wir den gealterten Theater-Schauspieler Alexander (Erland Josephson, „Fanny und Alexander“) an seinem Geburtstag an der kargen Küste von Gotland spazieren. An seiner Seite den Sohn, von ihm nur „Jungchen“ genannt. Endlos sind Alexanders Anekdoten über den Sinn klösterlicher Sisyphos-Arbeiten, seine Monologe über den Sinn des Lebens und alte Zeiten. Das „Jungchen“ kann sich nicht wehren, hat es doch noch einer Stimmbänder-OP absolutes Sprechverbot. Dann kommt auch noch der schräge Dorf-Postpote angeradelt, überreicht Alexander ein Geburtstags-Telegramm und sinniert laut über den Zwerg, der Nietzsches Zarathustra zu Fall gebracht hat.

Was ist ein echtes Opfer? Ex-Theater-Mime Alexander (Erland Josephson, rechts) und Postbote Otto (Allan Edwall) kommen ins Grübeln. Abb.: Absolut Medien

Was ist ein echtes Opfer? Ex-Theater-Mime Alexander (Erland Josephson, rechts) und Postbote Otto (Allan Edwall) kommen ins Grübeln. Abb.: Absolut Medien

Haus abgefackelt: Ex-Mime löst seinen Deal mit Gott ein

Später dann, während der Geburtstagsfeier im Haus, erschüttert eine Kernwaffe das Land und Alexander gelobt Gott, alles zu opfern, was er hat – wenn Gott nur den Atomkrieg ungeschehen macht. Auch sucht der gealterte Theatergrande sein Dienstmädchen auf, das er für eine Hexe hält, und schläft mit ihr, um diesen Pakt zu besiegeln. Am nächsten Tag ist die Welt dann tatsächlich unzerstört und Alexander löst einen Teil seines Deals mit Gott ein, zündet sein Haus an, fackelt es bis auf den steinernen Kamin ab…

Schon in früheren Filmen wie „Solaris“ oder „Stalker“ hatte Tarkowski das äußere Geschehen nur als Klammer für die Konstruktion ganz eigener philosophisch-poetischer Bilderwelten genutzt – ein Ansatz, der ihm Ruhm einbrachte, aber ihn eher bei Kritikern als beim breiten Publikum beliebt machte. Auch seinem letzten Film, der in seinem Todesjahr 1986 im schwedischen Exil entstand, sieht man die Hand eines Meisters der Bilder an: eine durchdachte Farbpalette, schwebende Kamerawinkel, kleinste Details an Mensch und Landschaft sind hier Ausfluss einer wohldurchdachten Komposition und von oft faszinierender Schönheit.

Religiöse Parabeln

Anders sieht es um die erzählerische Dimension von „Opfer“ aus: Die ordnete Tarkowski ganz den Botschaften religiösen inneren Erlebens unter, die er wohl vermitteln wollte. Handlungen und Sprache der Akteure sind hier noch artifizieller, noch kopflastiger als in früheren Filmen des Regisseurs. Hätten wir uns nicht darauf festgelegt, dass Tarkowski ein Meister und ein wahrer Künstler der Kinematografie ist, könnten wir glatt auf den Gedanken kommen, hier eine religiös und symbolistisch überfrachtete Kopfgeburt anzugucken…

Doku über sowjetischen Ausnahme-Regisseur als Bonus

Zu welcher persönlichen Wertung der Zuschauer angesichts des „Opfers“ auch kommen mag: Sehr sehens- und empfehlenswert für Filmfreunde ist die als Bonus beigelegte schwedische Dokumentation „Regie: Andrej Tarkowski“. In anderthalb Stunden schildert sie das Regieverständnis und die Arbeit des Filmkünstlers am Beispiel der Dreharbeiten von „Opfer“, ergänzt um Erläuterungen durch Tarkowskis Witwe. Die Doku zeigt einen detailversessenen Konstrukteur ganz eigener Wirklichkeiten, gleichzeitig einen sehr reflektiven, manchmal auch aufbrausenden Menschen.

Nebenbei berichtet dieses unothodoxe Making-Of auch über einen Zwischenfall während der Dreharbeiten, der Tarkowski fast verzweifeln ließ: Ausgerechnet während der Schlüsselszene, in der Alexander sein Haus verbrennt, versagte die Kamera. Doch für Tarkowski gab es eben keine Trick-Computer oder halbe Sachen: Er ließ das ganze Haus binnen weniger Tage neu aufbauen – um es dann noch einmal abzufackeln.

Fazit: starke Bilder, viel religiöse Symbolik

Abb.: Absolut Medien

Abb.: Absolut Medien

„Opfer“ schwelgt in einer starken Bildsprache, die in der restaurierten Fassung im Bluray-Format auch gut zur Geltung kommt. Gleichzeitig ist dieses kammerspiel-ähnliche Drama aber meines Erachtens doch zu sehr mit religiösen Symbolen und Botschaften überfrachtet. Ansehen sollte man sich auf jeden Fall die beigefügte Bonus-Doku, in der wir übrigens eine interessante biografische Parallele erfahren: Ursprünglich hatte der Regisseur einen Teil des Sujets so angelegt, dass der Akteur nicht auf einen Atomkrieg, sondern auf einen Tumor im Leib reagiert, als er zur „Hexe“ geht. Tarkowski selbst erlag wenige Monate nach „Opfer“ seinem Krebs.

Autor: Heiko Weckbrodt

„Opfer“ (Absolut Medien), Drama, Schweden 1986 (Bluray-Fassung: 2015), Regie: Andrej Tarkowski, 142 Minuten plus 97 Minuten Bonus-Doku „Regie: Andrej Tarkowski“, FSK 12, Bluray 20 Euro

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