Ausflugstipp, Dresden-Lokales

Mundlöcher, Lichtlöcher und Röschen

Rohstoff für die meißner Porzellane: An der Porzellanrösche befindet sich rechts oben ein alter Quarzitabbau. Foto: Peter Weckbrodt

Rohstoff für die Meißner Porzellan-Manufaktur: Bei der Grabentour stoßen wir auch auf diese Porzellanrösche, wo früher Quarzit abgebaut wurde. Foto: Peter Weckbrodt

Oigers Wochenendtipp: Auf den Spuren alter Bergbau-Anlagen

Dresden/Bobritzschtal, 3. Oktober 2015. Das herbstlich sonnige Wetter lädt zu einer ebenso entspannten wie interessanten Wanderung ein, bei der wir im reizvollen Bobritzschtal nach Spuren bergbaulicher Tätigkeit suchen wollen. Wir begeben uns auf im Gebiet zwischen Freiberg und Nossen gelegene Grabentour, von der schon unsere Urgroßeltern schwärmten. „Der Graben führt Bergwerksgewässer und durchbricht im Verlaufe der Tour viermal den Felsen. Herrlicher Waldbestand.“, animierte schon der um 1910 erschienene „Meinholds Routenführer Nr.3 – Dresdens Umgebung“. An diesem Urteil hat sich bis heute nichts geändert.

Grabentour gilt als eine der schönsten Wanderungen in Sachsen

Auch die aktuell zur Grabentour im Netz nachlesbaren Publikationen zählen die Grabentour zu den schönsten Wanderungen in Sachsen. Genug des Lobes, wir fahren auf der B173 bis Hetzdorf, biegen dort rechts ab und stellen unser Auto an der Wünschmann-Mühle in Krummenhennersdorf ab. Wer sich vom Navi-Gerät leiten lassen will, kann die Adresse „09633 Halsbrücke OT Krummenhennersdorf, Halsbrücker Straße 83“ wählen. Auf der Fahrt dorthin haben wir oft die 140 Meter hohe Halsbrücker Esse im Blickfeld. „Sie entführt die giftigen (!) Gase aus den Schmelzhütten von Halsbrücke:“, lobt sie der Routenführer. Ja, nur weit weg damit, sollen sich doch Andere damit rumplagen, wir sind das Zeug jedenfalls los. Na also!

An dieser Karte können wir uns auf der Grabentour orientieren. Karte: Lutz Mitka, unbekannter-bergbau.de

An dieser Karte können wir uns auf der Grabentour orientieren. Karte: Lutz Mitka, unbekannter-bergbau.de

Wildromantische Tallandschaft

Gleich hinter der Mühle beginnt unsere Wanderung entlang des wildromantischen Bobritzschtales nach Reinsberg. Die Tour verläuft nicht nur durch eine schöne Landschaft, sondern auch entlang eines Kunstgrabensystems, das 1844 bis 1846 angelegt wurde, um den 13, 9 Kilometer langen Rothschönberger Stolln auffahren zu können. Entlang des Weges erkennen wir bald, mit wie wenig Anstrengung, mit welchem Geschick, unsere Vorfahren mit einfachen Mitteln geniale Problemlösungen erreichten.

 Morgenstimmung an der Grabentour im reizvollen Bobritzschtal. Foto: Peter Weckbrodt

Morgenstimmung an der Grabentour im reizvollen Bobritzschtal. Foto: Peter Weckbrodt

Pumpen was das Zeug hält

Unterhalb der Wünschmann-Mühle zweigt der 3,557 Kilometer lange Kunstgraben von der Bobritzsch ab. Er führt das Wasser mit möglichst geringem Gefälle längs des Tales. Je geringer das Gefälle, desto größer war der Höhenunterschied, über den das Wasser nach einer gewissen Strecke zum Antrieb von Pumpen möglichst energiereich genutzt werden konnte. Und Pumpen mussten die Bergleute, was das Zeug hielt, um sich das Wasser vom Leibe zu halten, zugleich war das beim Stollenvortrieb gewonnene Gestein ans Tageslicht zu fördern. Die Pumpen standen an den „Lichtlöchern“, insgesamt acht an der Zahl zwischen Halsbrücke und Rothschönberg. Wir passieren auf unserer Tour die Standorte des IV. und V. Lichtloches.

Das große Mundloch des Rothschönberger Stolln. Foto: Peter Weckbrodt

Das große Mundloch des Rothschönberger Stolln. Foto: Peter Weckbrodt

Quarzit für Meißner Porzellan abgebaut

Unser Wanderweg windet sich um die Felsen herum, er ist deshalb länger als der Graben selbst. Dieser durchbricht in Durchlässen, Röschen genannt, die natürlichen Hindernisse. Nur 1652 Grabenmeter sind offen, auf weiteren1905 Metern wurde das Wasser durch solche Röschen geführt. Seitlich neben dem Mundloch der Porzellan-Rösche erkennen wir einen Stollen, in dem einst Quarzit abgebaut wurde. Dieses Gestein fand in der Meißner Porzellanmanufaktur Verwendung. Oberhalb des Mundloches erinnert eine Tafel an die Freiberger Bergbau-Ingenieure, die das Grabenbauwerk errichteten.

An der Wünschmann- Mühle in Krummenhennersdorf beginnt die Grabentour. Foto: Peter Weckbrodt

An der Wünschmann- Mühle in Krummenhennersdorf beginnt die Grabentour. Foto: Peter Weckbrodt

Bergschmiede und Treibhaus sind heute technische Denkmale

Später erreichen wir das V. Lichtloch, auf dessen Halde die Gemeinde Reinsberg eine Schutzhütte eingerichtet hat. Von der einst hier befindlichen Schachtanlage ist nichts mehr zu erkennen. An der Reinsberger Rösche verlässt die Grabentour das Bobritzschtal. Der Weg führt zunächst bergauf, dann an einem Campingplatz und später am Fundament eines früheren Pulverturms vorbei. In die von links kommende Fahrstraße biegen wir rechts ein und haben dann das IV. Lichtloch, das Ziel unserer Wanderung erreicht. Das Wasser wird hier in den Dorfbach gelassen. Das Treibhaus, die Radstubenkaue, das Huthaus, die Bergschmiede und der Zimmerschuppen sind heute technische Denkmale. Unter dem Gebäude des Lichtloches befindet sich der Zugang zum Rothschönberger Stolln, der in 80 Metern Tiefe Reinsberg unterquert.

Führungen auf Anfrage

Alle Anlagen befinden sich in einem hervorragenden Zustand, sie werden vom Verein „Viertes Lichtloch des Rothschönberger Stolln“ betreut. Wir empfehlen unbedingt, sich einer sachkundigen Führung anzuschließen. Anmeldungen zu Führungen und Besichtigungen nehmen die Vereinsmitglieder Köhler (037324 6015), Ulbrich (037324 7358), Skokan (037324 87861) und Haubold (035242 68661) entgegen.

Da es in Reinsberg keine gastronomische Einrichtung gibt, heben wir uns die Stärkung mit Speise und Trank für die Zeit nach der Rückkehr in Krummenhennersdorf auf. An der Mühle ist hierzu Gelegenheit. Die Pause nutzen wir auch, um uns mit der bergbaulichen Bedeutung des Rothschönberger Stolln näher vertraut zu machen.

Unter dem Schachtgebäude am IV. Lichtloch verläuft der Rothschönberger Stolln in 90 m Tiefe. Foto: Peter Weckbrodt

Unter dem Schachtgebäude am IV. Lichtloch verläuft der Rothschönberger Stolln in 90 m Tiefe. Foto: Peter Weckbrodt

Stolln konnte mit Booten inspiziert werden

Es ist gut zu wissen, dass der Stolln seinerzeit und noch bis heute der Wasserregulierung in den Freiberger Gruben dient. Er wurde zwischen 1844 und 1882 aufgefahren und kostete reichlich 7 Millionen Reichsmark. Er kann zur Kontrolle und Wartung mit Booten befahren werden. Er führt das Wasser bis zur Triebisch in der Gemeinde Rothschönberg. Nach dem Ende des Freiberger Bergbaus lieferte ein über dem Stolln errichtetes Kavernen-Kraftwerk von 1914 bis 1972 „sauberen „Strom. Heute kann die TU Bergakademie Freiberg, dank der Entwässerung durch den Stolln, die Lehrgrube Alte Elisabeth – Reiche Zeche bis zu einer Teufe (Tiefe) von 230 m betreiben.

Abstecher nach Freiberg

Als nachmittägliches Ziel bietet sich ein Besuch der Bergstadt Freiberg an. Beim entspannten Kaffeetrinken in der historischen Altstadt können schon mal die von der Grabentour gemachten Bilder und Videos gesichtet werden. Wen die zum Rothschönberger Stolln gegebenen Informationen neugierig gemacht haben, sollte den Weg nach Rothschönberg nicht scheuen. Dort gibt es zwei Mundlöcher für den Stolln. Das ist zunächst das Historische, das tatsächlich noch Wasser aus dem Freiberger Revier hier an die Triebisch abgibt. Das Zweite, das optisch deutlich imposanter gestaltetet ist, liegt nur gut einen Kilometer davon entfernt. Es ist der Zugang für Kontroll- und Wartungsarbeiten am Stolln. Beide Mundlöcher sind von der in Rothschönberg nach Groitzsch abzweigenden Straße zu Fuß schnell erreichbar.

Autor: Peter Weckbrodt

-> Weitere Informationen im Netz unter www.unbekannter-bergbau.de; www.viertes­-lichtloch.de