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„20.000 Days on Earth“: Ambitionierte Collage über Rockpoeten Nick Cave

Nick Cave, der Poet, der Musiker, der große Selbstinszenator, an der Schreibmaschine. Foto: REM

Nick Cave, der Poet, der Musiker, der große Selbstinszenator, an der Schreibmaschine. Foto: REM

Ein alter Analogwecker schellt, eine mechanische Schreibmaschine tackert, ein Anrufbeantworter spult seinen Spruch von einer ollen Tonbandkassette runter: Nick Cave gibt sich daheim herrlich analog-altmodisch, das muss man dem australischen Ausnahme-Musiker einfach lassen. Was könnte aber auch besser zu dieser melodiösen, expressiven, wunderbar artikulierenden Stimme passen, die zusammen mit Kylie Minogue über die wilde Rose schmachtete, die mit Blixa Bargeld („Einstürzende Neubauten“) die bösen Saaten blühen ließ und die Ermordung des Jesse James besang? In der Dokumentation „20.000 Days on Earth“, die nun auf DVD erschienen ist, tauchen die Performance-Künstler Iain Forsyth und Jane Pollard auf ganz eigene Weise in das Leben dieses Rockpoeten ein.

Ihr Duett "Where The Wild Roses Grow" zusammen mit Nick Cave war 1996 ein großer Hit: Kylie Minogue in Nicks Auto. Foto: REM

Ihr Duett „Where The Wild Roses Grow“ zusammen mit Nick Cave war 1996 ein großer Hit: Kylie Minogue in Nicks Auto. Foto: REM

Kein Fan-Vehikel, sondern selbst ein Kunstwerk

Dabei machen Forsyth und Pollard gerade das nicht, was viele Filme über beliebte Bands oder Musiker letztlich so langweilig für Nicht-Fans macht: Ihre Dokumentation gibt sich zwar als ein archetypischer Tag im Leben von Nick Cave, ist aber mehr als bloßes Vehikel, um Fan-Voyeurismus zu bedienen und „die besten Hits“ noch einmal herunter zu dudeln, um das Objekt der Begierde zu beweihräuchern. Sie konfrontieren Nick Cave mit alten Weggefährten, montieren eine Collage aus Psychosen, Drogen, Musik und überhöhter Selbstreflexion.

Werbevideo (REM):

Rockstars sind die Figur, die sie selbst erschaffen haben

So entsteht eine Dokumentation mit den szenischen Mitteln eines Spielfilms, die diese Ebene aber immer wieder auch bricht. Insofern ist „20.000 Days on Earth“ selbst ein Kunstwerk für sich. Sicher: Die beiden Regisseure geben dem australischen Musiker hier eine filmische Bühne zur Selbstinszenierung, doch wenn man so will, konstruiert sich Nick Cave seit jeher aus eben dieser Quelle: Tritt er auf die Bühne, wird aus dem kultivierten netten Plauderer eine bedrohliche Ikone, die einschüchtert, droht, fleht und dabei ständig alle Fäden in der Hand behält.

 

Iain Forsyth hat da sicher recht, wenn er in einem Interview, das in der Bonussektion der DVD zu finden ist, sagt: „Es gibt keine Maske zum Runterreißen. Nick ist die Figur, die er erschaffen hat. Die großen Rockstars sind das, was sie selbst geschaffen haben – das ist ihr Leben.“

 

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Fazit: einer der besten Musikerfilme seit Jahren

„20.000 Days on Earth“ ist für mich einer der besten Musikerfilme seit Jahren. Nicht nur, weil ich Nick Cave und seine Musik toll finde. Sondern weil diese filmische Collage gar nicht erst vorgibt, den „wahren“ Nick Cave zu enthüllen, weil sie lieber gleich offen zugibt, die Inszenierung einer Inszenierung zu sein – und das aber sehr ambitioniert. Autor: Heiko Weckbrodt

Foto: REM

Foto: REM

20.000 Days on Earth“, Dokumentation über Nick Cave, Regie: Iain Forsyth und Jane Pollard, mit Nick Cave, Kylie Minogue, Blixa Bargeld u.a., Großbritannien 2014, Studio: Rapid Eye Movies, 96 Minuten plus anderthalb Stunden Bonusmaterial (Spezialedition) auf einer Extra-DVD (Interviews, Bonusszenen, Making-Of, Musik-Videos), DVD 15 Euro, Bluray 21 Euro